»Die Menschen in diesem Land haben etwas Besseres verdient«

Boris Johnson – der notorisch unterschätzte Brexit-Lieferant

Der neue britische Premierminister heißt Boris Johnson. Wer ist dieser Mann, der von den bundesdeutschen Mainstream-Medien anscheinend so gefürchtet wird, dass sie ihn mit hemmungsloser Aggression übergießen?

Der neue Tory-Chef und britische Premier Boris Johnson wird noch für viele Überraschungen gut sein

Sie können es einfach nicht lassen. Seit Wochen läuft in den deutschen Leitmedien und der politischen Klasse eine Kampagne gegen den neuen britischen Premierminister Boris Johnson, die an die übelsten Entgleisungen vor, während und nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten anknüpft.

Der Spiegel macht Johnson als »Verrückten« lächerlich mit einer Titelgrafik, die an das ›Mad-Magazin‹ anknüpft, Politiker und Medien-Maulwerker etikettieren ihn herablassend als »Clown«, »Lügner« und tollpatschigen, ahnungslosen, peinlichen Dummschwätzer – kurz, als »britischen Trump«. Das links-grüne Milieu hat nach Trump, Orbán, Netanyahu und Salvini wieder einmal eine neue mediale Hassfigur.

Das Muster ist immer dasselbe: Wer nicht bedingungslos EU-gläubig ist und im Brüsseler Chor mitsingt, wer noch dazu die hypermoralische deutsche Migrationspolitik suspekt findet und auf die Durchsetzung eigener nationaler Interessen pocht, der kann ja nur dem Wahnsinn verfallen und ein skrupelloser, hetzerischer »Populist« sein. Dass die Hetze dabei vor allem in der eigenen Filterblase hochkocht, fällt den links-grünen Moralhelden natürlich selbst am allerwenigsten auf.

Gefährliche Arroganz

Das ist gefährlich – nicht nur, weil diese Agitation souveräne und legitime demokratische Entscheidungen in wichtigen Partnerländern in den Dreck zieht und deshalb dort als arrogante Einmischung von außen eingeschätzt wird. Sondern vor allem, weil es dazu führt, dass wichtige politische Schlüsselspieler notorisch unterschätzt werden, mit allen negativen Folgen für die eigene Position.

So ging es der politisch-medialen Klasse schon mit Donald Trump, der weitaus rationaler und erfolgreicher agiert, als zuvor vorhergesagt, und der sich von deutschen Politikern, die ihn respektlos niedergemacht haben, nun erst recht nichts mehr sagen lassen will. Und so wird es denselben lernunwilligen Verbalradikalen jetzt auch mit Boris Johnson ergehen. Hinter dessen Kokettieren mit der eigenen chaotischen und unorganisierten Art steckt nämlich ein zielstrebiger und erfolgsbewusster Geist.

Intelligenz und Bildung

Der neue britische Premierminister verfügt nämlich über zwei Eigenschaften, die der deutsche Durchschnittspolitiker und -Journalist nur schwer wahrnehmen und anerkennen kann, wahrscheinlich weil er selbst nicht damit gesegnet ist: hohe Bildung und wache Intelligenz. Johnson besuchte die Eliteschule Eton, studierte an der ehrwürdigen Universität Oxford klassische Sprachen.

Darüber hinaus ist er als Buchautor bekannt; zuletzt veröffentlichte er eine Biografie über sein Idol Winston Churchill, auch einen Roman über einen – gescheiterten – islamistischen Anschlag auf einen US-Präsidenten hat er unter dem Titel »Zweiundsiebzig Jungfrauen« verfasst.

Politiker, die wissenschaftliche Werke schreiben, das hat man hierzulande schon länger nicht mehr gesehen. Lassen wir mal den Kinderbuchautor Robert Habeck beiseite, reicht es bei den meisten allenfalls zur Fake-Dissertation in »Geschwätzfächern«.

Humor und Selbstironie

Zu alledem verfügt Johnson auch noch über einen schlagfertigen und unverwüstlichen Humor mit einer ordentlichen Portion Selbstironie. Im muffigen Deutschland der politisch korrekten Sprachpolizisten, wo man nicht einmal Metaphern verstehen will, und schon nach dem Verfassungsschutz ruft, wenn einer »Aufstand der Generäle« oder »wir werden sie jagen« sagt, versteht man das wohl am allerwenigsten.

2016 hatte Johnson im Zuge des Böhmermann-Skandals einen Limerick »über die Liebe zwischen dem türkischen Präsidenten und einer Ziege« beigesteuert – und dabei zugleich dem plump-derben deutschen Fernsehclown elegant gezeigt, wie intelligenter politischer Witz wirklich geht.

