Der Prinz Charles der CDU

Keiner ist so lange im politischen Geschäft wie Wolfgang Schäuble (CDU). Keiner hat Licht und Schatten durchlebt wie der Badenser. Seit dem Attentat vor 28 Jahren sitzt Schäuble, der früher so gerne Tennis spielte, verbittert im Rollstuhl. Von sich selbst sagte er einmal: »Ich verkörpere sozusagen das Langzeitgedächtnis der Republik.«

Wer Schäuble etwas näher kennt, weiß, dass er tatsächlich nichts vergisst. Auf seiner »Festplatte« hat er Dinge abgespeichert, die erklären könnten, warum der Bundestagspräsident heute als treibende Kraft hinter der Entmachtung von Angela Merkel (CDU) steckt. Es ist, als habe der Mann im Rollstuhl auf einen günstigen Augenblick gewartet. Mit der Hessen-Wahl schien dieser Moment gekommen.

Schäuble hat mit Merkel mindestens eine Rechnung offen:

• 3. März 2004, das CDU-Präsidium tagt. Nach stundenlangem Palaver weiß Schäuble, dass Merkel ihn getäuscht hat. Viele in der Union wollen ihn als Bundespräsidenten. CDU, CSU und FDP haben in der Bundesversammlung die Mehrheit. Doch Merkel laviert, hält die Entscheidung offen – bis zuletzt. Am Ende der Sitzung gibt sie nach einem Telefonat mit FDP-Chef Guido Westerwelle dem Druck der Liberalen nach, die Schäuble ablehnen. Merkel verkündet kühl, dass ihr Kandidat der frühere Sparkassen-Präsident Horst Köhler ist.

Zum zweiten Mal zerbricht für Schäuble ein politischer Lebenstraum. Mitte der 90er-Jahre galt er als Kronprinz für die Nachfolge von Helmut Kohl im Kanzleramt – und blieb doch immer nur der Prinz Charles der CDU. Jetzt wieder nichts, aus der Traum vom Staatsoberhaupt!

Schäuble und Merkel – es war schon immer ein heikles Verhältnis. Als CDU-Chef hatte Schäuble »Kohls Mädchen« 1998 zur Generalsekretärin gemacht und so den Grundstein für ihren späteren Aufstieg gelegt. In der Spendenaffäre aber handelte Merkel auf eigene Rechnung.

Nach dem offenen Bruch mit Kohl im Dezember 1999 in der ›FAZ‹ betrieb die CDU-Generalsekretärin hinter den Kulissen Schäubles Sturz als Parteichef keine zwei Monate später – und trat selbstbewusst dessen Nachfolge an der CDU-Spitze an. Die frühere FDJ-Agitatorin wusste aber auch, dass Schäuble in der damals noch mächtigen Südwest-CDU weiterhin die Fäden zog.

Als Merkel 2005 zur Kanzlerin gewählt wird, bindet sie den Badenser deshalb geschickt als Innenminister und später als Finanzminister in die Kabinettsdisziplin ein. Schäuble dankt es ihr – so schien es jedenfalls – mit absoluter Loyalität. Vergessen hatte er in Wirklichkeit nichts.

Jetzt könnte für den Mann im Rollstuhl vielleicht doch noch ein Lebenstraum in greifbare Nähe rücken – der erstere von der Kanzlerschaft. Schäubles Kalkül: Sollte sein Favorit Friedrich Merz auf dem Hamburger Parteitag zum CDU-Vorsitzenden gewählt werden, wäre das für die SPD der »Casus Belli«, der willkommene Anlass zum Ausstieg aus der Chaos-GroKo. Und zwar, ohne gleich Neuwahlen fürchten zu müssen.

Wartet seit Jahrzehnten: Für Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) könnte der Traum von der Kanzlerschaft wahr werden

Schäuble, so pfeifen es die Spatzen vom Dach des Reichstages, stünde dann als Übergangskanzler bereit – entweder für eine neu zu verhandelnde Jamaika-Koalition ohne Merkel oder eine CDU/CSU-Minderheitsregierung. Merz hätte Zeit, sich als Kanzlerkandidat für die nächste Bundestagswahl (spätestens 2021) warm zu laufen.

Ein Selbstläufer wäre dieses Szenario allerdings nicht: Zum einen wollen die in den Umfragen hyperventilierenden Grünen über Jamaika nur nach Neuwahlen verhandeln; zum anderen hat der neue mächtige Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus (CDU) wissen lassen, dass der (oder die) nächste CDU-Vorsitzende keine Vorentscheidung über die
Kanzlerkandidatur bedeute. Denn: Auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hat Kanzler-Ambitionen – und, wer weiß, vielleicht sogar auch Brinkhaus. Der CDU-Machtkampf dürfte also nach dem Hamburger Parteitag weiter gären.

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