Die Symbiose des politisch-medialen Komplexes oder:

Das Narrenschiff am Reichstag

»Volle Fahrt voraus und Kurs aufs Riff!«: Mathias Döpfner (li.) und Gabor Steingart wollen ab nächstem Frühjahr auf der Spree ein Redaktionsschiff schippern lassen (Bildmitte: historische Illustration des spätmittelalterlichen Bestsellers »Das Narrenschiff«)

»Topf sucht Deckel« lautet eine beliebte Formulierung in Kontaktanzeigen. Zwei, die zusammenpassen wie Topf und Deckel, haben sich auch so gefunden: Ex-›Handelsblatt‹-Herausgeber Gabor Steingart und »Springer«-Chef Mathias Döpfner. Beide gelten in der Medienbranche als Geldverbrenner und haben Großes vor.

Im Frühjahr 2020 soll ihr gemeinsames Projekt an den Start gehen – genauer gesagt: vor Anker. Steingart und Döpfner bauen nämlich ein »Nachrichtenschiff«, das auf der Spree auf und ab schippern soll.

Es dürfte eher ein Narrenschiff werden, das da am Reichstag an- und ablegen und Altparteienpolitikern jedweder Couleur eine schwimmende Bühne zur Selbstbespiegelung bieten wird.

»Morning Briefing«

Steingart, das muss man einräumen, ist ein routinierter und pfiffiger Texter. Er war von 2001 bis 2007 Leiter des ›Spiegel‹-Hauptstadtbüros, ehe er Dieter von Holtzbrinck, dem Verleger von ›Zeit‹, Berliner ›Tagesspiegel‹ und Düsseldorfer ›Handelsblatt‹, ein X für ein U vormachen konnte.

Unter Steingarts Herausgeberschaft gab es beim ›Handelsblatt‹ tolle Kongresse, schillernde Events und teure Partys. Sie kosteten Millionen, bis Holtzbrinck die Notbremse zog.

Seit seinem Abgang beim ›Handelsblatt‹ gibt Steingart einen kostenlosen E-Mail-Dienst heraus, der innerhalb des politisch-medialen Komplexes große Beachtung findet. Sein »Morning Briefing«, häufig mit Podcasts, ist recht unterhaltsam. Der Nachrichtenwert freilich tendiert gegen null. Ob Steingart damit Geld verdient (und wenn ja, beim wem?) entzieht sich der Kenntnis des Kolumnisten.

»Griff ins Klo«

Jetzt hat Steingart sozusagen die metaphysische Ebene zu Döpfner erreicht. Der verdient mit »Springer« und seinen schwindsüchtigen Restblättern auch nichts (›Welt‹) bzw. nicht mehr viel (›Bild‹). Weshalb die Heuschrecke »KKR« in den goldenen Verlagsturm im früheren Berliner Zeitungsviertel an der Kochstraße (heute: Rudi-Dutschke-Straße) eingefallen ist. Der US-Investor will den »Springer«-Knochen blank nagen – bei ›Welt‹ und ›Bild‹ hat das große Arbeitsplatz-Zittern begonnen.

Denn: Das einstige Kerngeschäft Print, das noch immer ein Drittel des springerschen Umsatzes ausmacht, läuft katastrophal. Der Gewinn, den Döpfner (noch) mit seinem digitalen Rubrikenportfolio macht, kann die Printverluste immer weniger wettmachen.

›Bild‹ verlor im dritten Quartal 2019 wie gehabt rund 10 Prozent seiner Leser; der seit nunmehr zwei Jahren amtierende Oberchefredakteur Julian Reichelt erweist sich als das, was man bei der CDU einen »Griff ins Klo« nennt.

Die ›Welt‹, ehedem das konservative Flaggschiff des Verlages, ist unter dem neoliberalen Latte-macchiato-Chefredakteur Ulf Poschardt auf dem Niveau einer politischen ›Freizeit Revue‹ angekommen. Das Blatt, das seine Kompaktausgabe zum Jahresende einstellt, verkauft inzwischen gerade noch 70.000 Zeitungen und erscheint mithin praktisch unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit (Abo und Einzelverkauf).

Propagandabühne mit E-Antrieb

Döpfner jedenfalls scheint das Interesse an den siechenden Zeitungen verloren zu haben und braucht offenbar eine neue Spielwiese. Wohl deshalb hat er sich an Steingarts Firma »Media Pioneer Publishing« beteiligt. Hauptquartier ist ab Frühjahr 2020 ein 40 Meter langes und 7 Meter breites Redaktionsschiff inklusive Newsroom, Tonstudio und sogenanntem Event-Bereich.

Täglich soll die »Pioneer One« (Elektroantrieb!) auf der Spree im Berliner Regierungsviertel auf und ab schippern und am Reichstag anlegen.

Fußläufige Symbiose

Das ist insofern bemerkenswert, als die Symbiose von Altparteien und Mainstream-Journalismus noch nie so eindrucksvoll dokumentiert wurde wie durch Steingarts und Döpfners Narrenschiff. Der politische Komplex wechselt sozusagen fußläufig vom Rednerpult im Reichstag zum Schiffsanleger des medialen Komplexes.

Unwillkürlich kommt einem das »Narrenschiff« des Barden Reinhard Mey in den Sinn: »Der Steuermann lügt, der Kapitän ist betrunken; und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken; die Mannschaft, lauter meineidige Halunken; der Funker zu feig um SOS zu funken; Klabautermann führt das Narrenschiff; volle Fahrt voraus und Kurs aufs Riff!« (oys)

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