Wenn Boris Johnson im Wahlkampf Sprüche klopft wie »wenn Sie Konservative wählen, bekommt ihre Frau größere Brüste und Sie selbst leichter einen dicken BMW«, wenn er ironisch mit seiner adeligen Abstammung spielt und auf seine »wirklich fette« Brieftasche anspielt, Hillary Clinton mit einer »sadistischen Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik« vergleicht oder sich als Liberaler gegen ein Burkaverbot ausspricht, weil es letztlich Privatvergnügen sei, wenn eine Frau »wie ein Briefkasten« herumlaufen wolle, dann macht ihn das populär, gerade weil es politisch unkorrekt ist und weil er sich selbst von seinem Spott nicht ausnimmt. Aber erklären Sie so etwas einmal einem Heiko Maas.

Politisches Naturtalent

Dass Johnson nicht nur Rampensau ist, sondern ein politisches Naturtalent, war früh klar: In Eton war er Schülersprecher, in seiner Studentenzeit in Oxford Präsident des renommierten Debattierklubs »Oxford Union Debating Society« – in der britischen Gesellschaft geradezu die Eintrittskarte für künftige höhere Ämter.

Die erkämpfte er sich auch, oft gegen alle Wahrscheinlichkeiten. 2001 schaffte er es zum ersten Mal ins Unterhaus, den Posten als kulturpolitischer Sprecher der Tories verlor er allerdings wegen einer seiner zahlreichen Frauenaffären. »Männer, die Frauen lieben, werden von Frauen geliebt«, ist einer der Sprüche, mit denen Johnson gerne sauertöpfische Feministinnen gegen sich aufbringt.

Boris Johnson ist ein Showtalent: Er radelt durch London als Politiker zum Anfassen, seilt sich auch einmal aus einer festgefahrenen Gondel ab, er posiert gern als Boxer – eines seiner Hobbys – oder zelebriert mit einem Gastauftritt in der Sendung »Top Gear« sein Faible für schnelle Autos. Für deutsche Grüne mag so etwas fürchterlich sein, die Briten lieben es.

Populärer Bürgermeister

2008 schaffte er das scheinbar Unmögliche, schlug im traditionell roten London den Labour-Linksausleger »Red Ken« Livingstone und wurde Bürgermeister der britischen Hauptstadt. Johnson führte Leihräder und City-Maut ein, vor allem aber glänzte er mit den Olympischen Spielen 2012 und wurde im selben Jahr wiedergewählt. 2015 ließ er sich dann doch wieder ins Unterhaus wählen.

Johnson machte als Bürgermeister auch mit Millionenverschwendung, in den Sand gesetzten und nie ausgeführten Prestigeprojekten von sich reden. Die Wähler haben ihm trotzdem verziehen. Sein Nachfolger, der pakistanische Muslim Sadiq Khan, tut sich vor allem mit zusammenbrechender Sicherheit und ausufernder Messerkriminalität, mit Islamisierungs- und Anti-Trump-Propaganda hervor. So schlecht waren die Johnson-Zeiten für die Londoner nicht.

Einflussreicher Journalist

Vor der politischen Karriere legte Boris Johnson eine journalistische hin. Johnson, der fließend italienisch und französisch spricht und als Sohn eines EU-Beamten als Kind zeitweise in der belgischen Hauptstadt gelebt hatte, berichtete für große Tageszeitungen kritisch und sarkastisch aus Brüssel und dem Eurokraten-Sumpf; zuletzt für den ›Daily Telegraph‹, davor für die ›Times‹, die ihn allerdings wegen eines erfundenen Zitats feuerte.

Dass ausgerechnet das Relotius-Magazin ›Spiegel‹ heute darauf genüsslich herumreitet, hat etwas Ironisches. Margaret Thatcher jedenfalls mochte und schätzte Johnsons EU-kritische Berichte. Als Chefredakteur der konservativen Zeitschrift ›Spectator‹, die er mit saftigen Geschichten würzte, baute Johnson seine Bekanntheit weiter aus, bis er den Chefsessel in der Redaktion gegen einen Unterhaussitz eintauschte.

Die Brexit-Befürworter können aufatmen: Mit Boris Johnson haben Sie einen Premier, der den Volkswillen umsetzen wird

Freiheitlicher EU-Gegner

Dass Johnson sich nach seinem zweiten Einzug ins Unterhaus auf die Seite der »Brexit«-Befürworter schlug und eifrig die Trommel für einen britischen EU-Austritt rührte, war zwar eine spontane Entscheidung, die er erst im letzten Moment fällte; trotzdem war der Schritt folgerichtig.

