Bei ›Bild‹ wackelt jeder fünfte Arbeitsplatz. Die Auflage befindet sich im freien Fall:

Die Geschichte vom langen Sterben einer Zeitung

von Elfie Kaspers

Zu besten Zeiten verkaufte ›Bild‹ einmal fünf Millionen Exemplare – heute nur noch etwas mehr als eine Million. Aus dem einstigen Boulevard-Schlachtschiff ist ein opportunistischer Seelenverkäufer geworden. Wie konnte es nur so weit kommen?

Zurückgelassene ›Bild‹-Zeitung auf einer maroden Parkbank: Das einstige Boulevard-Schlachtschiff dümpelt seinem Untergang entgegen

Alle drei Monate schlägt für die deutschen Mainstream-Chefredakteure die Stunde der Wahrheit. Dann veröffentlicht die »Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern« (IVW) ihre Quartalserhebungen zur Printauflage deutscher Medien.

›Bild‹-Oberchefredakteur Julian Reichelt kann jedes Mal die Uhr danach stellen: Rund zehn Prozent Auflage gegenüber dem Vorjahresquartal verliert das Springerblatt seit seiner unsäglichen »Refugees Welcome«-Kampagne. Deren geistiger Urheber soll übrigens Reichelt gewesen sein und nicht – wie vielfach behauptet – sein Ziehvater, der frühere ›Bild‹-Chefredakteur/Herausgeber Kai Diekmann. Dem soll zu dieser Zeit schon alles egal gewesen sein nach dem Motto: Nach mir die Sintflut!

Seit zwei Jahren versucht Wendehals Reichelt den Untergang der einst großen Boulevard-Zeitung mit betont migrationskritischen Themen (»Stimmt es, dass bei uns was nicht stimmt?«) aufzuhalten. Doch die Leser nehmen ihm die Wandlung vom Saulus zum Paulus nicht ab: Das Blatt befindet sich weiter im freien Fall.

Im zweiten Quartal 2019 verlor ›Bild‹ laut der letzten »IVW«-Erhebung erneut eine sechsstellige Zahl von Lesern (144.003). Die verkaufte Auflage dürfte in den ehrlichen Kategorien Abo und Einzelverkauf inzwischen bei nur noch rund 1,2 Millionen liegen – inklusive der schwindsüchtigen Berliner ›B.Z.‹, die der Springer-Verlag der Einfachheit halber gleich der ›Bild‹-Auflage zuschlägt.

Die Lage bei ›Bild‹ (dem Vernehmen nach rund 600 Redakteure/Reporter) ist inzwischen so dramatisch, dass jeder fünfte Arbeitsplatz wackelt (der Deutschland Kurier berichtete). Die Redaktion hilft sich mit Sarkasmus: »Der Letzte macht das Licht aus. Quatsch! Wir laufen doch sowieso schon mit der Kerze in der Hand herum.«

Auch unter dem derzeitigen ›Bild‹-Chefredakteur Julian Reichelt verzeichnet das Springerblatt Jahr für Jahr einen dramatischen Auflagenverlust

***

»Sie sägten die Äste ab, auf denen sie saßen/Und schrien sich zu ihre Erfahrungen/Wie man schneller sägen könnte und fuhren/mit Krachen in die Tiefe und die ihnen zusahen/schüttelten die Köpfe beim Sägen und/Sägten weiter.«
(Bertolt Brecht)

***

»Gegen ›Bild‹ ist eine Wahl nicht zu gewinnen«

Die erste ›Bild‹-Zeitung erschien am 24. Juni 1952 in den westdeutschen Wiederaufbaujahren und kostete zehn Pfennig. Ein knappes Jahr später verkaufte das Blatt (viele Bilder, knappe Texte) schon 532.682 Exemplare am Kiosk. Ende 1953 knackte ›Bild‹ die Millionenmarke, 1960 wurde die nächste Schallmauer durchbrochen (drei Millionen). Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) erkannte als Erster: »Gegen die ›Bild‹-Zeitung ist eine Wahl nicht zu gewinnen.«

