Wahlplakate unter der Lupe: Sitzen wir im falschen Film?

Masseneinwanderung, islamistischer Terror, steigende Kriminalität, explodierende Sozialkosten, Altersarmut, Euro-Krise und vieles andere mehr … Wahrlich: 3 Wochen vor der Wahl hat Deutschland genug Probleme! Doch was machen die Parteien daraus? Nichts! Nimmt man die Plakate der Parteien für die Bundestagswahlen unter die Lupe, wird schnell deutlich: Eines können alle Parteien gemeinsam sehr gut, an der Bevölkerung und den aktuellen Problemen vorbeipolitisieren. Dies zeigt der große Plakatcheck, den der international erfahrene Werber Alexander Segert für den Deutschland-KURIER exklusiv durchführte.

Wer seine Wähler mobilisieren und neue Wähler gewinnen will, sollte eines tun: Die Wähler ernst nehmen. Das heißt nichts anderes, als ihre Sorgen, Nöte, Ängste, Wünsche und Hoffnungen aufnehmen – und dazu ein entsprechendes Versprechen abgeben. Also den Wählerinnen und Wählern einen triftigen, klar verständlichen und aktuellen Grund geben, warum er sich am Sonntagmorgen die Mühe machen soll, sich aus dem Bett zu quälen, die Schuhe anzuziehen, sich zum nächsten Wahl­lokal zu begeben und dort einen Entscheid zu fällen. Mit anderen Worten: Der Wähler will ein klares Versprechen, was er dafür bekommt, wenn er einer Partei seine Stimme geben soll. Zudem muss dieses Versprechen glaubwürdig sein, also zur Partei, ihrem Markenkern und ihren Taten passen.
Plakate sind dasjenige Werbemittel, auf dem dieses Versprechen in komprimiertester Form vermittelt werden kann und muss. Die Parteien haben dazu rund 1,8 Sekunden Zeit. Denn genau so lange oder kurz wird ein Plakat im Durchschnitt betrachtet. In dieser Zeit muss ein Plakat beim Betrachter, der die Plakate zumeist unwillentlich, das heißt aus dem Augenwinkel, wahrnimmt, etwas auslösen: Interesse, Verständnis, Glaubwürdigkeit sowie Emotionen, die zu einer Handlung animieren, sprich: »Ich will diese Partei wählen!«
Für die Parteien und Plakatgestalter bedeutet das: Keine Romane erzählen, weglassen, was nur geht, sich auf das absolut Wesentliche konzentrieren und vor allem die Emotionen ansprechen.
Klingt alles fürchterlich banal und simpel. Der Plakat­check zeigt aber, wie wenig es den Parteien gelingt, diese Binsenweisheiten umzusetzen. Kein Wunder daher, dass ein großer Teil der Bevölkerung dann doch lieber am Sonntag im Bett bleibt und die Stimme für sich behält. Politikverdrossenheit ist auch Plakatverdrossenheit.

Alexander Segert (54) geboren in Hamburg, seit 1985 in der Schweiz lebend, ist einer der profiliertesten Kommunikationsberater, Trainer und Werber für Wahlen und Abstimmungen mit Mandaten in vielen Ländern Europas. Aktuell hat er eine Kampagne im Auftrag der Sozialdemokratischen Partei des Kantons Zürich entwickelt und ist im Auftrag des Vereins zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten für die Bundestagswahl in Deutschland aktiv.

 

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