Vor einem Jahr starb Helmut Kohl

Vor rund einem Jahr, am 16. Juni 2017, starb Helmut Kohl. Bei keinem Kanzler der Bundesrepublik liegen Licht und Schatten so eng zusammen. Viele sehen in ihm den »Kanzler der Einheit«. Andere halten es mit Franz Josef Strauß: »Total unfähig, ohne die charakterlichen, geistigen und politischen Voraussetzungen für das Kanzleramt«. Auch das gehört zu Kohl: Jubel und Verachtung, Verehrung und Spott begleiteten ihn immer in gleichem Maße. Dazwischen gab es wenig. Zeit für einen Rückblick.

Was macht einen »großen« Politiker? Dass er viel bewegt, in der Geschichte seine Fußspuren hinterlässt? Dann wäre Hitler der größte. Oder zählt, was er bewirkt hat, ob er Frieden schaffte, sich mit Feinden und Nachbarn versöhnte? Zählen Mut, persönliche Integrität, Standfestigkeit gegenüber den Versuchungen der Macht? Oder ist der beste Kanzler vielleicht der Verwaltungsfachmann ohne Visionen, der wie ein guter Kaufmann den Laden zusammenhält und geordnet übergibt?

Wohl von allem etwas. Klar ist: Die Deutsche Einheit ist ihm gelungen. Zwar wäre auch ohne ihn zusammengewachsen, was zusammengehört – der Wunsch der Deutschen war zu stark. Zu verhindern war die Einheit nur militärisch. Aber wer hätte eine friedliche Revolution niederschlagen wollen, auch auf Gefahr eines Weltenbrandes?

Helmut Kohl, das bleibt sein Verdienst, erkannte die Chance und ergriff den Marschallstab.

Die Menschen im Osten diktierten das Tempo, Kohl moderierte den Prozess, warb um Zustimmung. Bei den Zwei-plus-Vier-Gesprächen, beim Treffen mit dem sowjetischen Präsidenten Gorbat­schow gelang ihm das Unvorstellbare: Die Wiedervereinigung wurde Wirklichkeit.

Es war viel Glück dabei, aber auch mehr. Immer hatte Kohl an der Idee der Wiedervereinigung festgehalten. Gegen alle Widerstände, gegen alle Anwürfe der linken Medien, er sei ein Träumer, Revanchist, irrealer kalter Krieger. Wer das innerparteiliche und mediale Dauerfeuer übler Nachrede kennt, der weiß: Auch das war eine große Leistung! »Die Träumer waren die wahren Realisten«, meinte Václav Havel, der vom Dissidenten zum tschechoslowakischen Präsidenten wurde. So ein Träumer war auch Kohl. Und er hatte den Mut, seinen Traum zu verteidigen.

Noch für ein anderes Projekt steht der Name Kohl: Der Euro. Kohl wollte die Gemeinschaftswährung um jeden Preis, der Vertrag von Maastricht ist sein Werk. Er war der Motor der europäischen Integration. Die Bedenken der Bundesbank und vieler Experten wischte er beiseite.

»Fürchte die Menschen mit den großen Plänen«, heißt ein Sprichwort. Das gilt auch für Kohl und den Euro. Bei der Deutschen Einheit war Kohl Getriebener, mitgerissen von den Zeitläufen, die er nicht geplant hatte. Beim Euro war er der Planer, beseelt vom Wunsch, noch eine Seite in den Geschichtsbüchern zu schreiben. Nun zahlen die Deutschen die Zeche: Milliarden für Griechenland, Bankenrettung, Haftungsunion, Zinsverluste, kaum Geld fürs eigene Land. Kohls Hybris zerstörte blühende Landschaften.
Auch sonst: Viel Schatten. Innenpolitisch hat Kohl das Land schlecht verwaltet, die großen Probleme der Sozialversicherungen nicht angefasst. Stattdessen verkündete sein Arbeitsminister Blüm: »Die Rente ist sicher«; das war schon damals eine Lüge.

Die Gefahr kulturfremder Einwanderung hat Kohl erkannt, ebenso die der ausufernden Pensionsleistungen. Unternommen hat er nichts.

Geld war für ihn immer nur »Bimbes«, also klein-klein. So explodierte die Staatsverschuldung.

So standfest in der Frage der Wiedervereinigung, so überheblich und lax gegenüber der Verfassung. In der Parteispenden-Affäre hielt er sein »Ehrenwort« für wichtiger. Auch in der Affäre Flick machte er keine gute Figur. Und innerparteilich hat er die CDU erschöpft. Als »sein Mädchen« Merkel übernahm, waren die Reihen schon gelichtet. Das rächt sich heute.

So bleibt das Bild von Kohl seltsam zerrissen. Er war gleichsam Imperator und Eierdieb; groß in seinen Zielen, charakterlich oft von beschämender Kleinlichkeit.

Ein großer, kleiner Kanzler.


Nicolaus Fest

war bis September 2014 stellvertretender Chefredakteur der ›Bild am Sonntag‹. Seit Oktober 2017 ist er Autor des Deutschland-KURIER.

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