Die zwei Gesichter des Sebastian Kurz’

Die spitze Feder aus Österreich

Johannes Schüller

Wie in Ekstase recken rund zehntausend Gläubige beide Arme nach oben, während ein mutmaßlicher Prediger salbungsvolle Worte spricht. In warmen Worten lobt er einen jungen Mann, der gerade einmal 32 Jahre alt ist und bereits eines der wichtigsten Polit-Ämter in Österreich bekleidet hat. Ohne Zweifel: Dieses Bild, das der machtversessene ÖVP-Boss Sebastian Kurz Mitte Juni in der Wiener Stadthalle abgab, irritiert. Der evangelikale Prediger Ben Fitzgerald – er soll als Drogendealer laut eigenen Angaben 2002 Jesus begegnet sein – pries dort die „Weisheit“ und das „Herz“ des nunmehrigen Ex-Kanzlers vor den evangelikalen Massen, wünschte ihm zudem die Kraft für eine „gerechte Führung“. In der Alpenrepublik sorgte der skurrile Auftritt, den Kurz im Rahmen einer Österreich-Tour bei einer Veranstaltung der Bewegung „Awakening Europe“ absolvierte, für reichlich Wirbel! Politische Konkurrenten, darunter auch die FPÖ, warfen Kurz die Goutierung von „sektenähnlichem Verhalten“ vor. Zugleich widerlegt der Kurz-Auftritt aber auch jene, die den Ex-Kanzler nach dem Scheitern seiner Regierung bereits in der politischen Versenkung sehen wollten. Denn in Österreichs Polit-Landschaft spielt der Mann, unter dem die schwarz-blaue Koalition durchaus große Anerkennung und Zustimmung genoß, weiterhin eine wichtige Rolle. Und nach der vorzeitigen Nationalratswahl im Herbst diesen Jahres könnte sich der kometenhafte Aufstieg des Politikers fortsetzen. In aktuellen Umfragen zur Nationalratswahl liegt Kurz’ ÖVP bei 38 Prozent, die FPÖ hingegen nur noch bei 17 und die SPÖ bei 23 Prozent! Sehr vieles spricht dafür, dass Kurz – von dessen bürgerlich-patriotischer Fassade sich viele deutsche Konservative lange blenden ließen – erneut Kanzler werden könnte. Ein Blick in die Polit-Biographie des 32-Jährigen zeigt indes, dass es Kurz stets verstand, auf den Wellen des Zeitgeistes zu segeln: 2010 sorgte der damalige Wiener Lokalpolitiker mit für die Wiener ÖVP werbenden „Geil-o-Mobilen“ für Spott. Als Außenminister meinte Kurz noch 2015: „Der durchschnittliche Zuwanderer von heute ist gebildeter als der durchschnittliche Österreicher.“ Im von Kurz noch 2017 unterstützten „Österreichischen Integrationsfonds“ zeigten sich Mitarbeiterinnen gerne auch einmal mit Muslim-Kopftuch. Die gern verkündete Behauptung, dass Kurz als Außenminister die Balkanroute für illegale Migranten geschlossen habe, hält einer genaueren Betrachtung indes nicht stand. Vielmehr war es Ungarns mutiger Ministerpräsident Viktor Orbán, der durch seinen Zaunbau den Weg nach Norden für junge männliche Invasoren sperrte! Im Herbst könnte Kurz laut aktuellen Analysen eine Koalition mit den Grünen oder aber den linksliberalen „Neos“ anstreben – eine Koalition mit der FPÖ schloss er hingegen vorerst aus. Spätestens dann könnte der alte, neue Kanzler sein zweites, zutiefst an den globalistischen Mainstream angepasstes Gesicht präsentieren.

Johannes Schüller

ist Stellvertretender Chefredakteur der österreichischen Zeitung ›Wochenblick‹.

Drucken