Einar Koch

Es ist eine gefühlte Ewigkeit her, 17 Jahre. Wir waren zum Abendessen verabredet im »Dressler«, einem Restaurant mit französisch angehauchter Küche unweit vom Brandenburger Tor. Friedrich Merz mochte das Lokal (»meine Kantine«) und der CDU/CSU-Fraktionschef hatte zum vertraulichen Plausch gebeten. Es ging an diesem Abend vor allem um die Frage, wen die Union 2002 als Kanzlerkandidaten gegen Gerhard Schröder (SPD) ins Rennen schicken sollte. Merz, im Bundestag wegen seiner Scharfzüngigkeit gefürchtet, galt als Favorit – aber Kanzlerkandidat wurde ein Jahr später Edmund Stoiber (CSU). Der Fraktionschef, dessen Beliebtheitswerte zu der Zeit nicht gerade umwerfend waren, sah die Dinge realistisch: »Ich habe buchstäblich ein großes Problem: Ich bin zu groß. Die Leute mögen keine Politiker, die ihnen von oben herab auf die Köpfe schauen.« Ich hielt ihm entgegen, dass Helmut Kohl doch auch groß gewesen sei. »Ja«, meinte Merz, »aber Kohl war dick.« So habe der Pfälzer trotz seiner Größe jovial und volkstümlich gewirkt. »Ich habe deshalb aber nicht vor, dick zu werden«, scherzte der CDU/CSU-Fraktionschef.

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Friedrich Merz war nach dem Ende der Ära Kohl das konservative Aushängeschild der CDU. Mit seinem Namen verbinden sich bis heute der Begriff der »deutschen Leitkultur« und eine radikale Vereinfachung des Steuersystems (»Bierdeckel«-Steuererklärung). Nachdem Angela Merkel ihn 2002 als Fraktionschef verdrängt hatte, saß Merz noch ein paar Jahre wie eine beleidigte Leberwurst im Bundestag. 2009 hörte er mit der Politik auf, wechselte zurück in seinen Anwaltsberuf. Zunächst heuerte er bei der internationalen Kanzlei »Mayer Brown LLP« an. Die nordrhein-westfälische Landesregierung beauftragte ihn, den geplanten (aber gescheiterten) Verkauf der maroden WestLB abzuwickeln – zu einem Tagessatz von 5.000 Euro. Heute ist Merz Aufsichtsratschef beim weltweit größten Vermögensverwalter »Blackrock« (5,5 Billionen Euro Anlagevermögen). Friedrich Merz hat wieder Macht – Macht über sehr viel Geld. Aber Politik ist eine andere Art von Macht. Manche sagen: Politik sei wie eine Droge, von der man nie loskomme. Würde Friedrich Merz sich um den CDU-Vorsitz bewerben, wenn es anders wäre? Es heißt, er sei sich mit Blick auf den Hamburger Parteitag seiner Sache sehr sicher. Manche in der Union sagen aber auch: zu sicher.

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Friedrich Merz hat einen hohen Kompetenzfaktor: Wirtschaft und Finanzen. Er hat auch einen hohen Neidfaktor. Denn Merz ist Millionär, besitzt zwei Flugzeuge. Fast so, als müsse er sich dafür entschuldigen, druckste der Sauerländer herum, verortete sich in der »gehobenen Mittelschicht«. Sein Rumgeeiere brachte ihm im Netz viel Häme ein. Merz hätte auch ganz einfach sagen können: »Ich habe nach meinem Ausstieg aus der Politik sehr viel Geld verdient. Dafür muss ich mich nicht schämen.« Es hätte glaubwürdiger geklungen.

Der ›Bild am Sonntag‹ verriet er, dass er angeblich rund eine Million Euro jährlich verdient (brutto). Wenn das reicht! Allein das Aufsichtsratsmandat bei »Blackrock« bringt ihm mindestens 125.000 Euro pro Jahr. Dazu kommen 80.000 Euro beim Toilettenpapierhersteller »Wepa Industrieholding«, 75.000 Euro bei der Bank »HSBC Trinkaus« sowie 14.000 Euro bei der »Flughafen Köln/Bonn GmbH«. Weitere Details zu anderen Aufsichtsratsmandaten und Beratertätigkeiten machte Merz nicht.

Seit vorvergangener Woche ist Merz auch auf dem Kurznachrichtenportal ›Twitter‹ (@_FriedrichMerz) unterwegs. Sein Account wirkt hochprofessionell: »Aufbruch und Erneuerung« verkündet das Profil. Im Regierungsviertel wird spekuliert, dass Merz Ex-›Bild‹-Chef Kai Diekmann (»refugees welcome«) angeheuert haben soll, um seinen Auftritt in den sozialen Medien zu inszenieren. Die beiden kennen sich gut von der Hamburger »Atlantik-Brücke«, einem elitären US-Lobbyistenclub seit den 50er-Jahren. Merz ist der aktuelle Vorsitzende.

