Es müssen traurige Tage sein für Franz Josef Wagner, den abgehalfterten Boulevard-Vielschreiber und Revolverblattmacher, der seit seinem Rausschmiss bei der ›B.Z.‹ vor fast zwei Jahrzehnten Tag für Tag in der ›Bild‹-Zeitung Briefe an alles und jeden schreiben darf, auch wenn die Empfänger gar nicht auf »Post von Wagner« gewartet haben. Meist schickt er Hassbriefe, oft auch sentimentalen Kitsch. Niemand aber wird von Franz Josef Wagner so beharrlich mit Fanpost und Liebesbotschaften überschüttet wie Angela Merkel, die Bundeskanzlerin.

Wagner ist Angelas treuester Anbeter. Alles an ihr bringt ihn zum Schwärmen: Wanderurlaube, »DDR«-Vergangenheit, das immer gleiche mürrische Gesicht, das Wagner für »cool« hält, ihre »Klugheit«, ihr »Verstand«, ein gelegentliches »Lächeln«, das nur er gesehen hat – Franz Josef verehrt die Kanzlerin wie ein Pennäler im Frühlingserwachen: »War ihr Herz schwer? Wie war ihr Schlaf in der Nacht?«

Sogar ihr überfälliger Rückzug vom Parteivorsitz und das peinliche Herumeiern beim Feuern des regierungskritischen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen können den ›Bild‹-Briefeschreiber noch zu Ehrfurcht und Begeisterungsstürmen hinreißen. Und wer der Kanzlerin in die Quere kommt, egal ob Eva Herman oder die AfD, der wird von ihrem treuen Knappen mit wüsten Drohungen und Beleidigungen heimgesucht.

Selbst dass Merkel ihren Kanzlerjob macht, Termine im In- und Ausland wahrnimmt und abends auch einmal länger im Kanzleramt am Schreibtisch sitzt, nötigt Wagner noch Lobeshymnen auf ihre Arbeitswut und unerschütterliche Gesundheit ab. So enthusiastisch dichtete zuletzt Erich Weinert über Stalin, den Vater der Werktätigen, der unermüdlich über seine Untertanen wacht: »Im Kreml brennt noch Licht.«

Für die Parteichefin Merkel ist jetzt das Licht erst einmal aus. Und Wagner verdrückt eine Träne und schenkt ihr gleich »einen ganzen Blumenladen«. Staat und Armee heruntergewirtschaftet und zum Gespött der Welt gemacht, Europa gespalten, Deutschland isoliert, seine Bürger zur Plünderung freigegeben – zählt alles nicht: »Wir alle waren stolz auf Sie«, lobhudelt der Briefeschreiber, »Sie haben es ziemlich gut gemacht.«

Was nun, Herr Wagner? Soll er seine Verehrung künftig auf »AKK« richten? Reicht es bei ihr zur Kanzlerin? Klein, ungeschminkt, kurze Haare, keine Maniküre, bescheidene Rhetorik – eigentlich ist Annegret ja wie die Kanzlerin, sinniert er in einem ersten Briefchen. Vielleicht wird’s ja was mit den beiden.

Aber ein Weilchen bleibt Angela Merkel ja noch im Kanzleramt. Also, Franz Josef: Nicht traurig sein. Ein paar Briefchen an die große Flamme sind schon noch drin. Ob sie die unerschütterliche Liebe ihres einsamen Verehrers im Springer-Haus erwidert – wer weiß. Als kleinen Trost gibt es für so viel treuen Minnesang auf jeden Fall die Goldene Hoftrompete.

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