Die wundersame Wandlung von ›Bild‹-Chef Julian Reichelt oder:

Vom Saulus zum Paulus

Ex-»Refugees welcome«-Aktivist Julian Reichelt hat einmal mehr eine beachtliche Wandlung vom Saulus zum Paulus hingelegt. Der ›Bild‹-Chef und Wendehals par excellence hat Angela Merkel (CDU) krachend die Corona-Leviten gelesen. Wie heißt es so schön in der Bibel: »Ich sage euch, so wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte.« Ein Schelm allerdings, der A wie Auflage, D wie Döpfner und H wie Heuschrecke dabei denkt.

Schluss mit lustig bei Axel Springer: »Bild«-Chef Julian Reichelt liest Merkel die Corona-Leviten. Hatte er eine Ansage von Konzerchef Mathias Döpfner?

Von Elfie Kaspers

Es war das medienpolitische Thema der Woche, die Corona-Krönung sozusagen: Ausgerechnet ›Bild‹-Oberchefredakteur Julian Reichelt, dessen Blätter bis zuletzt die kollektive Hysterie kräftig anheizten, schrieb (schrieb ER wirklich?) eine regelrechte Philippika gegen den Shutdown-Irrsinn.

Die ›Bild‹-Leser rieben sich verwundert die Augen – waren sie im falschen Film?

Ausgerechnet Reichelt, dessen Blatt sich zu Beginn der Pandemie nicht entblödet hatte, zu fordern, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) müsse »jeden Tag« zum Volk sprechen – so wie der große britische Kriegspremier Winston Churchill, der seinem Volk Blut, Schweiß und Tränen abverlangt hatte; ausgerechnet dieser devote Hofjournalist (»Refugees welcome«) rechnete in einem Kommentar, wie ihn die Republik lange nicht gelesen hat, gnadenlos mit dem Corona-Versagen der Bundesregierung ab. Unter der Überschrift »Schluss mit Starrsinn in der Corona-Politik!« zog Reichelt gleich eingangs alle Register:

»Erstens, ob die Maßnahmen richtig oder falsch, maßvoll oder überzogen sind, werden wir erst aus den Geschichtsbüchern erfahren. Ob wir auf Corona als Gesundheitskatastrophe oder Zusammenbruch unserer Wirtschaft zurückblicken werden, ist vollkommen offen. Es ist möglich, aber keinesfalls gewiss, dass richtig ist, was gewaltige Mehrheiten für richtig halten. Es gibt keine Herdenimmunität dagegen, historisch katastrophal falschzuliegen.«

Da blieb selbst alten ›Bild‹-Hasen, die schon so manche Wenden und Halsen in der Geschichte des Blattes miterlebt hatten, die Spucke weg.

Aber es sollte die Woche über noch besser kommen: Das Merkel-kritische, von Henryk M. Broder herausgegebene und dem »rechtspopulistischen« Spektrum zugerechnete Online-Portal »Achse des Guten« (achgut.com) führt Reichelt fortan als »Gastautor«. Das ist umso kurioser deshalb, weil Ralf Schuler, Chef der sogenannten ›Bild‹-Parlamentsredaktion und einer der letzten konservativen Mohikaner bei dem Blatt, wegen seiner Autorenschaft bei Broder redaktionsintern heftig unter Druck stehen soll.

Nun muss man dazu wissen: An opportunistischer Skrupellosigkeit hat es Julian Reichelt noch nie gefehlt. Als ›Bild‹-Online-Chef war er 2015/16 der glühendste Verfechter, manche sagen sogar der Erfinder, der unsäglichen »Refugees welcome«-Kampagne. Jede Kritik daran putzte er mit der Moralkeule herunter.

Kaum saß Reichelt auf dem Sessel seines Vorgängers und Mentors, des Auflagenvernichters Kai Diekmann, da beerdigte er stillschweigend genau diese Kampagne, die die Auflage der Zeitung im Sturzflug nach unten geschickt hatte. Sogar Merkel-Kritisches war, wenn auch in homöopathischen Dosen, wieder in ›Bild‹ zu lesen. Nicht immer, aber immer öfter. Wobei Reichelt stets seine drei ideologischen Feindbild-Koordinaten nicht aus dem Blick verlor: AfD, Assad und Putin.

