Fall Billy Six:

»Es hat niemanden in den deutschen Medien interessiert«

Die Eltern von Billy Six haben sich im Interview mit dem Deutschland Kurier enttäuscht über den Medien-Boykott der deutschen Mainstream-Presse geäußert. Die Presse habe nur widerwillig bis gar nicht über den Journalisten berichtet, der seit 110 Tagen in Venezuela in Haft sitzt.

»Wir haben eigentlich gedacht, es gibt so etwas wie eine Berufsehre, da solidarisiert man sich doch. Aber wir haben von einer Journalistin gehört: ›Oh nee, der schon wieder.‹ Ich habe mir schon die Finger wund gewählt, um überhaupt jemanden zu überreden, widerwillig einen Zweizeiler zu schreiben«, so die Mutter Ute Six. »Damit hatten wir nicht gerechnet.«

Der Deutsche Journalistenverband habe sich zum Beispiel für Billy Six nicht interessiert, so die Eltern. »Es hat sich niemand in Deutschland dafür interessiert, es ist alles auf Initiative von uns zurückzuführen«, so Edward Six.

Die einzigen deutschen Medienvertreter, die sich für ihren Sohn engagiert hätten, waren die »Reporter ohne Grenzen« (ROG), aber erst nachdem die Familie an sie herangetreten war: »Der Geschäftsführer Christian Mihr hat aber gesagt, er müsse zuerst prüfen, ob Billy als Journalist oder als Aktivist in Venezuela war.«

Nach einem Monat sei er zu dem Schluss gekommen, dass Billy Journalist und nicht Aktivist gewesen war, und deshalb würden die ROG sich darum kümmern. »Seitdem sind die ›Reporter ohne Grenzen‹ die einzigen, die zumindest schreiben, sie fordern die Freilassung.«

Zum Vergleich dokumentieren wir hier den gemeinsamen offenen Brief, den die Kollegen am 9.6.2017 auf der Website Netzwerk Recherche für Deniz Yücel verlesen haben:

Doris Akrap, taz:
Lieber Deniz,
seit Februar sitzt Du in einem türkischen Gefängnis. Im Vertrauen auf ein rechtsstaatliches Verfahren hast Du Dich freiwillig den türkischen Behörden gestellt. Seitdem hoffst Du, aber auch wir, auf einen fairen Prozess. Bislang vergebens.

Markus Grill, Correctiv:
Die konkreten Vorwürfe gegen Dich wurden bis heute nicht veröffentlicht, geschweige denn belegt. Stattdessen behaupten der türkische Präsident Erdogan und die ihm nahestehenden Medien, Du seist kein Journalist, sondern ein »Terrorhelfer« und »Spion«.

Hajo Seppelt, Sportjournalist:
Deine Texte, Interviews und Reportagen haben der türkischen Regierung nicht gefallen. Doch die Pressefreiheit ist keine Geschmacksfrage. Sie ist ein in der UN-Charta von 1948 verbrieftes Menschenrecht. Es ist Dein Recht. Es ist unser Recht.

Gemma Pörzgen, Reporter ohne Grenzen:
Hunderte von Journalistinnen und Journalisten haben sich an diesem Wochenende wieder hier auf dem NDR-Gelände versammelt. Zur Jahrestagung von netzwerk recherche. Auch Du warst hier schon zu Gast. Hast diskutiert und zugehört, gestritten und gelacht. Wie gerne hätten wir Dich auch heute wieder hier.
Lieber Deniz, Du fehlst uns sehr.

Silke Burmester, Freie Journalistin:
Unsere Gedanken sind heute auch bei unserer Kollegin Mesale Tolu, die seit Ende April ebenfalls in der Türkei eingesperrt ist. Zusammen mit mehr als 165 türkischen Journalistinnen und Journalisten von vielen Verlagen und Sendern. Die Vorwürfe sind absurd, unsere Empörung dagegen ist sehr konkret.

Hans Leyendecker, Süddeutsche Zeitung:
Hier in Hamburg sind heute und morgen auch zahlreiche Kolleginnen und Kollegen zu Gast, die aus ihren Heimatländern fliehen mussten. Sie haben dort Hetze und Einschüchterung erlebt, wurden verfolgt und eingesperrt. Weil sie ihren Beruf liebten.

Anja Reschke, Panorama:
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, einige von Ihnen kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Iran, Irak, Russland, der Türkei, Indien, Pakistan und all den anderen Ländern, wo Pressefreiheit leider immer noch – oder schon wieder – ein Fremdwort ist. Wir freuen uns sehr, dass Sie heute sind. Dass sie in Sicherheit sind. Herzlich willkommen!

Armin Wolf, ORF:
Unsere Gedanken sind heute aber auch bei denen, die noch immer in den Ländern arbeiten, wo freier und unabhängiger Journalismus unerwünscht ist. Wo Kolleginnen und Kollegen von uns jeden Tag das Schlimmste befürchten müssen, ja sogar ihr Leben riskieren.

Ingo Zamperoni, Tagesthemen:
Und das nur, weil sie das tun, tun wollen, was für uns hier selbstverständlich ist: Fragen stellen, informieren, analysieren, kommentieren und – ja auch das – kritisieren. Und deshalb bekunden wir Ihnen von hier aus unseren Respekt und unsere Anerkennung. Für ihren Mut und ihre Leidenschaft.

Klaus Brinkbäumer, Der Spiegel:
Wir möchten aber auch mal denen danken, die sich um verfolgte und inhaftierte Journalistinnen und Journalisten kümmern, uns hier auf deren Schicksal aufmerksam machen. Organisationen wie Reporter ohne Grenzen, Journalisten helfen Journalisten, die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte, das Pen-Zentrum Deutschland und all die anderen Helfer und Helferinnen – Eure Arbeit ist so wichtig. Und deshalb von uns allen hier ein Dankeschön!

Stephan Lamby, ECO Media:
Lieber Deniz Yücel, liebe Mesale Tolu, Sie sind zwei von derzeit über 350 Kolleginnen und Kollegen, die in rund 40 Ländern eingesperrt sind. Mehr als 90 Journalistinnen und Journalisten wurden allein in den letzten 18 Monaten getötet. Es ist eine schreckliche, eine empörende Bilanz.

Jupp Legrand, Otto-Brenner-Stiftung:
Die Pressefreiheit schützt Journalistinnen und Journalisten nicht vor Gewehrkugeln und Bomben in Krisen- und Kriegsgebieten. Wenn aber staatliche Behörden und Regierungen diese Pressefreiheit nicht schützen, dann kann es überhaupt keinen Schutz mehr geben.

Julia Stein, netzwerk recherche:
Es ist ermutigend, dass es hier in Deutschland eine so breite Unterstützung für Euch, liebe Mesale, lieber Deniz gibt. Von Bild bis zur taz, von der Welt bis zur Jungle World engagieren sich Eure Kolleginnen und Kollegen, machen zusammen mit vielen Künstlern, Politikern und Bürgern immer wieder auf Euer Schicksal aufmerksam. Und vergessen dabei all die anderen Journalistinnen und Journalisten nicht, die ebenfalls verfolgt werden.

Doris Akrap, taz:
Wir alle dürfen nicht nachlassen, müssen weiter solidarisch sein. Denn die Pressefreiheit ist uns wichtig. Und deshalb bist auch Du, lieber Deniz, uns wichtig. Sehr wichtig. Wir denken an Dich. Wir vermissen Dich. Wir vermissen Euch.

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