»Muttis« Beste: Julian Reichelt, Tanit Koch und Kai Diekmann (v.l.n.r.)

Wieder 10 Prozent weniger – ›Bild‹ laufen die Leser massenweise weg

Alle drei Monate kommt für die deutschen Verlagsmanager und Mainstream-Chefredakteure die Stunde der Wahrheit. Dann veröffentlicht die »Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern« (IVW) ihre Quartals-Erhebungen zur Printauflage deutscher Medien. Gezittert wird jedesmal vor allem in der Berliner Axel Springer Straße 65, dem Sitz von ›Bild‹.

Laut IVW verlor ›Bild‹ im 4. Quartal 2017 erneut 162.576 Leser ( − 10 Prozent) im Vergleich zum Vorjahr. ›Bild‹ verkauft nur noch 1,46 Millionen Exemplare täglich, die floppende ›Fußball Bild‹ (rd. 50.000) und die schwindsüchtige Berliner ›BZ‹ (ca. 70.000) mit eingerechnet. Zu besseren Zeiten, Anfang der 80er-Jahre, betrug die ›Bild‹-Auflage einmal 5,5 Millionen. Ohne Auflagenkosmetik und nur in der alten Bundesrepublik.

Die Verkaufszahlen und damit auch die politische Bedeutung des einstigen Boulevard-Schlachtschiffes kennen seit 15 Jahren nur eine Richtung: abwärts!

Rund drei Millionen Leser hat ›Bild‹ seit 2002 verloren.

Die Verluste, so schwer wie Senkblei, gehen bei Axel Springer an die Substanz. Denn trotz konsequenter Digitalisierungsstrategie macht Europas größtes Verlagshaus noch immer ein Drittel seines Umsatzes im früheren Kerngeschäft Print.

Ein Jahr nach dem Abgang des ›Bild‹-­Totengräbers Kai Diekmann (53) rollt der nächste Kopf. Die glücklose Chefredakteurin Tanit Koch (40), ein Diekmann-Gewächs, verlässt den Verlag Ende Februar. Sie sei damit ihrer Kündigung zuvorgekommen, sagen Verlags-Insider. ›Bild‹-Alleinherrscher ist jetzt der bisherige Online-Chef Julian Reichelt (37). Auch er ist ein Ziehkind von Diekmann. Das Feindbild des aufgeblasenen Ex-Kriegsreporters, an dessen Lippen Vorstandschef Mathias Döpfner regelrecht kleben soll, bewegt sich zwischen drei Koordinaten: AfD, Assad und Putin.

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Die erste ›Bild‹-Zeitung erschien am 24. Juni 1952 in den westdeutschen Wiederaufbaujahren und kostete zehn Pfennige. Ein knappes Jahr später verkaufte das Blatt (viele Bilder, knappe Texte) schon 532.682 Exemplare am Kiosk. Ende 1953 knackte ›Bild‹ die Millionen-Marke, 1960 wurde die nächste Schallmauer durchbrochen (drei Millionen). Konrad Adenauer (CDU) erkannte als Erster: »Gegen die ›Bild‹-Zeitung ist eine Wahl nicht zu gewinnen.«

Eine ›Bild‹-Schlagzeile für die Ewigkeit

Seine größten Erfolge feierte das Boulevard-Blatt, das am 21. Juli 1969 mit der Kultschlagzeile »Der Mond ist jetzt ein Ami« aufmachte, Anfang der 80er-Jahre unter dem legendären Redaktionsdirektor Günter (»Jünner«) Prinz und seinem Chefredakteur Horst (»Hotte«) Fust: 5,54 Millionen Auflage, ein Allzeit-Rekord! Der visionäre Verleger und deutsche Patriot Axel Springer hatte aus seiner ›Bild‹-Zeitung einen gigantischen Erfolg gemacht – und eine Zeitung, vor der Politiker zitterten.

Auf die Frage, was er sich 1952 dabei dachte, als er ›Bild‹ erfand, sagte Axel Springer später einmal: »Ich wollte eine gedruckte Antwort auf das Fernsehen.« Der große konservative Verleger fügte noch einige grundsätzliche Anmerkungen hinzu: »Jedermann weiß, dass diese Zeitung nicht schüchtern ist, dass ›Bild‹ gehalten ist, holzschnittartig zu formulieren. Das passt einer Minorität von Ästheten nicht so recht, aber in toto kommt es glänzend an. ›Bild‹ hat dem Volk immer aufs Maul geschaut.«

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Axel Springer starb am 22. September 1985. Wenig später fing bei ›Bild‹ in der Bonner Parlamentsredaktion ein Volontär an, das wallende Haupthaar zum Zopf gebunden. Gerade mal 22 Jahre alt, sagte er frech: »Ich werde ›Bild‹-Chefredakteur.«

Der junge Mann wurde am 01. Januar 2001 tatsächlich Chefredakteur der ›Bild‹-Zeitung, sogar der am längsten amtierende. Er wurde auch der Totengräber dieses einst so mächtigen Boulevard-Schlachtschiffes. Der Mann heißt Kai Diekmann.

Er schaffte es, die Auflage in 15 Jahren auf 1,8 Millionen verkaufte Exemplare herunterzuwirtschaften.

