Die Buchmesse – eine linksgrüne Blase:

Ich, Yücel, Kaiser der Pressefreiheit

Die Frankfurter Buchmesse war weitgehend eine Selbstbespiegelung des linken Establishments. Der Münchener Journalist Christian Jung berichtet für den Deutschland Kurier von seinen Streifzügen über die Messestände und das Schaulaufen gutmenschlicher Eitelkeiten.

Der in der Türkei inhaftierte Journalist Deniz Yücel gibt auf der Buchmesse sein seltsam anmutendes Verständnis von Pressefreiheit zum Besten

»Wer ist das?« Der vermeintliche Scherzkeks, der mir aus der zweiten Reihe die Frage nach der Identität des ›Bild‹-Chefs Julian Reichelt stellt, ist eine Dame, die am Stand »Audio-Stage« aus der zweiten Reihe versucht, dem Gespräch auf dem Podium zu folgen. Und das tatsächlich, ohne zu wissen, wem sie da zuhört. Aufgeklärt verzieht sie vor Abscheu bei dem Wort ›Bild‹ das Gesicht.

Die Frage nach der Identität und die Abscheu vor der Meinung anderer – dies sind die Kerne der Buchmesse in Frankfurt, die am vergangenen Dienstag begannen und deren Tore am gestrigen Sonntag schlossen.

Freilich stand es dem breiten Publikum nur an den letzten beiden Tagen frei, die Buchmesse zu besuchen. An den übrigen Tagen waren all die Publizisten und Verleger mit dem Hang zum zwanghaften Bekenntnis zu offenen Grenzen vom Plebs abgeschottet. Ein »Fachpublikum« für wahr.

Reichelt geht die Trennung nicht weit genug. Von der Bühne herablässt er das Publikum wissen, die Freiheit, Meinungen zu verbreiten, gehe wohl zu weit. Früher, als sich etwa acht Verlegerfamilien den Markt aufgeteilt und sich auf Regeln der Publizistik geeinigt hätten, wäre eine bessere Zeit gewesen. Die publizistische Ethik definiert durch die ›Bild‹? Der Scherzkeks sitzt demnach doch nicht vor, sondern vielmehr auf der Bühne.

Yücel – die neue Maßeinheit für Selbstlob

Nicht ohne Sinn für Humor ist auch Deniz Yücel. Der Journalist mit deutscher und türkischer Staatsangehörigkeit wurde in der Türkei verhaftet. Fadenscheinige Gründe führte die türkische Staatsanwaltschaft an, um den Korrespondenten der ›Welt‹ in Untersuchungshaft zu nehmen. Bei der Lektüre seines Buches, das er auf der Messe mit vielen Auftritten vermarktet, packt einen des Öfteren die Wut angesichts der Willkür, die Yücel vor und während seiner Haft erleiden muss.

Leider quillt es allerdings vor Pathos und Selbstbeweihräucherung über. Mehrfach lobt sich Yücel auf der Bühne dafür, selbst im »türkischen Knast« nicht vergessen zu haben: Noch vor der – sehr wichtigen – »Haltung«, die ein Journalist haben müsse, komme das Handwerk. Selbst in der Haft habe er jeden Sachverhalt überprüft und recherchiert, bevor er ihn via Artikel an seine Leser gab, zeigt sich Yücel von sich selbst begeistert. Mir fällt allerdings spontan der Artikel Yücels ein, in dem er Thilo Sarrazin den Tod gewünscht hatte. Dieser sollte den Autor und SPD-Politiker durch den »nächsten« Schlaganfall ereilen.

Allerdings hatte Sarrazin nie einen Schlaganfall. Das hängende Auge Sarrazins geht auf eine Operation zurück. Dennoch haben etliche Mainstream-Journalisten beständig die Behauptung eines Schlaganfalles voneinander abgeschrieben. Sarrazin faktenwidrig davon einen »weiteren« Schlaganfall und damit einhergehend den Tod zu wünschen hat der Qualitätszeitung ›taz‹, für die Yücel jenen Artikel geschrieben hatte, 20.000 Euro an Schadensersatz gekostet. Eine Rüge des Presserates kam dazu. Nicht gerade ein Ausweis journalistischen Handwerks von Yücel, der regelmäßig schreibt und vor allem spricht, bevor er einen Denkprozess absolviert.

Pressefreiheit für mich – Verbote für die anderen

Er habe für seine Pressefreiheit und der anderer gekämpft, lässt er seine Leser wissen. Weil er sich nicht an die informellen Vorgaben der Regierung Erdoğans gehalten habe, sei ihm übel mitgespielt worden.

