»Harry Potter« der CDU:

Austern, Champagner, Aktien, Direktorenposten – die Entzauberung von Philipp Amthor

Der »Harry Potter der CDU« ist entzaubert. Unter der scheinkonservativen Maskerade von Philipp Amthor (dunkelblauer Zweireiher, weißes Einstecktuch) sehen wir plötzlich das erst 27 Jahre alte hässliche Gesicht von Gier, Habsucht und Altparteien-Heuchelei. Seine Hasstiraden gegen die AfD, der er im Bundestag regelmäßig Werte und Überzeugungen abspricht, fallen auf den CDU-Frühreifen selbst zurück.

Von Aloys Krause

Kürzlich war Philipp Amthor, den sie wegen seiner jungen Jahre und seines gepflegten Auftretens auch den »Harry Potter der CDU« nennen, auf England-Tour. Es war ein Trip am Rande der Hybris: Der jüngste Abgeordnete des Deutschen Bundestages verglich sich mit dem großen konservativen britischen Premierminister: »Boris Johnson verstellt sich nicht – ich mache es genauso wenig.« Vor Studenten in London pries sich Amthor als »schärfste Waffe der CDU gegen die AfD« an.

Eine Waffe, von der wir im Lichte der jetzt bekannt gewordenen Enthüllungen wissen, dass sie so scharf ist wie eine Wasserpistole. Amthor, der CDU-Landesvorsitzender in Mecklenburg-Vorpommern werden will, hat sich seit seinem Einzug in den Bundestag vor knapp drei Jahren nicht nur verstellt – mehr noch, er muss sich fragen lassen, ob er sogar käuflich war? Das jedenfalls insinuiert ein ›Spiegel‹-Bericht, der einer politischen Hinrichtung des politischen Schnellaufsteigers gleichkommt.

Anständigkeit und Rechtsstaatlichkeit – für solche Werte schien sich der vermeintlich konservative CDU-Jungstar Amthor leidenschaftlich einzusetzen. Der AfD warf er im Bundestag im Zusammenhang mit dem unabhängigen Deutschland-Kurier (»Ihr Kampfblatt!«) Doppelmoral und Intransparenz vor. Beides Eigenschaften, die jetzt auf ihn selbst zurückfallen.

Werbebrief mit Bundestagsadler

Denn Amthor legte schon kurz nach der Bundestagswahl eine bemerkenswerte Nebenkarriere hin. Laut ›Spiegel‹ hat er seit Herbst 2018 Lobbyarbeit für das auf dem Sektor der künstlichen Intelligenz tätige New Yorker Start-up »Augustus Intelligence« betrieben. Von der Technologiefirma, bei der auch Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) als Teilhaber einstieg, erhielt Amthor Aktienoptionen in erheblichem Umfang und einen Direktorenposten. Bei Merkels treuestem Paladin, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), warb Amthor in einem Empfehlungsschreiben auf offiziellem Bundestagsbriefbogen unter anderem um niedrige Strompreise für das Technologieunternehmen.

»So ein geiler Typ«

Laut ›Spiegel‹ soll in internen E-Mails von Augustus bezüglich Amthor die Rede davon gewesen sein, dass der CDU-Politiker »gut für uns« sei. Für den Brief an Altmaier hätten Augustus-Mitarbeiter Amthor regelrecht gefeiert: Er sei »so ein geiler Typ« – »Wir müssen uns echt bei ihm bedanken.«

Tatsächlich kam es nach dem Werbeschreiben von Amthor an Altmaier, aus dem der ›Spiegel‹ den vorstehenden Ausriss abdruckt, zu zwei Treffen im November 2018 mit Wirtschaftsstaatssekretär Christian Hirte (CDU). Auch waren Vertreter des New Yorker Start-ups bei einem »Expertengespräch« über künstliche Intelligenz mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) zugegen. Gut ein halbes Jahr nach den Treffen mit Hirte wird CDU-Mann Amthor bei Augustus Mitglied des »Board of Directors« – mit dem Posten gehen Aktienoptionen für die junge Firma einher, mindestens 2.817 sollen es gewesen sein.

Im Klartext: Amthor hat in Berlin einem Unternehmen die Türen geöffnet, von dem er selbst profitierte. Amthor flog für Augustus nach New York, St. Moritz und Korsika. Laut ›Spiegel‹ gab es Partys in Luxushotels mit Austern und Champagner. Auch wenn er offiziell kein Gehalt bezogen haben soll, so steht doch fest: Amthor betrieb massiv Lobbyarbeit für das New Yorker Start-up und arbeitete somit am Mehrwert seiner Aktienoptionen. Unklar ist noch, wer die verschiedenen »Geschäftsreisen« finanzierte.

»Ich bin nicht käuflich«

Amthor hat die Vorwürfe inzwischen im Kern bestätigt. Er habe der Bundestagsverwaltung die Nebentätigkeit angezeigt. »Ich bin nicht käuflich«, ließ er zerknirscht verlauten. Trotzdem habe er sich angreifbar gemacht, die Kritik könne er nachvollziehen. Sein Engagement für Augustus sei »ein Fehler« gewesen und entspreche nicht seinen eigenen Ansprüchen an die Wahrnehmung seiner Aufgaben. Er habe deshalb Konsequenzen gezogen und seine Tätigkeit für das Unternehmen beendet. Die Anteilsoptionen habe er nie wahrgenommen und bereits zurückgegeben. Altmaier kündigte eine interne Untersuchung der Vorgänge an. Ob das reicht?

Es ist der Absturz aus einer politischen Bilderbuchkarriere:

Amthors Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern grenzt direkt an den von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Den Sohn einer alleinerziehenden Mutter zog es früh in die Politik, schon mit 15 trat er in die Junge Union (JU) ein. Zwei Jahre später war er bereits im Landesvorstand. Während des Studiums arbeitete er für verschiedene Landtags- und Bundestagsabgeordnete, bevor er 2017 selbst antrat und prompt gewählt wurde. Für den ehrgeizigen CDU-Aufsteiger kommen die Enthüllungen zur Unzeit – denn eigentlich stünde jetzt der nächste Karriereschritt an:

Amthor ist derzeit der einzige Kandidat für den vakanten Landesvorsitz der CDU in Mecklenburg-Vorpommern, seine Konkurrentin hatte erst vergangene Woche ihre Kandidatur zurückgezogen. Als CDU-Landesparteichef wäre Amthor zudem der natürliche Spitzenkandidat der Christdemokraten für die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern im kommenden Jahr. Noch vor einer Woche sagte Amthor, er könne sich eine Spitzenkandidatur »natürlich« vorstellen, wolle jetzt aber keine Personalspekulation betreiben. Gut möglich, dass sich die Frage ohnehin erledigt hat!

Epilog. Unwillkürlich kommt einem Martin Walser in den Sinn: »Jede Moral produziert ihre eigene Heuchelei.«

Immer wie aus dem Ei gepellt: Philipp Amthor (CDU) bevorzugt scheinkonservativen Dresscode – blauer Zweireiher, Einstecktuch. Aber auch Austern, Schampus und geldwerten Aktionenoptionen ist er als Lobbyist nicht abgeneigt gewesen (Fotomontage)
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