Ein Jahr lang saß Deniz Yücel, der von der linksradikalen ›taz‹ zur früher mal seriösen ›Welt‹ gewechselt hatte und für Letztere als türkisch-deutscher Doppelstaatler in Erdoğans Reich unterwegs war, im Knast in der Türkei. Ein Jahr lang blies der Springer-Konzern den mittelmäßigen, linksradikalen, Deutschland hassenden Kolumnisten zum Märtyrer der Pressefreiheit auf, vor dem all die anderen vom Sultan und seinem Regime eingekerkerten Journalisten in den Hintergrund treten mussten.

Keine Frage: Einen Journalisten einzusperren, weil er Interviews führt, ist ein Skandal, selbst wenn er nicht die hellste Kerze auf der Torte ist. Und auch ein Deutschlandhasser mit deutschem Pass ist deutscher Staatsbürger, für den die deutsche Diplomatie sich einsetzen muss. Nur: Um welchen Preis?

Die Türkei führt einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg in Syrien, fordert Russen und Amerikaner gleichzeitig heraus und legt munter immer neue Lunten an das Pulverfass Mittlerer Osten – die Bundesregierung schweigt. Und während Außenminister Sigmar Gabriel treuherzig behauptet, es hätte »keinen Deal« gegeben, schreibt die Türkei schon mal ihren Wunschzettel, welche Militärhilfen sie von Berlin für ihre ins Stocken geratene Invasion erwartet.

Die kaum bemäntelte Lüge, er habe Ankara keine Gegenleistung für Yücels Freilassung versprochen, durfte Gabriel gleich bei einer Pressekonferenz im »Newsroom« der ›Welt‹ verkünden. Arm in Arm mit Springer-Chef Matthias Döpfner und ›Welt‹-Chefredakteur Ulf Poschardt, die sich wie die Schneekönige über ihre gelungene Yücel-Show freuen.

Mit dieser Inszenierung haben sie nicht nur sich selbst ins Rampenlicht gespielt, sondern auch Sigmar Gabriel eine Steilvorlage geliefert, damit er sich als Journalisten-Befreier feiern lassen und so für eine Verlängerung seiner Restlaufzeit im Auswärtigen Amt werben kann. Was zählt da schon, dass der Basar-Handel mit zu Erpressungszwecken inhaftierten Journalisten jetzt richtig losgehen kann und die Bundesregierung sich außen- und sicherheitspolitisch von Ankara am Nasenring durch die Manege führen lässt? Für so viel Chuzpe haben die Springer-Strategen sich ihre Goldene Hoftrompete mehr als verdient.

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