Geistige Brandstiftung

Eine Kolumne von Boris T. Kaiser

In Halle hat ein offensichtlich zutiefst verwirrter Einzeltäter eine Tat begangen, die nicht nur in jeder Hinsicht verachtenswert ist, sondern die, wäre sie nicht so stümperhaft durchgeführt worden, nach Meinung vieler auch zu einem der blutigsten Terroranschläge in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hätte werden können. Bei dem Täter handelt es sich um genau das, als das er sich in seinem als Livestream übertragenen Video von dem ideologisch motivierten Gewaltverbrechen selbst beschrieben haben soll: Einen »Loser«. Einen Verlierer, der nichts in seinem Leben auf die Reihe bekommen hat und dafür allen anderen die Schuld gab, nur nicht sich selbst. Der Anschlag auf die Synagoge sollte sein großer Moment werden. Nachdem dieser, Gott sei Dank, misslungen war, wich er in seiner Mischung aus Wahn und Verzweiflung auf eine Dönerbude aus und erschoss völlig wahllos zwei zufällig anwesende Menschen.

Stephan Balliet war ein nicht nur politisch völlig verwirrter und in jeder Hinsicht gescheiterter Mann, der nichts aus der Geschichte gelernt und wohl auch sonst nicht viel im Leben begriffen zu haben scheint. Jeder Versuch, die Tat zu rechtfertigen oder mittels wirrer Verschwörungstheorien eine Schuldverschiebung vorzunehmen, ist absolut ekelhaft.

Genauso ekelhaft ist es aber, wie nun versucht wird, aus dem schrecklichen Verbrechen Kapital für die politische Auseinandersetzung und vor allem den Wahlkampf in Thüringen zu schlagen.

Zu jenen, die auf besonders dumpfe Art versucht haben, die Tat für ihr politisches Narrativ zu instrumentalisieren, gehört unter anderem Karl Lauterbach von der SPD. Auf ›Twitter‹ schrieb der Sozialdemokrat: »Es ist die Hetze der AfD, die dem Rechtsextremismus eine politische Stimme gab. Durch diese Hetze fühlen sich einzelne Verbrecher legitimiert, ihre Grausamkeiten zu begehen. Den Hetzern der AfD wollen die Verbrecher, auch der in Halle, gefallen. Die AfD trägt eine große Mitschuld.« Das ist in etwa so, als hätte jemand der Schauspielerin Jodie Foster einst die Schuld für das Attentat auf Ronald Reagan gegeben, weil der psychopathische Attentäter durch den Anschlag auf den US-Präsidenten ihre Aufmerksamkeit erlangen wollte.

Nun ist Karl Lauterbach nur ein einfacher SPD-Abgeordneter, der, zumindest noch, ohne besondere Funktion oder Bedeutung ist. Seine Äußerungen sind daher zwar eklig, in ihrer Stumpfsinnigkeit aber auch irgendwie irrelevant. Deutlich anders sieht es da schon aus, wenn sich Politiker auf höchster Ministerebene dazu hinreißen lassen, derartig niederträchtige Schuldzuweisungen gegenüber dem demokratischen politischen Mitbewerber auszusprechen. So geschehen im Falle von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Auch der CSU-Politiker nannte die Alternative für Deutschland direkt mitverantwortlich für die Tat von Halle. »Das eine sind diese schrecklichen Gewalttäter, vor denen wir uns schützen müssen – das andere sind auch die geistigen Brandstifter«, sagte dieser im ›Bayerischen Rundfunk‹. Da seien »in letzter Zeit auch einige Vertreter der AfD in unverschämter Weise aufgefallen«, so Herrmann. Ausdrücklich nannte der Minister den Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke. »Höcke ist einer der geistigen Brandstifter, wenn es darum geht, wieder mehr Antisemitismus in unserem Land zu verbreiten«, sagte Herrmann.

Nun kann man an Björn Höcke sicherlich manches kritisieren. Auch die AfD insgesamt ist sicherlich, wie andere Parteien und jeder einzelne von uns auch, nicht frei von Fehlern. Der ganzen Partei und explizit dem sowieso schon von Morddrohungen betroffenen Björn Höcke öffentlich eine Mitverantwortung an so etwas schrecklichem wie der Gräueltat von Halle zuzusprechen, ist aber ganz genau das, was Herrmann und andere dem Thüringer AfD-Politiker und seiner Partei vorwerfen: geistige Brandstiftung.

Boris T. Kaiser

Boris T. Kaiser

startete seine Karriere als Gagschreiber für zahlreiche Comedy- und Satire-Formate. In den letzten Jahren arbeitet er vermehrt journalistisch und als politischer und gesellschaftlicher Kommentator. Er schreibt unter anderem für ›Die Achse des Guten‹, ›Tichys Einblick‹ und die Wochenzeitung ›Junge Freiheit‹. Kaiser betreibt außerdem den Blog brainfuckerde.wordpress.com.

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