Eine ›Bild‹-Schlagzeile für die Ewigkeit

Seine größten Erfolge feierte das Boulevard-Blatt, das am 21. Juli 1969 mit der Kultschlagzeile »Der Mond ist jetzt ein Ami« aufmachte, Anfang der 80er-Jahre unter dem legendären Redaktionsdirektor Günter Prinz und seinem Chefredakteur Horst Fust: 5,54 Millionen Auflage, ein Allzeitrekord! Der visionäre Verleger und deutsche Patriot Axel Springer hatte aus seiner ›Bild‹ einen gigantischen Erfolg gemacht – und eine Zeitung, vor der die Politiker zitterten.

»Dem Volk immer aufs Maul geschaut«

Auf die Frage, was er sich 1952 dabei dachte, als er ›Bild‹ erfand, sagte Axel Springer später einmal: »Ich wollte eine gedruckte Antwort auf das Fernsehen.« Der große konservative Verleger fügte noch einige grundsätzliche Anmerkungen hinzu: »Jedermann weiß, dass diese Zeitung nicht schüchtern ist, dass ›Bild‹ gehalten ist, holzschnittartig zu formulieren. Das passt einer Minorität von Ästheten nicht so recht, aber in toto kommt es glänzend an. ›Bild‹ hat dem Volk immer aufs Maul geschaut.«

***

Axel Springer starb am 22. September 1985. Wenig später fing bei ›Bild‹ in der Bonner Parlamentsredaktion ein Volontär an, das wallende Haupthaar zum Zopf gebunden. Gerade erst Anfang 20 sagte er frech: »Ich werde einmal ›Bild‹-Chefredakteur.«

Der Anfang vom Ende

Der junge Mann wurde am 1. Januar 2001 tatsächlich Chefredakteur der ›Bild‹-Zeitung, sogar der am längsten amtierende. Er wurde allerdings auch der Totengräber dieses einst so mächtigen Blattes. Der Mann heißt Kai Diekmann. Bis zu seinem unrühmlichen Abgang schaffte er es, die Auflage in 15 Jahren auf 1,8 Millionen verkaufte Exemplare herunterzuwirtschaften.

Immer wieder wird der Niedergang von Axel Springers Lebenswerk mit dem Internet in Verbindung gebracht. Das ist, wenn überhaupt, nur teilweise richtig. Erstens legen andere Blätter gegen den Trend zu oder halten die Auflage einigermaßen stabil. Zweitens ist jede halbe Wahrheit immer eine ganze Lüge!

Das Meinungsmagazin ›Tichys Einblick‹ konstatierte zutreffend: »Die Causa Diekmann sollte als Menetekel für andere Medien, Parteien und Kirchen taugen. Denn auch ihnen laufen Kunden und Mitglieder in Scharen weg, weil diese den Gleichstream in Meinung, politischer Ausrichtung und moralischer Verkündung nicht länger ertragen wollen.«

Totengräber der auflagenstärksten deutschen Tageszeitung: Kai Diekmann, Chefredakteur der ›Bild‹ von Januar 2001 bis Dezember 2015

Wie ›Bild‹ sich immer mehr von seinen Lesern entfernte

Nach einem einjährigen Bildungsurlaub auf Verlagskosten im Silicon Valley umgarnte Diekmann zuletzt ein hippes Szenepublikum, dem er sich vorübergehend mit Salafistenbart, Tattoos, Kapuzenpulli und zerfetzten Jeans auch äußerlich annäherte: Seht her, was für ein cooler Hecht ich bin! Statt »Hamburger Schleck« (mit Schaumfestiger nach hinten betoniertes Haupthaar) trug Diekmann zu seinem inzwischen wieder abrasierten Rauschebart fortan Kurzhaarfrisur.

Neoliberale Typen ließ er von seinen Politruks bis zum Erbrechen hochschreiben, so den 2016 verstorbenen Ex-FDP-Chef Guido Westerwelle. Mit dessen »Witwer« Michael Mronz betreibt Diekmann heute in Berlin die auf Social-Media-Beratung spezialisierte PR-Firma »Storymachine«, zu deren Auftraggebern auch die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) gehören soll.