Immer wieder wird der Niedergang von Axel Springers Lebenswerk mit dem Internet in Verbindung gebracht. Das ist, wenn überhaupt, nur teilweise richtig. Erstens legen andere Blätter wie die liberal-konservative ›Junge Freiheit‹ gegen den Trend zu; oder sie halten die Auflage einigermaßen stabil wie das sich wohltuend vom Mainstream abhebende ›Handelsblatt‹. Zweitens ist jede halbe Wahrheit immer eine ganze Lüge!

Das Meinungsmagazin ›TICHYS EINBLICK‹ konstatiert zutreffend: »Die Causa Diekmann sollte als Menetekel für andere Medien, Parteien und Kirchen taugen. Denn auch ihnen laufen Kunden und Mitglieder in Scharen weg, weil diese den Gleichstream in Meinung, politischer Ausrichtung und moralischer Verkündung nicht länger ertragen wollen.«

Nach einem einjährigen Bildungsurlaub auf Verlagskosten im Silicon-Valley umgarnte Diekmann zuletzt ein hippes Szene-Publikum, dem er sich mit Rauschebart, Tattoos, Kapuzenpulli und zerfetzten Jeans auch äußerlich annäherte (seht her, was für ein cooler Typ ich bin). Neoliberale Typen wurden bis zum Erbrechen hochgeschrieben, vor allem der 2016 verstorbene Ex-FDP-Chef Guido Westerwelle und dessen »Ehemann« Michael Mronz. Oder CSU-Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg, der als Verteidigungsminister politischen Rat bei Diekmann suchte. Nach seiner Hipster-Verwandlung adaptierte »Kaischie« den KTG-Style, dem er bis heute treu geblieben ist.

Die frühere Kernleserschaft von ›Bild‹ blieb unter Diekmann immer mehr auf der Strecke: die sogenannten kleinen Leute mit ihren Alltagssorgen; mit der Rente, die oftmals hinten und vorne nicht reicht; mit der Angst vor Kriminalität und Überfremdung.

Stattdessen betrieb der hoch bezahlte Selbstdarsteller Diekmann regierungsfreundlichen Streicheljournalismus. Der Politikchef des Blattes, Nikolaus Blome, sei ein »als Journalist getarnter Regierungssprecher«, sagen Ex-Kollegen. Diekmann produzierte Gaga-Schlagzeilen und sinnentleerte Geschichten. C-Promis wurden hoch- und dann wieder gnadenlos runtergeschrieben. Alles nach dem Motto: Etwas Spaß muss sein, vor allem seiner!

Diekmann, der sich in einem Mercedes S-Klasse chauffieren ließ und der einmal 42.000 Euro Handy-Gebühren in nur drei Tagen produzierte, hatte völlig den Kontakt zu seinen Lesern verloren. Besonders großartig fand er seine intime Nähe zu Helmut Kohl. Ausgerechnet diesen Mann, der sich in der CDU-Spenden­affäre über das Gesetz stellte, feierte ›Bild‹ penetrant als einen der größten Politiker aller Zeiten.

2015 leistete der zum »Welcome«-Aktivisten mutierte Diekmann seinen journalistischen Offenbarungseid, als er an die Redaktion die Maxime ausgab:

»Wir berichten nicht über die AfD – wir bekämpfen sie!«

Folgerichtig wies Diekmann seine Politruks an, die »größten Lügen« aufzuschreiben – etwa, Migranten seien auffallend oft kriminell. ›Bild‹, längst ein Teil der Systempresse, scheute auch vor Leser-Beschimpfung nicht zurück: »Liebe PEGIDA-Idioten«, ließ Diekmann seinen Postmann Franz Josef Wagner, auf dessen »Post« schon lange keiner mehr wartet, hetzen.

Seine Nachfolgerin und frühere Büroleiterin Tanit Koch (»Alles habe ich von Kai Diekmann gelernt«) sollte sich als würdige Nachfolgerin erweisen. In der Redaktion wurde ihr eine intime Nähe zu Beate Baumann, der engsten Vertrauten der Masseneinwanderungskanzlerin Angela Merkel (CDU), nachgesagt. Im August 2017 entblödete sich Koch nicht, die Schlagzeile zu bringen: »Gysi eröffnet FKK-Wahlkampf.« In der VW-Dieselaffäre stand ›Bild‹ nicht auf der Seite der betrogenen Kunden (Leser), sondern stützte lange den Ex-Konzernchef Martin Winterkorn. Nun ja, der Wolfsburger Konzern ist einer der wichtigsten Anzeigenkunden. Carsten Maschmeyer, Gründer der AWD-Drückerkolonnen, konnte sich als Großspender der ›Bild‹-Aktion »Ein Herz für Kinder« von lästigen Recherchen freikaufen.

Altgediente ›Bild‹-Haudegen trauen dem neuen Chef Reichelt nicht zu, dass er den Untergang von ›Bild‹ aufhalten kann: »Die Teenager können es einfach nicht.« Der neue ›Bild‹-Alleinchef Reichelt ist ein großer Fan von Johnny Cash. Zu dessen Spätwerk gehört der Song »The man comes around«. Er handelt vom Jüngsten Gericht. Über ›Bild‹ scheint die Apokalypse schon gekommen zu sein. Dabei war noch nie soviel Boulevard gewesen wie heute. Kampfteetrinker Reichelt – the show must go on – hat in seinem Büro ein Feldbett aufgeschlagen. Ruhe sanft!

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