Die CDU/CSU probt ein Rebelliönchen

Herbstfestspiele in Berlin: Im ersten Akt nach der Sommerpause sollte es gar blutig zugehen. Die Weichplastiktaschenmesser wurden schon gewetzt in der Union. Zum wievielten Male eigentlich? Die Sache dürfte indes so enden wie einst in den Protestsongs von Bob Dylan: »Wer heute Aufstand ruft, ist morgen zwei Tage älter.«

Am 25.September steht turnusmäßig die Wahl des Fraktionschefs an. Nun ist es schon lange kein Geheimnis mehr, dass der Unmut über Volker Kauder (69/CDU) groß ist. Immer mehr CDU/CSU ler sehen in dem ehemaligen Vize-Landrat nur noch den servilen Laufburschen von Angela Merkel (64/CDU), einen Domestiken des Kanzleramtes. Sie werfen ihm vor, dass die Fraktion in den 13 Jahren seiner Amtszeit (länger als jeder andere Fraktionschef) zunehmend an Macht und Selbstbewusstsein verloren habe. Am liebsten würde ihn die Fraktion abwählen.

Tatsächlich hält sich auch ein Gegen­kandidat bereit: Finanzexperte Ralph Brinkhaus (50). Der Hinterbänkler aus Nordrhein-Westfalen ist ein fraktions­intern geschätzter Haushaltsexperte, aber öffentlich so gut wie nicht bekannt. Dass dieser Nobody tatsächlich antritt, ist eher unwahrscheinlich. Allein schon aus folgenden Gründen:

1. Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer (69) haben Kauder noch einmal ihre Unterstützung zugesagt.

2. Die Abwahl Kauders wäre vor den wichtigen Landtagswahlen in Bayern und Hessen ein politisches Fanal. Um es mit einem geflügelten Wort Seehofers zu sagen: »wirkungsgleich« mit dem Sturz der Kanzlerin.

3. Kauders Wiederwahl, wenn auch mit einem mageren Ergebnis, dürfte gesichert sein, weil er ohnehin nur noch ein Mann des Übergangs ist.

Tatsächlich spekuliert nämlich jemand ganz anderes auf den Posten des Frak­tionschefs: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (38/CDU). Der Münsteraner sieht seine Zeit 2019 kommen, nach einem wahrscheinlichen Bruch der Chaos-GroKo. Dann nämlich, wenn die SPD, wie Insider erwarten, von ihrer im Koalitionsvertrag vereinbarten Ausstiegsklausel Gebrauch macht. Hat er den Fraktionsvorsitz, dann kann Spahn sein eigentliches Ziel in Angriff nehmen: den Sturz Merkels als Parteivorsitzende.

Volker Kauder ist ein Fan der Düsseldorfer Band »Die Toten Hosen«. Zum letzten Mal darf er noch einmal mitsummen: »An Tagen wie diesen…« Seine Tage sind gezählt– so oder so.

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