Oder Diekmann machte sich gemein mit Blendern wie dem CSU-Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg, dem er als Verteidigungsminister mit Rat und manch einer gefälligen Schlagzeile zur Seite stand.

Die frühere Kernleserschaft von ›Bild‹ blieb unter Diekmann immer mehr auf der Strecke: die sogenannten kleinen Leute mit ihren Alltagssorgen; mit der Rente, die oftmals hinten und vorne nicht reicht; mit der Angst vor Kriminalität und Überfremdung.

Stattdessen betrieb der eitle Selbstdarsteller und Viel-Twitterer Diekmann regierungsfreundlichen Streicheljournalismus. Er produzierte Gaga-Schlagzeilen und sinnentleerte Geschichten. C-Promis wurden hoch- und dann wieder gnadenlos runtergeschrieben. Alles nach dem Motto: »Etwas Spaß muss sein. Jeder kann schreiben, was ich will!«

Der journalistische Offenbarungseid

Diekmann, der sich in einer Mercedes-S-Klasse chauffieren ließ und dabei allerlei Videos konsumierte, produzierte schon mal fünfstellige Handygebühren innerhalb weniger Tage und hatte zunehmend den Kontakt mit den Lesern verloren. Besonders großartig fand er seine intime Nähe zu dem vor zwei Jahren verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl (CDU). Ausgerechnet diesen Mann, der sich in der CDU-Spendenaffäre über das Gesetz stellte, feierte ›Bild‹ penetrant als einen der größten Politiker aller Zeiten.

2015 leistete Diekmann seinen journalistischen Offenbarungseid, als er seine Mitarbeiter anwies: »Wir berichten nicht über die AfD – wir bekämpfen sie!«

Widerwillig, weil gegen besseres Wissen, mussten die Redakteure die »größten Lügen« über sogenannte Flüchtlinge aufschreiben – etwa, Migranten seien auffallend oft kriminell. Aber nicht doch!

›Bild‹, längst ein Teil der Systempresse, scheute auch vor Leserbeschimpfung nicht zurück: »Liebe PEGIDA-Idioten«, ließ Diekmann seinen Postmann Franz Josef Wagner, auf dessen »Post« schon lange keiner mehr wartet, hetzen. Der unsägliche Politikchef des Blattes, Nikolaus Blome, erklärte den Lesern, warum die Angst vor Terror eine »gute Angst« sei. Blome sei ein »als Journalist getarnter Regierungssprecher«, heißt es in der Redaktion.

Diekmanns kurzzeitige Nachfolgerin in der Chefredaktion, seine frühere Büroleiterin Tanit Koch (»alles habe ich von Kai Diekmann gelernt«), sollte sich als würdige Erbfolgerin erweisen. In der Redaktion wurde ihr eine intime Nähe zu Beate Baumann, der engsten Vertrauten von Angela Merkel (CDU), nachgesagt.

Im August 2017 entblödete sich Koch nicht, die Schlagzeile zu bringen: »Gysi eröffnet FKK-Wahlkampf.« Heute ist Koch Chefin von ›RTL/n-tv‹.

In der VW-Dieselaffäre stand ›Bild‹ nicht etwa auf der Seite der betrogenen Kunden (Leser), sondern stützte lange Ex-Konzernchef Martin Winterkorn, den die Staatsanwaltschaft Braunschweig u. a. wegen Betrugs und Untreue angeklagt hat. Carsten Maschmeyer, Gründer der »AWD«-Drückerkolonnen, konnte sich als Großspender der ›Bild‹-Aktion »Ein Herz für Kinder« von lästigen Recherchen freikaufen.

***

›Bild‹-Chef Julian Reichelt ist ein großer Fan der vor 16 Jahren verstorbenen Country-Legende Johnny Cash. Zu dessen Spätwerk gehört der Song »The man comes around«. Das unter die Haut gehende Lied handelt vom »Jüngsten Gericht«. Über ›Bild‹ scheint die Apokalypse bereits gekommen zu sein.

Drucken