Am 17. Juni 1953 walzen sowjetische Panzer den Volksaufstand in der DDR blutig nieder

Der vergessene Feiertag

Am 17. Juni 1953, vier Jahre nach Gründung der DDR, protestierten Hunderttausende Menschen im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands für Freiheit und Demokratie. Bis zur Wiedervereinigung 1990 war der 17. Juni Nationalfeiertag – heute ist er nur noch ein lästiger Gedenktag mit den üblichen Pflichtreden.

Ein sowjetischer T34-Panzer macht am 17. Juni 1953 in der Schützenstraße (Ost-Berlin) Jagd auf Demonstranten

Es brodelte schon seit Wochen, es lag etwas in der Luft:

Am Vorabend des 17. Juni kam es schließlich in der Ost-Berliner Stalinallee zu Massendemonstrationen gegen das kommunistische Regime in der sowjetisch besetzten Zone (DDR). Angeführt wurden die Proteste von Bauarbeitern, die wegen ihrer Arbeitsbedingungen in den Streik traten. Mit der Erhöhung der Arbeitsnormen um 10 Prozent bis zum 30. Juni, dem 60. Geburtstag von Staats- und Parteichef Walter Ulbricht, wollte das SED-Zentralkomitee (ZK) de facto eine weitere Senkung der Hungerlöhne zum »Aufbau des Sozialismus« durchsetzen.

Denn: Die DDR-Wirtschaft lag nach der Enteignung des Mittelstandes und der Kollektivierung von Industrie und Landwirtschaft am Boden. Die Versorgung der Bevölkerung mit Butter, Milch, Fleisch und anderen Grundnahrungsmitteln verschlechterte sich zunehmend. Zwischen Juli 1952 und April 1953 flohen zudem rund 300.000 Menschen in den Westen. Im gleichen Zeitraum verdoppelte sich die Zahl der politischen Gefangenen auf 67.000. Unter der Bevölkerung braute sich etwas zusammen. Die DDR-Regierung lenkte zunächst ein und gab bekannt, dass die Normerhöhung zurückgenommen wird.

Doch das reichte den Demonstrierenden längst nicht mehr. »Freie Wahlen« skandierten Tausende am 16. Juni vor dem »Haus der Ministerien«. Schließlich wurde unter Jubel für den 17. Juni der Generalstreik ausgerufen. In mehr als 500 Orten wurde am folgenden Tag gestreikt und demonstriert. Gut eine Millionen Menschen gingen am 17. Juni 1953 auf die Straße. Die größten Demonstrationszüge fanden in Ost-Berlin, Dresden, Halle, Leipzig und Magdeburg statt.

Die explosive Stimmung eskaliert: 

► Am Brandenburger Tor klettern Jugendliche an einer Stange zum Brandenburger Tor hinauf, um die rote Fahne herunterzuholen. Sie wird von den Demonstranten zerrissen und verbrannt.

► An der Sektorengrenze Zimmerstraße/Ecke Friedrichstraße geht ein Wachhäuschen der Volkspolizei in Flammen auf.

► Demonstranten besetzen Regierungsgebäude und Polizeireviere, befreien politische Gefangene.

Gefordert werden jetzt nicht nur freie Wahlen, sondern auch die Absetzung des SED-Regimes und die deutsche Wiedervereinigung.

► Gegen 11 Uhr rollen die ersten sowjetischen Panzer in die Innenstadt Ost-Berlins. Die Rotarmisten räumen die besetzten Gebäude und Straßen.

Die Machthaber verhängen den Ausnahmezustand. Es wird scharf geschossen. Es gibt Tote und Verletzte. Am frühen Abend ist der Aufstand blutig niedergeschlagen. Die Bilanz: 34 Tote.

Zehntausende werden in den kommenden Tagen landesweit verhaftet. Die SED-Führung nennt den Aufstand einen vom Westen gesteuerten »faschistischen Putschversuch«.

Warum wir den 17. Juni nicht vergessen sollten

Die Menschen, die am 17. Juni in der DDR auf die Straße gingen, hatten den Mut, Hoffnung zu haben. Sie hatten den Mut, Widerstand zu leisten. Sie waren letztlich das Vorbild für den unblutigen Volksaufstand im Herbst 1989, der zur Wiedervereinigung Deutschlands führte. Bis 1990 wurde deshalb im Westen der Republik der 17. Juni als Nationalfeiertag (»Tag der Deutschen Einheit«) im Gedenken an die Niederschlagung des Arbeiteraufstandes in Ost-Berlin begangen.

Nach der Wiedervereinigung wurde der Nationalfeiertag willkürlich auf den 3. Oktober festgelegt. Das Datum markiert den an diesem Tag vor 30 Jahren wirksam gewordenen Beitritt der damaligen DDR zur Bundesrepublik Deutschland. Es hatte zwar verschiedentlich im Vorfeld Überlegungen gegeben, den 9. November (die Nacht, als 1989 die Mauer fiel) als Nationalfeiertag festzulegen; aber weil das Datum anderweitig historisch vorbelastet ist (»Reichspogromnacht«), wurde dieser Gedanke wieder verworfen.

Heute erinnert nur noch die breite Straße, die sich im Herzen des Berliner Tiergartens um die Siegessäule windet, an den 17. Juni 1953. (hh)

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