Yücel hat jedoch eine selektive Vorstellung von Pressefreiheit – und von Wahrhaftigkeit. Er verbittet sich, Fotoaufnahmen während den Veranstaltungen (zumindest ist dies bei seinen Auftritten bei ›Spiegel‹ und ›Süddeutsche‹ der Fall, bei den anderen war ich nicht anwesend bzw. kam zu spät). Während er die Bühne nutzt, um über die Behinderung seiner Berichterstattung durch die abgehobene türkische Obrigkeit zu klagen, reicht ihm eine etwa 30 cm erhöhte Bühne, um seinerseits andere von oben herab und mit willkürlichen Auflagen bei ihrer Berichterstattung zu belegen.

Es sei ohnehin laut genug, lässt Yücel wissen. Schwer genug gegen diesen Lärmpegel anzusprechen, aber wenn die Kameras noch dazu kämen, sei das schlicht zu anstrengend. Auch keine Handy-Aufnahmen (die bekanntlich besonders laut sind). Zwei Fotografen verlassen daraufhin den Stand des ›Spiegel‹.

Sogar Geräuschloses stört den Großmeister des Selbstlobes

Über 400 km angereist, die Hotelkosten für fünf Übernachtungen an der Backe, ordnungsgemäß akkreditiert und mit einer spiegel- und deshalb auch geräuschlosen Kamera ausgestattet (die auch ihr gutes Geld gekostet hat), die den Freiheitskämpfer vom Bosporus nicht stören kann, bleibe ich. Und ich mache weiter Aufnahmen.

Nach kurzer Zeit spricht mich, der ich in der ersten Reihe sitze, der Held der Pressefreiheit mit der Aufforderung an, meine Pressearbeit einzustellen. »Meine Kamera ist geräuschlos«, erwidere ich. Erdoğanbezwinger Yücel überlegt kurz und geht dann doch lieber auf die Frage von ›Spiegel‹-Redakteur Dirk Kurbjuweit ein. In den Artikeln der Mainstream-Presse lese ich nichts von der Behinderung der Pressefreiheit durch denjenigen, der sich als Kämpfer für diese ausgibt.

Die Oberschicht schichtet sich ab

Jakob Augstein kommt ebenfalls nicht ohne Widersprüche aus. Vielmehr ist der Berufssohn ein einziger großer Gegensatz zu sich selbst. Klimaschutz? Für den Businessclass-Sozialist eine Selbstverständlichkeit. Auf die Frage, wann er selbst damit anfange, spricht er sich – ebenfalls von der ›Spiegel‹-Bühne – dagegen aus, »politische Fragen zu individualisieren«. Applaus von einem Publikum, das den Eindruck macht, jener Klasse anzugehören, die von den verlangten Verteuerungen auf Benzin und Flugpreise keinerlei Einschränkungen des eigenen Lebensstils erwartet. Lieschen Paschulke aus Essen-Karpen mittels Preisaufschläge auf Flug- und Benzinpreise zum Reisen zu verleiten, ist das Rezept zur Weltrettung.

›Spiegel‹-Kolumnist Sascha Lobo beklagt, dass »die Rechten« das Internet cleverer zu nutzen verstünden als die Etablierten

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Auftrennung derer, die sich für die Lasten einsetzen, und jener, die sie wirklich zu tragen haben, ist am Stand des ›Vorwärts‹, der Parteizeitung der ehemaligen Kleine-Leute-Vertretung SPD, ebenfalls Thema. Dort mühen sich Marina und Herfried Münkler, dem stellvertretenden SPD-Chef Ralf Stegner die Teilung der Gesellschaft näherzubringen.

Die obere Mittelschicht fliehe aus der Gesellschaft, indem sie ihre Kinder aus der öffentlichen Schule nehme und sie in eine private Lehranstalt schicke. Für die untere Mittelschicht bleibt es ein Traum, dasselbe zu tun. Mir fällt die Schule in Berlin ein, von deren 370 Kindern genau eines die Muttersprache Deutsch hat.

Altes wiedergekäut als hätte man das Perpetuum mobile erfunden

Den Münklers fällt, ganz sozialdemokratisch, zunächst einmal ein anderer Zusammenhang ein: Die Klassen seien zu groß. Richtig originell; kleinere Schulklassen sind nie zuvor gefordert worden. Brav applaudiert das Publikum. Stegner findet, die Bildung sei schon immer Sache der Sozialdemokratie. Jedes Bildungsranking und die Platzierungen sprechen zwar dagegen, aber wie sollte das einen Stegner in seinem Talkshow-Blabla stören? Weiter zum nächsten Stand, der Weißbierschenke von Franziskaner. Dort gibt es zwar auch viel Schaum, aber darunter verbirgt sich wenigstens etwas Geistvolles.

