Der feiste Diktator

Eine Kolumne von Boris T. Kaiser

Der sogenannte Kampf gegen rechts hat schon seit Längerem schier kriegerische Züge angenommen. »Keinen Fußbreit den Faschisten«, hieß es bereits in den 1990er-Jahren auf jeder Demo gegen echte und vermeintliche Neonazis. In unzähligen »antifaschistischen« Liedern der modernen Popkultur war und ist die Rede von »Rückschlag«, »Antinazibund« und »Antifascist Action«. In diese Rhetorik, zwischen Stalingrad und Kaltem Krieg, stimmte jetzt auch, mehr als lauthals, Herbert Grönemeyer ein. Schon der von ihm seit Monaten propagierte Hashtag »Kein Millimeter nach rechts«, fügte sich nahtlos ein in die radikalen Parolen der linksextremen »Antifa«. Nun scheint der Londoner Sänger mit Bochumer Migrationshintergrund aber vollends durchgedreht zu sein.

Faschistoider Auftritt im Namen des »Antifaschismus«: Altstar Herbert Grönemeyer (Archivbild) rastet völlig aus und lässt seinen gruseligen Allmachtsfantasien freien Lauf

Bei seinem ausverkauften Konzert in Wien hielt Grönemeyer, offenkundig berauscht vom Jubel der ihm hörigen Massen und wohl auch angetrieben von dem Hochgefühl auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, eine politische Rede, die wohl jedem mit einem Funken Geschichtsbewusstsein das Blut in den Adern gefrieren ließ. Wer sich das im Internet kursierende Video des Auftritts anschaut, wird Zeuge einer Wut- ja Hassrede, wie die meisten von uns sie wohl fast nur noch aus dem Geschichtsunterricht oder den Schwarzweißaufnahmen in den ›ZDF‹-History-Sendungen von Guido Knopp kennen. Der Star lässt seinen gruseligen Allmachtsfantasien freien Lauf und schreit wie besessen an – gegen alle Andersdenkenden da draußen. Denen gelte es, »zu diktieren, wie eine Gesellschaft auszusehen hat«. Seine Stimme überschlägt sich dabei, wird nunmehr zu einem völlig aus den Fugen geratenen Krächzen, als er der aufgestachelten Menge entgegen grölt: »Und wer versucht, so eine Situation der Unsicherheit zu nutzen, für rechtes Geschwafel für Ausgrenzung [sic!], Rassismus und Hetze, der ist fehl am Platze! Diese Gesellschaft ist offen und humanistisch.«

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Das muss man erst mal schaffen, für eine vermeintlich offene und humanistische Gesellschaft zu werben und dabei zu klingen, wie ein »Best of«-Remix-Sampler, der berüchtigten Diktatoren der Menschheitsgeschichte. Am Ende brüllt der einstige Topstar, der in diesem Moment nur noch wirkt, wie eine dieser traurigen Hitler-Imitatoren-Gestalten, wie man sie aus irgendwelchen Neonazi-Dokus kennt: »Keinen Millimeter nach rechts! Keinen einzigen Millimeter nach rechts! Und das ist so. Und das bleibt so.« Für mehr hätte die Luft des sich so künstlich aufpumpenden Schnulzenbarden wohl auch nicht mehr gereicht. Seine Fans dürften sowieso schon Angst bekommen haben, dass ihr moralischer Führer gleich platzt wie eine Currywurst, die zu lange auf dem heißen Grill lag.

So gar nicht besorgniserregend empfand Heiko Maas den bizarren Auftritt. Der Außenminister, der jegliches Geschichtsbewusstsein schon vor Jahren an der Garderobe des Willy-Brandt-Hauses abgegeben hat, teilte das Video völlig bedenkenlos auf seinem ›Twitter‹-Account. Für den vordersten Anti-Hate-Speech-Kämpfer war der Grönemeyer-Ausraster offenkundig in keiner Weise kritikwürdig. Im Gegenteil: Der SPD-Mann kommentierte den Clip lobend: »Es liegt an uns, für eine freie Gesellschaft einzutreten und die Demokratie gemeinsam zu verteidigen. Danke an Herbert #Groenemeyer und allen anderen, die das jeden Tag tun.«

Bei jenen, die noch nicht völlig verblendet sind vom totalen Kampf gegen rechts, dürfte der Brüll-Auftritt des nuschelnden Moralapostels aber deutlich anders nachwirken als es denen, die sich jetzt schon ganz offen dazu bekennen, dass sie der Gesellschaft ihren Willen aufzwingen wollen, lieb ist. So mancher wird sich angesichts des kinskiesken Auftritts des Bochumer Schreihalses denken: Wenn die Grönemeyers dieser Welt die Stimme der Vernunft sein sollen, sollten wir uns vielleicht doch einmal anhören, was diese »rechten Spinner« so zu sagen haben.

Boris T. Kaiser

Boris T. Kaiser

startete seine Karriere als Gagschreiber für zahlreiche Comedy- und Satire-Formate. In den letzten Jahren arbeitet er vermehrt journalistisch und als politischer und gesellschaftlicher Kommentator. Er schreibt unter anderem für ›Die Achse des Guten‹, ›Tichys Einblick‹ und die Wochenzeitung ›Junge Freiheit‹. Kaiser betreibt außerdem den Blog brainfuckerde.wordpress.com.

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