Boris T. Kaiser:

Kreuzberger Döner-AG

Es gibt viele Wege und Möglichkeiten, als Schüler seine Schulnoten zu verbessern. Man kann sich zuhause einschließen und büffeln, zum Nachhilfeunterricht gehen, sich einer Lerngruppe anschließen. An einer Schule in Berlin gibt es jetzt eine weitere Option. Die Schüler der Carl-Zeiss-Oberschule in Lichtenrade können nach Unterrichtsschluss an einer Döner-AG teilnehmen, um so ihren Notenschnitt nach oben zu drücken. Um ganz genau zu sein: Es handelt sich bei der Arbeitsgemeinschaft, die von der Lehrerin Franziska Geipel ins Leben gerufen wurde, um eine »Döner-Tasting-AG«. »Sinn« und Zweck der Sache soll sein, die Sprachkompetenz der Schüler zu verbessern. Hierzu geht die Gruppe, bestehend aus der Lehrerin und einem halben Dutzend Neuntklässlern, regelmäßig gemeinsam in die verschiedensten Dönerbuden, um dort den Geschmack des angebotenen Fast Foods zu testen. Man stelle sich den islamisch/links-ökologischen Berliner Elternaufstand vor, würde die engagierte Lehrkraft mit ihren Schützlingen im Rahmen einer schulischen AG zu »McDonald‘s« oder »Burger King« gehen.

Aber Döner ist eben nicht nur einfaches Fast Food. Schon gar nicht in Berlin. Es ist die hippe Multikulti-Variante zur bräsig-deutschen Currywurst. Mehr Lebenseinstellung als schnödes Lebensmittel. Auch Frau Geipel sagt deshalb: »Der Döner ist das praktische Mittel zum Zweck. Wenn wir die Kinder damit motivieren können, zu schreiben, ist das der richtige Weg. Schule muss heute auch andere Wege gehen.«

Einmal Zukunft »mit alles und scharf«

Die Schüler sollen den Döner nämlich nicht einfach nur hinunterschlingen, sondern im Anschluss an das gemeinsame Essen beim Orient-Imbiss eine mindestens einseitige Gastro-Kritik verfassen. »Die Jugendlichen lernen neue Begriffe, beginnen dadurch sich mit verschiedenen Wörtern auszudrücken. Mit der Zeit wird ihr Ausdruck besser, sie werden mutiger, was ihre Sprache angeht«, sagt die Lehrerin für Deutsch und Geschichte. Fleißiger scheinen die Schüler durch die heißen und fettigen Motivationsspritzen nicht zu werden. Der Besuch von AGs ist an der Carl-Zeiss-Oberschule verpflichtend. Mehr als die verlangte eine Seite hat bisher noch keiner der Neuntklässler geschrieben. Schon gar nicht außerhalb der Schulzeit. »Ich schreibe WhatsApp«, sagt einer der Vierzehnjährigen gegenüber der ›B.Z.‹. Einer seiner Mitschüler wendet ein: »Nee, nicht mal. Ich verschicke nur Sprachnachrichten.«

Die Döner-Kids von der Lichtenrader Oberschule sind nicht allein. Sie sind geradezu symbolhaft für den Bildungsnotstand in der Hauptstadt. Berlins Neuntklässler stehen laut der letzten IQB-Studie (Institut für Qualität im Bildungswesen) aus dem Jahr 2016 in puncto Deutschkenntnisse bundesweit an vorletzter Stelle. Fast jeder dritte Berliner Schüler erfüllt demnach die Mindeststandards beim Lesen nicht. Eine Verbesserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Im Vergleich zur Studie vor fünf Jahren hat die Lesefähigkeit sogar nachgelassen.

Franziska Geipel sieht ihre »Döner-Tasting-AG« allen Unkenrufen zum Trotz aber als Erfolg. Allein in diesem Halbjahr hat der Kurs schon sechs Dönerläden besucht. Es sollen noch lange nicht die letzten gewesen sein. Zum nächsten Tag der offenen Tür der Carl-Zeiss-Oberschule soll der »Dönerführer« als kleines Büchlein herausgebracht werden. Wenn es aufgrund der vielen darin besprochenen Dönerbuden so richtig dick wird, werden die Schüler das Buch dank ihrer neuen geschliffenen Sprachkenntnisse vielleicht sogar schon ein bisschen lesen können. Werden sie aber natürlich nicht machen.

Boris T. Kaiser

startete seine Karriere als Gagschreiber für zahlreiche Comedy- und Satire-Formate. In den letzten Jahren arbeitet er vermehrt journalistisch und als politischer und gesellschaftlicher Kommentator. Er schreibt unter anderem für die ›Die Achse des Guten‹, ›Tichys Einblick‹ und die Wochenzeitung ›Junge Freiheit‹. Kaiser betreibt außerdem den Blog https://brainfuckerde.wordpress.com

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