»Die Amis wollen Kohle sehen«

Doch zurück zum Ereignis der Woche, Reichelts Corona-Abrechnung mit Merkel. Verlagsinsider, mit denen der Deutschland-Kurier sprach, bezweifeln stark, dass der Kommentar überhaupt auf Reichelts Mist gewachsen ist. Vielmehr heißt es bei Axel Springer: »Das war die Handschrift des Langen!« Der »Lange« ist mit 2,02 Meter Körpergröße Reichelts oberster Boss, Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner.

Dem steht trotz seiner beeindruckenden Körpergröße das Wasser bis Oberkante Unterlippe: Die ›Welt‹, einst das konservative Flaggschiff des Hauses, erscheint mit kaum noch mehr als 50.000 Auflage inzwischen weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit; die ›Bild‹-Zeitung, noch immer die Cashcow des Hauses, kratzt an der nächsten Unterbietungsmarke von einer Million verkauften Exemplaren. Manche sagen, ›Bild‹ sei aktuell sogar schon darunter, weil wegen des Corona-Shutdowns der gesamte Bahnhofsverkauf, das zentrale Vertriebsstandbein, zum Erliegen gekommen und mit dem Ausfall der Bundesliga das wichtigste Kaufargument weggefallen ist.

Döpfner, der den Verlag mit seinen diversen Internetportalen zu einem digitalen Gemischtwarenladen umgebaut hat, scheint jedenfalls mächtig unter Druck zu stehen. Springer musste bereits mehrere Gewinnwarnungen an seine Aktionäre herausgeben. Das Problem stellt sich allerdings nicht mehr: Döpfner hat nach dem Einstieg der US-Heuschrecke »KKR« den zuletzt im M-Dax notierten Verlag kurzerhand von der Börse genommen. Allerdings, so heißt es im Berliner Springer-Hochhaus: »Die Amis wollen Kohle sehen!«

Eine alte offene Rechnung mit Merkel

Hinzu kommt: Döpfner hat mit Merkel eine alte und ziemlich große Rechnung offen. Zu den größten Flops des Springer-Chefs gehört der Ex-Postdienstleister PIN Group, bei dem Europas größter Zeitungskonzern vor 13 Jahren für 510 Millionen Euro als Mehrheitsgesellschafter eingestiegen war. Der Verlag musste aus dieser Beteiligung rund 600 Millionen Euro abschreiben. Grund war der seinerzeit von der ersten Chaos-GroKo durchgesetzte Mindestlohn für Briefzusteller, der Döpfners PIN-Group-Ausflug fulminant scheitern ließ. Der Springer-Chef soll sich seinerzeit auf das Engagement nur eingelassen haben, weil Merkel ihm zugesichert habe, der Mindestlohn komme nicht. Seither sei er auf Merkel nicht mehr gut zu sprechen. Insofern könnte es Sinn machen, wie Verlagsinsider unken, dass Döpfner neuerdings auch unter dem Pseudonym Julian Reichelt schreibe.

Interessant (für Insider) ist auch folgender Passus von – gehen wir für den Moment davon aus – Reichelts Kommentar:

»Der CDU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus macht sich in heiterer und hochrangiger Weinrunde über den Abweichler Armin Laschet lustig und alle lachen.«

Der Passus ist sogar doppelt interessant – nämlich deshalb, weil das kolossale Versagen des Bundesgesundheitsministers und gelernten Bankkaufmanns Jens Spahn (CDU) im gesamten Text nicht einmal vorkommt. Dafür, sagt ein ›Bild‹-Redakteur, der aus verständlichen Gründen namentlich nicht genannt sein will, gebe es eine einfache Erklärung: ›Bild‹ wolle den Unionsfraktionsvorsitz für Spahn freischießen. Denn Spahn, der allerlei Fiesheiten gegen Brinkhaus durchstechen soll, ist ein Buddy von ›Bild‹-Vize Paul Ronzheimer. Und der wiederum ist ein Buddy von Reichelt.

Manchmal ist es einfacher, als man denkt!

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