Der »Relotius-Pokal« für den Monat Dezember geht an:

Holger Friedrich, den Spion, der sich eine Zeitung gönnt

»Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?«, schrieb Bertolt Brecht einmal. Und meinte damit: Gaunerei lohnt sich erst so richtig, wenn man ganz oben und ganz groß einsteigt.

Die zynische Weisheit eines alten Kommunisten hat sich wohl auch Holger Friedrich zu Herzen genommen, der seine eigene Vergangenheit gern ein wenig freundlicher frisiert hätte. Die schicke linke Szene kennt den Herrn mit der Glatze und dem Karl-Marx-Rauschebart als »erfolgreichen Softwareunternehmer«, der teure Rohrkrepierer produziert und damit wenigstens selbst reich und zum »ostdeutschen Vorzeigemillionär« geworden ist; seinen Führungsoffizieren und einigen seiner Kameraden von früher ist er noch als Stasi-IM »Peter Bernstein« geläufig.

Was ist schon ein einzelner Lügenartikel gegen den Kauf einer ganzen Zeitung zu eigenen Propagandazwecken, sagte sich also IM Bernstein wohl frei nach Bertolt Brecht und kaufte zusammen mit Ehefrau Silke gleich die ganze ›Berliner Zeitung‹, immerhin drittgrößte Hauptstadt-Zeitung, die die Verlagsgruppe DuMont als kriselnden Verlustbringer sowieso gerade loswerden wollte. Und meinte, sich als frischgebackener Verleger künftig auf dem kurzen Dienstweg das lästige Antichambrieren bei Redaktionen für PR in eigener Sache sparen zu können.

Anfangs hat das auch prächtig funktioniert. Da ließ er seine Redakteure gleich mal einen Jubelartikel über ein Rostocker Biotech-Unternehmen in die erste Ausgabe unter seiner Verlegerschaft hieven und die Firma als ostdeutsches Vorzeigeunternehmen (mal wieder) abfeiern, erwähnte vorsichtshalber aber nicht, dass er selbst im Aufsichtsrat sitzt und auch Aktionär ist. Dumm nur, dass die Sache trotzdem herauskam.

Doch es sollte noch dicker kommen für die düpierte Redaktion, die sich eben noch über ihre Rettung gefreut hatte. In derselben ersten Ausgabe malträtierten die beiden Friedriche nämlich, pünktlich zum dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls, die Leser gleich auf zwei vollen Zeitungsseiten in einem »Editorial« mit ihrer Sicht auf Deutschland, die Welt und was ihnen sonst noch so einfiel.

Da huldigten sie dem letzten SED-Boss Egon Krenz in untertäniger Dankbarkeit als Friedensfürst, weil er nach jahrzehntelanger Unterdrückung nicht auch noch auf seine Landsleute schießen ließ, die die Nase gründlich voll hatten; und die dröge Kultusministerkonferenz denunzierten sie als »Extremismus fördernde Organisation«, weil sie wackeren Privatschulbetreibern wie Silke Friedrich so viele Schwierigkeiten macht. Die »DDR« mit ihren »Errungenschaften« sei einfach beiseitegeschoben worden und fehle ja so schmerzlich, und überhaupt: Die EU sei wegen der »Abschottung« gegen illegale Migranten und den vielen Ertrunkenen im Mittelmeer ja noch der viel größere »Unrechtsstaat« als die »DDR« mit ihren Mauertoten.

Das war selbst anderen linken Redaktionen zu viel. Zu allem Überfluss grub die ›Welt am Sonntag‹ auch noch die Stasi-Akte des frischgebackenen Neuverlegers aus. Der hatte nämlich kurz vor dem Untergang der »DDR« in seiner NVA-Dienstzeit Mist gebaut und sich daraufhin als »Inoffizieller Mitarbeiter« (IM) der Staatssicherheit anwerben lassen. War ja alles nicht so schlimm und nur pro forma, und überhaupt sei er ja eigentlich das Opfer, versuchte IM »Peter Bernstein« sich noch herauszureden.

Pech wieder nur, dass der von einer Seilschaft aus CDU und SED-»Linke« gefeuerte ehemalige Leiter der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, sich mit Stasi-Akten auskennt und nicht so leicht hinters Licht führen lässt. Der nahm sich Friedrichs Akte vor, analysierte sie und publizierte auch gleich die relevanten Dokumente. So kann jetzt jeder nachlesen, was für ein vorbildlicher und beflissener Spitzel der Soldat Friedrich-»Bernstein« war, wie pünktlich und diszipliniert er zu den Treffen mit den Führungsoffizieren erschien und wie eifrig er Vorgesetzte und Kameraden denunzierte und dabei so manches Leben ruinierte.

Blöd gelaufen also, unterm Strich ein PR-Desaster und kein Geniestreich. Aber immerhin hat er es versucht. Ein Ex-Stasi-Spitzel kauft eine Ex-SED-Zeitung, um sie zu seinem »Schild und Schwert« zu machen – das ist Chuzpe, da bleibt einem der Mund offen. Den »Relotius-Pokal« hat Holger Friedrich sich damit, wenn schon nicht redlich, so doch ohne jeden Zweifel verdient.

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