Die Grünen sind die neuen Roten

Die spitze Feder aus Österreich

»Ich bin stolz auf dieses Wien, das so bunt ist, dass es nur knallt«, verkündete die knallgelb wie burschikos gekleidete Joy Pamela Rendi-Wagner auf der »24. EuroPride-Parade« am Samstag in Wien. Wo leichtgekleidete Männer ihr Hinterteil stolz in die Kameras reckten und freche Tiermasken tragen, wirbt die SPÖ-Bundesparteivorsitzende auch um die Gunst des österreichischen Durchschnittswählers. Dabei hat Rendi-Wagner, die bereits Ministerin für Gesundheit und Frauen im Kabinett des roten Genossen Christian Kern war, innerhalb der eigenen Partei einige Konflikte auszufechten. Erst vor wenigen Tagen verspottete sie eben jener ehemalige Parteivorsitzende und Ex-Kanzler Kern öffentlich, indem er einen deutlichen Stimmengewinn der SPÖ unter Rendi-Wagner bei der Nationalratswahl im Herbst in Frage stellte. »Hoch gewinnt die SPÖ das nimmer«, betonte Kern unter Anspielung auf das Zitat eines Fußball-Stars gegenüber der ›Tiroler Tageszeitung‹. Ein klares Foul! Doch auch von anderer Seite droht der leicht überfordert wirkenden Rendi-Wagner Ungemach. Der charismatische Hans Peter Doskozil, der sich als burgenländischer Landeshauptmann noch in der Koalition mit der FPÖ befindet, könnte laut Polit-Insidern bei einem Misserfolg Rendi-Wagners Nachfolge übernehmen.

Im Gegensatz zu der im multikulturellen Wien-Favoriten aufgewachsenen Tropenmedizinerin spricht der hochrangige Ex-Polizist Doskozil auch für so manche FPÖ-Wähler brisante Themen an. So scheute sich ausgerechnet der Sozialdemokrat Doskozil – der 2016 und 2017 österreichischer Verteidigungsminister war – nicht, FPÖ-Innenminister Herbert Kickl mangelnde Konsequenz bei Abschiebungen vorzuwerfen. Innenpolitisch gilt Doskozil als bodenständig und konservativ. Tatsächlich könnte solch ein sozialpatriotischer Kurs Rechtspopulisten auf mittlere Sicht nicht wenige Stimmen kosten. Dies zeigte sich in ähnlicher Konstellation jüngst unter der sozialdemokratischen Parteichefin Mette Frederiksen in Dänemark. Doch von den Sorgen und Ängsten des einfachen Österreichers scheint eine verunsicherte, nach links taumelnde SPÖ nun so entfernt zu sein wie selten zuvor. Denn mit den Vorstellungen der einheimischen Wähler fremdelt Rendi-Wagner ebenso wie die nunmehrige Ex-SPD-Parteivorsitzende Andrea Nahles. Deren Tanz- und Gesangseinlagen am Rednerpult sorgten auch in Österreich für ziemlich irritiertes Kopfschütteln! Doch während sich die Sozialdemokratie in vielen Staaten Europas in einer tiefen Sinnkrise zu befinden scheint, gelingt den Grünen dank Klima-Hysterie & Co. die weitaus überzeugendere Polarisierung. Bei der rundumversorgten Latte-Macchiato-Bourgeoisie, veganen Sojasprossen-Studenten und genderfluiden Allerweltsbürgern hatten diese in letzter Konsequenz immer die besseren Karten. Nun könnten die Grünen in den mental, aber auch ethnisch kippenden Großstädten die Sozialdemokraten links ersetzen! Eine parteipolitische Alternative bietet derjenige, der jene einheimischen Arbeiter und Angestellten erreicht, die den bunten Irrsinn finanzieren und ertragen müssen.

Johannes Schüller

ist Stellvertretender Chefredakteur der österreichischen Zeitung ›Wochenblick‹.

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