Johnsons Kritik an den »Superstaat«-Gelüsten der EU-Nomenklatura ist die gleiche, die er schon als Brüssel-Korrespondent in den Achtziger- und Neunzigerjahren vortrug. Nur dass die EU inzwischen noch weiter in Richtung Zentralismus und Bevormundung der Nationalstaaten gerutscht ist.

Das von Bundeskanzlerin Angela Merkel angerichtete Asyl- und Migrationschaos tat ein Übriges, um nicht nur Johnson, sondern auch eine Mehrheit der Briten auf Austrittskurs zu bringen.

Engstirnigen Nationalismus kann man Alexander Boris de Pfeffel Johnson dabei nicht vorwerfen. Er selbst sei »wie Supermarkthonig« eine »Mischung aus vielen Stöcken«, sagte er einmal mit der ihm eigenen Selbstironie. Geboren ist er in New York, wie Donald Trump übrigens, mit dem ihn nicht nur eine gewisse Grundsympathie verbindet, sondern auch der Hang zur gewagten Frisur.

Zu seinen Vorfahren gehört die französische Adelsfamilie de Pfeffel, eine illegitime Tochter des Prinzen Paul von Württemberg, aber auch sein Urgroßvater Ali Kemal, der letzte Innenminister des Osmanischen Reiches, der seinerzeit Kemal Atatürk verhaften ließ. Sein Großvater Osman Ali emigrierte daraufhin nach Großbritannien und nahm den Namen Johnson an.

Johnson will liefern

Der Osmanen-Enkel Boris Johnson hat alle Chancen, sein Wahlversprechen einzulösen: Den vom Volk gewünschten Brexit liefern, die konservative Partei einen und die Labour-Partei des Steinzeitsozialisten Jeremy Corbyn schlagen.

Seine Vorstellungen sind vernünftig und nah an denen von Margaret Thatcher: Er hält die EU, wie sie ist, für undemokratisch und dringend reformbedürftig; für Großbritannien strebt er eine umfassende Freihandelsvereinbarung und eine enge Partnerschaft mit dem Kontinent an.

Das könnte zur Initialzündung einer EU-Reform werden, wenn denn die EU-Seite endlich von ihrer arroganten und verkrusteten Position des »alles oder nichts« abrückt.

Deal oder Nicht-Deal?

Dass Johnson zum 31. Oktober auch einen »Brexit ohne Deal« in Kauf nehmen will, ist deshalb nicht verrückt und unrealistisch, wie größenwahnsinnige deutsche Kommentatoren gerne belehren, sondern eine Strategie, um den Druck auf die EU zu erhöhen.

Der Kurs seiner Vorgängerin Theresa May, ein Abkommen um jeden Preis durchboxen zu wollen, ist erkennbar gescheitert, weil er Brüssel alle Erpressungshebel in die Hand gab. Das hat Johnson, der 2016 als Außenminister in ihr Kabinett eingetreten und bald wieder ausgeschieden war, weil sich nichts bewegte, aus nächster Nähe mitbekommen.

Es wird gleichwohl ein gewagter Ritt. Widerstände werden ihm nicht nur aus Brüssel entgegenschlagen, sondern auch aus dem Unterhaus, das mehrheitlich, anders als die Wähler, den Brexit skeptisch sieht.

Johnson könnte diesen gordischen Knoten durchschlagen, indem er zügig Neuwahlen ansetzt. Sein Charisma lässt die Siegchancen der von Mays Erfolglosigkeit gebeutelten Tories wieder steigen.

»Elvis auf dem Mars finden«

Es gebe keine einfache Aufgabe, die eine Regierung nicht noch überkompliziert machen könnte, wenn sie sie nicht erfüllen wolle, sagte Johnson kürzlich mit Spitze gegen seine Amtsvorgängerin. Aber keine Aufgabe sei so komplex, dass man sie nicht lösen könne. Wenn der Mensch in der Lage gewesen sei, einen Mann auf den Mond zu schicken, könne er wohl auch den Brexit hinbekommen.

Ob Johnson es schafft? Für Überraschungen ist er jedenfalls allemal gut. Es ist noch nicht lange her, da sagte er auch schon einmal: »Meine Chancen, Premierminister zu werden, sind so gut, wie Elvis auf dem Mars zu finden oder als Olive wiedergeboren zu werden.«

Seine zentrale Botschaft werden jedenfalls auch außerhalb des Vereinigten Königreichs viele unterschreiben können: »Die Menschen in diesem Land verdienen etwas Besseres.« (fh)

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