Die Kanzlerin trauert um ihre Mutter

Das erste Leben der Angela M.

Es war eine schwere Woche für Angela Merkel (CDU). Am Donnerstag vor Ostern trug die Masseneinwanderungskanzlerin ihre verstorbene Mutter, Herlind Kasner, in ihrer Heimatstadt Templin in Nordbrandenburg zu Grabe. Im ›Nordkurier‹, dem Regionalblatt für die Uckermark, war am Wochenende zuvor eine Traueranzeige erschienen. Darin hieß es, Merkels Mutter werde im engsten Kreis der Familie bestattet. Zuvor fand in der »Maria-Magdalenen-Kirche« ein Gottesdienst statt. In der Traueranzeige waren Merkel und ihr Ehemann Joachim Sauer sowie die Geschwister der Kanzlerin genannt.

Herlind Kasner war am 6. April in Berlin im Alter von 90 Jahren gestorben. Bis ins hohe Alter unterrichtete die frühere Englisch- und Latein-Lehrerin noch an der Volkshochschule Templin.

Zudem gab es anlässlich des Begräbnisses ein musikalisches Gedenken im »Kirchlein im Grünen« in Alt Placht vor den Toren Templins.

Bereits 2011 war dort des verstorbenen Vaters von Merkel gedacht worden. Der Pastor Horst Kasner hatte sich für den Wiederaufbau dieses Bauwerks inmitten jahrhundertealter Bäume eingesetzt. In der Traueranzeige für Merkels Mutter wird um eine Spende für die kleine Kirche anstelle von Blumen und Kränzen gebeten.

Herlind und Horst Kasner waren 1954 von Hamburg in die DDR übergesiedelt. 1957 zog die Familie in die Uckermark. Dort führte Merkels Vater ein Pfarrer-Kolleg. Die Menschen nannten es »das rote Pfarrhaus«.

Horst und Herlind Kasner, die Eltern von Angela Merkel, im Jahr 2009 auf der Zuschauertribüne des Deutschen Bundestages

Warum geht ein evangelischer Pfarrer freiwillig vom Westen in den Osten – zu einer Zeit, als jeden Monat Zehntausende dem »Arbeiter- und Bauernstaat« den Rücken kehrten?

Das fragten sich auch die Journalisten Ralf Georg Reuth und Günther Lachmann in ihrem 2013 erschienenen Buch »Das erste Leben der Angela M«. Der Ex-›Bild‹-Redakteur Reuth ist ein anerkannter Historiker. Er schrieb u.a. eine viel beachtete Goebbels-Biografie.

Über Kasners Motive, in die DDR zu ziehen, können die Autoren nur spekulieren:  »Gewiss lag seiner Entscheidung auch eine Haltung zu Grunde, die dem damaligen Schwarz-Weiß-Schema des Kalten Krieges zuwider lief. Denn linke protestantische Kreise standen Adenauers West-Integrations-Politik, seinem Wiederbewaffnungskurs und seiner konsequenten Ablehnung des Moskauer Angebots, ein neutrales Gesamtdeutschland zu schaffen, ablehnend gegenüber. Mehr Sozialismus lautete dort die Losung.«

Angela Merkels politisches Leben, so eine der Kernthesen des Buches, sei ohne ihren Vater jedenfalls nicht zu verstehen. Zu ihm habe sie aufgeblickt, ihn habe sie bewundert, seine Zuneigung habe sie gesucht. Und dieser Horst Kasner sei überzeugter Sozialist gewesen, der sich im Lauf der Jahre immer mehr gegen den Westen wandte.

Reuth und Lachmann beschreiben Merkels Vater, der in seiner Gemeinde der »rote Kasner« genannt wurde, als einen Mann, der eine »teilweise feindselige Haltung« gegenüber der Bundesrepublik entwickelte – eine Haltung, die er bis zu seinem Tod 2011 nicht mehr ändern sollte.

Liegt in Merkels Kindheit und Jugend der Schlüssel zum tieferen Verständnis ihrer unseligen Kanzlerschaft viele Jahre später? Zum Verständnis zu Szenen wie dieser, als Merkel am Wahlabend 2013 dem verdutzten Ex-CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe die Deutschlandfahne entriss?

Angela Merkel wuchs in einem Elternhaus auf, in dem Politik und Theologie verschmolzen und in dem das Politische mit dem Streben nach dem sozialistischen Ideal verknüpft war. Das Pastoralkolleg ihres Vaters war ein Ort der Indoktrination, an dem die im  »Weißenseer Arbeitskreis« erarbeiteten systemkonformen Anschauungen an den DDR-Pfarrernachwuchs vermittelt wurden. Nicht nur in Templin wusste man um Kasners politische Orientierung. Es gab sogar Gerüchte, der »rote Kasner« sei ein Zuträger des sowjetischen Geheimdienstes »KGB« gewesen.

Die Merkel-Biografen belegen, dass die spätere Masseneinwanderungskanzlerin ihren politischen Ehrgeiz nicht erst im Zuge der Wende entwickelte. Als Angehörige der sowjetisch geprägten Wissenschaftselite des SED-Staates sei sie zielbewusst und systemkonform gewesen.

Wie der Vater so die Tochter?

Angesichts des Todes von Merkels Mutter gebietet es die Pietät, das Thema nicht weiter zu vertiefen. Wie sagt der Lateiner: »De mortuis nil nisi bene« – über die Toten nur Gutes! (oys)

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