Flüchtlingsaufklärung, Brotbelag und Holocaust:

Der Relotius-Pokal für den Monat Juni geht an Marie Sophie Hingst, Ex-»Bloggerin des Jahres«

Die Relotia des Monats ist, mit deutlichem Abstand vor der auch diesmal nicht geringen Konkurrenz, die Bloggerin Marie Sophie Hingst, die sich auch mit Kunstgeschichte auskennt – mit der Kunst nämlich, Geschichten zu erfinden zwecks besserer Selbstvermarktung.

Denn, seien wir ehrlich, junge Frauen, die irgendetwas mit Geschichte studiert haben, auch solche, die das im englischsprachigen Ausland getan und sogar promoviert haben, gibt es heutzutage nicht wenige. Sich da über die akademische Ochsentour einen internationalen Namen zu machen ist mühsam, dauert lange und verlangt viel Fleiß und Arbeit.

Bloggen ist einfacher, aber Blogger gibt es auch jede Menge. Was tun also, wenn man eigentlich nichts Spektakuläres zu erzählen hat, weil man gerade erst fertig studiert hat? Frau Hingst benutzte ihre Fantasie, dachte sich allerhand Anekdoten aus und eine neue, interessante Identität mit Aufmerksamkeitsgarantie noch dazu.

So wurde aus der braven Studentin Marie Sophie Hingst aus Wittenberg in Sachsen-Anhalt, die gerade in Dublin über englische Kolonialstrategien gegenüber Irland im 17. Jahrhundert promoviert hatte, die Urenkelin einer alten Dame, die als einzige ihrer Familie den Holocaust überlebt haben sollte; und als solche erzählte sie fortan selbsterdachte edelkitschige Anekdoten ihrer jüdischen Urgroßmutter.

Liest man die Geschichten nach – ihr Blog »Read on my dear« ist inzwischen offline, aber das Netz vergisst ja nichts –, wundert man sich: Hat keiner gemerkt, wie schamlos dick aufgetragen das ist? Na gut, bei den anderen Relotiussen hat das ja auch funktioniert. Aber ihre Familie, hat die nicht mitbekommen, wie sie aus ihren braven evangelischen Urgroßvätern NS-Verfolgte und Holocaust-Opfer gemacht hat?

Nicht nur das, zu den umgedichteten drei realen Vorfahren hat sie noch 19 weitere ermordete Verwandte dazuerfunden und ihre Biografien auf eifrig ausgefüllten Formularen bei der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem eingereicht.

Mit Erfolg: 240.000 Follower im Netz, Einladungen zu Interviews, Podiumsdiskussionen, Vorträgen, 2017 dann auch die Auszeichnung als »Bloggerin des Jahres« für ihr Flunker-Tagebuch im Internet und der »Future of Europe«-Preis der ›Financial Times‹ – der Lohn für Erfindungsreichtum und Fälschereifer stellte sich prompt ein.

Und weil sie schon dabei war, dockte die fantasiebegabte Frau Hingst auch noch bei anderen Modethemen an, erzählte dem ›Deutschlandfunk‹ von der »Slum-Klinik«, die sie 2007 schon mit 19 in Indien gegründet haben wollte, um jungen Männern »Sexualaufklärung« nahezubringen; was sie später auch bei »syrischen Flüchtlingen« unternommen haben wollte, wie sie der ›Zeit‹ unter dem dreisten Pseudonym »Sophie Roznblat« erzählte. Gut, dass sie schon als Kind in Algier Arabisch gelernt habe; für ihr Aufklärungsprojekt habe sie das Wort »Penis« gar in elf Sprachen geübt.

Stutzig wurde ob solcher Fabulierfreude trotz kritischer Lesernachfragen offenbar keine der vermeintlich seriösen Redaktionen, auch die ›FAZ‹ nicht, die mit ihr ein anonymes Interview führte, auch nicht die »Jugendwellen« der ›ARD‹-Hörfunksender ›SWR 3‹ und ›BR2‹-»Zündfunk«, die den Quark von der »Sexualsprechstunde für Flüchtlinge« weiter breitgetreten hatten. Es passte halt einfach so schön ins eigene Klischeebild, wie bei Claas Relotius ja auch schon.

Dumm nur, dass es auch noch Historiker gibt, die ihren Beruf ernst nehmen und Geschichten nicht einfach glauben, sondern quellenkritisch hinterfragen. Die auf Personenrecherchen spezialisierte Forscherin Gabriele Bergner aus Teltow zum Beispiel, der die von Hingst eingereichten Opferbiografien merkwürdig vorkamen und die zusammen mit Genealogen und Archivaren die Fälschungen aufdeckte.

Auch der ›Spiegel‹ bekam Wind von der Sache und griff die Geschichte von der Hochstaplerin, auf die alle möglichen anderen Redaktionen hereingefallen waren, begierig auf. Was für eine Erleichterung für das Relotius-Magazin, dass es wenigstens bei diesem Betrug nicht dabei gewesen war.

Blöd gelaufen aber für Frau Hingst: So schnell, wie sie sich ihren Ruhm im Netz erschlichen hatte, ging auch die Demontage. Reihum distanzieren sich ihre eilfertigen Multiplikatoren, all die schönen Artikel werden verschämt aus dem Netz genommen.

Auch ihr neuestes Projekt dürfte sich jetzt wohl nicht ganz so gut verkaufen – ein Bildband »Kunstgeschichte als Brotbelag«, mit Fotos von auf Brotscheiben mit Lebensmitteln grob nachgebastelten berühmten Bildern, die die Follower von Frau Hingst auf ihre Anregung hin eingereicht haben.

Gut, darauf hat die Welt vielleicht auch so nicht gerade gewartet, trotz allem Geraune über Brot und Deutschtum, sie kann es mit der Bewältigungsmasche halt einfach nicht lassen. Der Jubelartikel vom ›NDR‹ ist zwar noch nicht aus dem Netz genommen, die Sendung dazu wurde aber dann doch nicht mehr ausgestrahlt.

Und auch der Preis für ihren Blog wurde dem gefallenen Ex-Star hektisch wieder aberkannt. Zum Trost darf sie sich jetzt über den »Relotius-Pokal« freuen – da ist sie in mindestens so prominenter Gesellschaft wie als »Bloggerin des Jahres«. (fh)

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