Sonntagsspaziergang: Friedrich Merz und seine Frau Charlotte mit Spaniel im Sauerland

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Friedrich Merz, geboren am 11. November 1955 (Sternzeichen Skorpion), ist in einem konservativen und katholisch geprägten Elternhaus groß geworden. Wie sein Vater studierte er Jura. Vor seiner Karriere in der Politik war er Richter am Amtsgericht Saarbrücken. Merz schloss sich dem geheimnisumwitterten »Andenpakt« in der Union an, heute mehr oder weniger nur noch ein Klub der Gescheiterten. Dessen noch verbliebene Mitglieder, darunter Roland Koch und Volker Bouffier, sollen Merz zur Kandidatur für den CDU-Vorsitz gedrängt haben.

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Friedrich Merz ist ein Familienmensch. 1981 heiratete er seine Frau Charlotte. Sie ist Direktorin des Amtsgerichts Arnsberg (Sauerland). Das Paar hat drei Kinder und drei Enkelkinder. Daheim wird musiziert, vor allem in der Weihnachtszeit. Merz spielt die Klarinette.

Er lebt und arbeitet in Arnsberg. Er hält sich fit mit Laufen und Radfahren. Diesen Monat ist Merz 63 Jahre alt geworden. Drahtig wie er ist, würde er auch noch als Endvierziger durchgehen. Seine Heimat, das Sauerland, hat ihn geprägt: endlose Wälder, tiefgrüner Horizont. Um aus dieser entlegenen Gegend wegzukommen, ist ein Flugzeug gewiss von Vorteil. Es gibt sogar einen kleinen Flugplatz (Arnsberg-Menden). Der Funkcode von Friedrich Merz lautet: DK7DQ.

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6. Dezember 2016, CDU-Parteitag in Essen: Zum neunten Mal wählt die Union Angela Merkel zur Vorsitzenden. Friedrich Merz nimmt an diesem Tag an einem Begräbnis teil. Der Investmentbanker und Mäzen Kurt Viermetz ist gestorben, ein guter Bekannter von Merz und ein enger Freund von Theo Waigel (CSU). Während Merkel ihre Partei in Essen anfleht: »Ihr müsst mir helfen!«, lauscht ihr einstiger Gegenspieler andächtig der Orgel im Dom von Augsburg. Später im Auto auf dem Weg nach München erkundigt sich Merz telefonisch nach Merkels Wahlergebnis: nur noch vergleichsweise magere 89,5 Prozent! Ein zufriedenes Lächeln huscht über das Gesicht von Friedrich Merz. Ganz losgelassen hat ihn die Droge Politik nie. Vielleicht war der 6. Dezember 2016 der Tag, als er das erste Mal über ein politisches Comeback nachdachte – 1,98 Meter Körpergröße hin oder her.

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15. Oktober 2000, Friedrich Merz hält eine Rede in einem Kaufhaus im heute weitgehend osmanisierten Berliner Stadtbezirk Neukölln: »Wir haben Probleme in Deutschland mit Ausländern. Probleme, die mittlerweile die Menschen zutiefst beunruhigen: mit Kriminalität, mit sehr hoher Ausländerarbeitslosigkeit, mit ungelösten sozialen Konfliktstoffen auch mit der übrigen Wohnbevölkerung.« Die Rede ist lange her, aber hochinteressant. Weil Merz der AfD, die nichts anderes sagt, vorwirft, sie sei »offen nationalsozialistisch«. Bei der ersten »Regionalkonferenz« der drei wichtigsten Bewerber um die Merkel-Nachfolge an der CDU-Spitze vorvergangene Woche in Lübeck bestand Merz auf der christlich-jüdischen Tradition des Abendlandes. Multi-Kulti erteilte er eine Absage und versprach, in Deutschland keine Parallelgesellschaft zu dulden. Der Sauerländer badete im Applaus. Seinen Satz aus der Vorwoche, die Grünen seien »sehr bürgerlich, sehr offen, sehr liberal und sicherlich auch partnerfähig«, wiederholte er an diesem Abend nicht. Beim Publikum hätte sonst leicht der Eindruck entstehen können: Glaubwürdigkeit geht irgendwie anders.

Einar Koch

Jahrgang 1951, war bis 2016 Politischer Chef-Korrespondent der ›Bild‹-Zeitung.

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