Die lange Abschiedstournee

Was Angela Merkel und die »Rolling Stones« gemeinsam haben

Angela Merkel (re.) und Annegret Kramp-Karrenbauer (beide CDU) in trauter Verbundenheit: Die Übergabe des Kanzleramts dürfte noch eine Weile auf sich warten lassen

Es ist die »Mutter aller Fragen« im politischen Berlin: WANN?

Wann endlich räumt Angela Merkel (CDU) auch das Kanzleramt? Einen ersten vagen Hinweis darauf könnte die Sonderklausur der Unionsführung geben, die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer für den 2. und 3. Juni angesetzt hat. Dabei sollen das absehbare Europawahldesaster und die sich ebenfalls abzeichnende krachende Niederlage bei der Landtagswahl in Bremen aufgearbeitet werden.

Immerhin: Nachdem es anfangs hieß, es gehe hauptsächlich um die Ergebnisse der jüngsten Steuerschätzung, soll jetzt auch über Ministerposten gesprochen werden. Damit dürfte indirekt klar werden, wie es in der »Kanzlerfrage« weitergeht.

Amtsinhaberin Merkel und Möchtegernamtsinhaberin Annegret Kramp-Karrenbauer sollen sich auf eine »würdige Machtübergabe« verständigt haben, aber noch nicht auf den genauen Zeitpunkt. Das berichtet der in Unionsangelegenheiten stets gut informierte Kollege Robin Alexander von der ›Welt‹.

Die Masseneinwanderungskanzlerin scheint es allerdings mit dem Motto »Eile mit Weile« zu halten: »Weltpolitik« macht Merkel erkennbar Freude: mal eben ein Dinner mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron im Kanzleramt für sechs Staatschefs vom Balkan; mal eben eine Sitzung mit fünf Präsidenten aus der Sahelzone in Ouagadougou/Burkina Faso.

Merkels lange Abschiedstour erinnert irgendwie an die »Rolling Stones«, deren Welttourneen auch nie enden wollen. Schon steht der nächste »Höhepunkt« bevor: Eine schon jetzt als »epochal« angekündigte Rede an der amerikanischen Eliteuniversität Harvard Ende Mai.

Wie alle Regierungschefs, die auf heimischem Boden nichts mehr zu gewinnen haben, flüchtet sich Merkel in die Außenpolitik, inszeniert sich als die große »Weltenkanzlerin« – die letzte übrig gebliebene »Staatsfrau« aus der Ära vor Donald Trump, vor dem Brexit, vor den Handelskriegen.

Nach der Europawahl am 26. Mai, wenn um die Spitzenposten in Brüssel gepokert wird, will Merkel ebenfalls mit am Tisch sitzen. Noch hält sie ihr Blatt bedeckt. Für den EVP-Spitzenkandidaten Manfred Weber »wird sie sich nicht verkämpfen«, glaubt ›Welt‹-Kollege Robin Alexander.

Derweil wächst in der Union die Unruhe. Die Klausur Anfang Juni hatte zuletzt Spekulationen angeheizt, es könnte doch noch einen raschen Wechsel im Kanzleramt geben. Danach sieht es eher nicht aus. Als frühester Zeitpunkt gilt jetzt der Sommer 2020.

Klar ist nur so viel: Die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer will Kanzlerin werden. Und sie wird es nach Lage der Dinge nicht mit der SPD werden. Die Genossen werden einen Teufel tun und dem Merkel-Klon aus dem Saarland für die Bundestagswahl 2021 zu einem »Kanzlerbonus« zu verhelfen. Den aber braucht Kramp-Karrenbauer angesichts katastrophaler persönlicher Umfragewerte dringend.

In der Union werden intern zwei Optionen durchgespielt:

  1. a) Kramp-Karrenbauer sichert sich bei der Klausur das Mandat für neue Jamaika-Sondierungen etwa nach der absoluten Wahlkatastrophe im Herbst (Brandenburg, Sachsen, Thüringen).
  2. b) Die Chaos-GroKo fliegt so oder so auseinander und Merkel wurstelt sich bis zur Wahl 2021 mit einer Minderheitsregierung durch – und mit einer »Vizekanzlerin« Kramp-Karrenbauer.

Auch das wäre ja dann ein »Kanzlerbonus«! (oys)

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