Gerüchte um ›Bild‹-Chef:

Reichelts Stuhl scheint heftig zu wackeln

Vor dem sinkenden Boulevard-Schlachtschiff zittert heute kein Politiker mehr so wirklich. Aber völlig bedeutungslos ist die ›Bild‹-Zeitung mit ihrer Restauflage von rund einer Million verkauften Exemplaren nun auch nicht – noch nicht. Die Personalspekulationen um den derzeitigen Chefredakteur werden deshalb auch im Regierungsviertel aufmerksam verfolgt. Gab es etwa eine Beschwerde von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bei Verlegerin Friede Springer?

Wie lange hält Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner (rechts im Bild) noch seine Hand über “Bild”-Chef Julian Reichelt (links im Bild)

Sagen wir so: Julian Reichelt (39) dürfte mit einer von Verlagsinsidern auf gut drei Millionen Euro taxierten Abfindungserwartung vermutlich nicht ins Bodenlose fallen. Es mehren sich jedenfalls die Anzeichen, dass die Tage des gleichermaßen erfolglosen wie ideologisch verblendeten ›Bild‹-Chefs gezählt sein könnten und dass sein Stuhl bedrohlich zu wackeln scheint.

Bereits vor einem halben Jahr stand in dieser Kolumne zu lesen, dass Verlegerwitwe Friede Springer (77) laut Verlagsinsidern nicht gut auf ihren ›Bild‹-Chef zu sprechen sei: »Friede mag Reichelt nicht.« Ein Indiz dafür, dass es schon damals Unfriede gab, war das (demonstrative?) Nichterscheinen der Verlegerin bei der sogenannten ›Bild‹-Spendengala »Ein Herz für Kinder« Anfang Dezember. Für Friede Springer eigentlich ein Pflichttermin.

Wenn man den jüngsten Kolportagen aus dem Hause Springer glauben darf, braut sich über Reichelt und der Dilettanten-Truppe, mit der er sich umgeben hat, etwas zusammen. Der ›Spiegel‹ ätzt, über die Reichelt-Truppe kursieren redaktionsintern diverse Spitznamen: »Boygroup« sei noch die harmlosere Variante, heftiger schon »Fassbombenkommando« oder »Reichelts Kindersoldaten«. Beides eine Anspielung auf die offenkundige Assad-Neurose des ›Bild‹-Chefs.

Wenn also stimmt, was mehrere voneinander unabhängige Quellen berichten, dann ist es im Axel Springer Verlag neulich zu einem Eklat gekommen. Demnach soll sich die Verlegerin vor Vorstandsmitgliedern »sehr emotional« über den angeblich aggressiven Kampagnenjournalismus von Reichelt beschwert haben. Gab es vielleicht mehr als nur einen Anruf aus dem Kanzleramt?

Nun muss man sagen, dass eigentlich jeder ›Bild‹-Chef bei Springer weitgehend Narrenfreiheit hat, solange die Zahlen stimmen. Diese aber stimmen bei ›Bild‹ schon lange nicht mehr. Das sinkende Boulevard-Schlachtschiff verliert von Jahresquartal zu Jahresquartal konstant um die zehn Prozent seiner verkauften Auflage, und das seit vielen Jahren. Auch Reichelt, dem die eigentliche Urheberschaft der unsäglichen »Refugees welcome«-Kampagne nachgesagt wird, hat den galoppierenden Auflagenschwund mit zuletzt immer Merkel-kritischeren Schlagzeilen nicht stoppen können.

Hinzu kommt, wie Branchenkenner kritisieren: Dem einstigen Kriegsreporter fehle es an Fingerspitzengefühl. Reichelt verkämpfe sich in Themen, bei denen es für ihn nichts zu gewinnen gebe, wie letzthin bei der faktenarmen Kampagne gegen den regierungsnahen »Wirrologen« Christian Drosten. Ein Mann, den ›Bild‹ übrigens im März noch fast zum Nationalhelden hochgeschrieben hatte: »Wer ist eigentlich der Mann mit den dunklen Locken?« Drosten habe »als einer der wenigen den Corona-Durchblick«.

Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner (57) stehe dennoch in Treue fest zu Reichelt, heißt es in Branchenkreisen – jedoch nicht ohne den süffisanten Hinweis: Es bleibe abzuwarten, »wie lange noch«. (oys)

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