Ähnlich klebrig wie ein verschüttetes Weißbier haften nahezu jedem Gespräch zwischen all den Bücherständen und auf den zahlreichen Bühnen, jedem Interview und allen »Diskussionen« die beiden »heißen« Themen an: Klimawandel und AfD. Gerade, wenn es um die einzige Opposition zum linken Mainstream und seinen Blockparteien der neuen nationalen Front geht, ist etwas deutlich spürbar: Angst und Unsicherheit.

Martin Sonneborn und die »Machtergreifung«

Und die Protagonisten versuchen sich entweder in der Verteufelung des von ihnen allerorten ausgemachten Nationalismus oder versuchen Terrain auf dem Feld der Identität zurückzuerobern. Etwa der mit dem Grundgesetz wedelnde Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der deshalb Patriot sein will, damit sich heimatverbundene »nicht den Falschen« anschließen. Oder aber Ulrich Wickert, der mit dem hilflos wirkenden Appell »Identifiziert euch!« auf dem Buchmarkt einen Treffer landen will. Aber solche Versuche der Begriffsokkupation sind die Ausnahme.

Ob Wedeln mit dem Grundgesetz gegen »Rechts« hilft? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will Heimatverbundenheit »nicht den Falschen« überlassen

›Spiegel‹-Kolumnist Sascha Lobo lässt dem Publikum mit seiner Analyse, »die Rechten haben das Netz besser begriffen«, den kalten Schauer über den ohnehin schmächtigen linksliberalen Rücken laufen. Die Machtergreifung scheint nahe. Das meint jedenfalls der EU-Abgeordnete Martin Sonneborn; allerdings meint er damit seine eigene Inthronisierung als Machthaber und kündigt – sehr humorig – erste Maßnahmen für diesen Fall an. Vom reinen Spaßvogel hat sich Sonneborn jedoch wegentwickelt. Mit spürbarem Ernst spricht er sich gegen eine Erweiterung des fragilen Gebildes EU aus.

Patrick Gensing weiß am Stand des Duden auf Nachfrage zu berichten, die meisten »Fake News« kämen »eindeutig von Rechten«. Eduard von Schnitzler hätte dieser Befund gefreut, ja, er hätte dem »Antifa«-Fanboy Gensing wohl unumwunden zugestimmt. Der Weg zum Arbeiter und Bauernparadies, der den »Neuen Menschen« als kleine Zwischenstation hinter sich lässt, ist bekanntlich mit – meist unumstößlichen – Wahrheiten gepflastert.

Die Predigt zu Klima und Seenotrettung von der ›ARD‹-Bühne

Einige dieser absoluten Wahrheiten wird eine Halle weiter gepredigt, wo die ›ARD‹ ihre monströse Bühne aufgebaut hat, von der herab die Klimaaktivistin Luisa Neubauer vom nahenden Weltuntergang kündet. Neben ihr auf der Bühne hat Pia Klemp die Wahrheit erkannt, dass der Kapitalismus alles zerstört, weshalb sie als Kapitänin des Rettungsschiffes »Sea-Watch 3« und »Iuventa« möglichst viele Afrikaner nach Europa, in ein Zentrum dieses unmenschlichen Systems Kapitalismus verbringen möchte. Klemps Versprechen der Rettung aus der selbst herbeigeführten Not hat schon viele über ganze Kontinente hinweg auf das Mittelmeer fliehen lassen. Klemp macht nun auf der ›ARD‹-Bühne Werbung für ihr Buch mit dem passenden Titel »Lasst uns mit den Toten tanzen«. Bärbel Schäfer, von der ›ARD‹ für das knallharte Interview der beiden auf die Bühne geschickt, zeigt sich empört, dass sich Klemp derzeit im Zusammenhang mit ihrer Schleusertätigkeit der Strafverfolgung ausgesetzt sieht.

So viel Wahrheit verträgt sich offensichtlich nicht mit Widerspruch oder gar Aufbegehren. Es ist eine Blase, eine Echokammer. Aber eine, die keine sein will. Weshalb die »Junge Freiheit«, »Antaios«- und »Manuscriptum«-Verlag ins polizeilich überwachte Abseits einer Sackgasse verbannt werden, aus der heraus keine »Sea-Watch 3« mit ihrer Kapitänin Klemp die derart Ausgespienen erretten und an die Gestade des Mainstreams schleusen könnte.

Christian Jung

Der Münchner Journalist Christian Jung recherchiert seit Jahren in der linksextremen Szene, deckte zahlreiche Fälle öffentlicher Finanzierung von »Antifa«-Organisationen auf und ist Autor des Buches »Der Links-Staat« sowie zweier gleichnamiger Filmdokumentationen. Einer der Filme, »Die kommunalen Netzwerke« steht auf ›YouTube‹ zur Verfügung. Der zweite Teil, »Antifa & Staatspropaganda« sowie das Buch können über den Kopp Verlag bestellt werden.

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