Otto von Bismarck wird der Satz zugeschrieben: »Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd«. Er vergaß die Begräbnisse!
Der »Kanzler der Einheit« ist vier Wochen unter der Erde, da bekommt das Bild der trauernden Witwe Maike Kohl-Richter (53) Risse. Wieviel Macht hatte sie wirklich über Kohl? War der Altkanzler am Ende seines Lebens nur noch ein Schatten seiner selbst? Was für eine menschliche Tragödie muss sich in der »Festung von Oggersheim« abgespielt haben!
Einer der wenigen, der trotz hermetischer Abschirmung Einblick hinter die meterhohe Sichtmauer vor Kohls Bungalow hatte, flüsterte uns in der Hauptstadt zu: Der »Machtmensch Kohl« habe sich am Ende seines Lebens hilflos gefühlt. Sein noch wacher Geist gefangen in einem weitgehend bewegungsunfähigen Körper, sein Leben im Rollstuhl seit dem Treppensturz 2008 und dem schweren Schädel-Hirn-Trauma alles andere als selbstbestimmt. Kohl habe unter dieser Hilflosigkeit regelrecht gelitten.
Hatte er – zum Beispiel – wirklich mit seinen Söhnen Peter (51) und Walter (53) abgeschlossen? Oder spürte er vor seinem Tod in seinem tiefsten Innern doch noch den Wunsch nach Aussöhnung, wie man in Berlin hört? Es waren erschütternde Bilder: Walter Kohl steht vor dem Haus des verstorbenen Vaters. Mit ihm gekommen sind die Enkelkinder Leyla (15) und Johannes (20). Die Tür bleibt verschlossen.
So sicher wie das Amen beim Trauergottesdienst im Dom von Speyer ist: Der Altkanzler dürfte nicht nur ein beträchtliches Vermögen hinterlassen haben, sondern – für die Nachwelt noch viel wertvoller – einen unermesslichen Aktenschatz. Seine Witwe mag sich wohl als einzig legitimierte Verwalterin seines politischen Nachlasses sehen. Das Bundesarchiv in Koblenz aber dürfte ebenfalls Ansprüche erheben, soweit es um Dokumente aus Kohls Amtszeit als Kanzler geht. Wer wird den Aktenschatz von Oggersheim heben?



