Matthias Matussek

»Haltung« – Über die Pervertierung eines Begriffes

Ein Gespenst geht um im deutschen Journalismus, es ist ein Wort aus der Falschmünzerei des Neusprech, mit dem angepasste Leitartikler und Politiker eine Art trotziger Tugendhaftigkeit ins Schaufenster der demokratischen Öffentlichkeit zu stellen pflegen, und dieses Wort heißt »Haltung«.

von Matthias Matussek

»Haltung zeigen« heißt ein neues Buch von Anja Reschke, die in jeder ihrer Sendungen zeigt, was sie darunter versteht, nämlich den entschlossenen Kampf gegen alle, die aus dem herrschenden sozialdemokratisch-grünen Meinungskorridor abweichen und mit Hass und Galle verfolgt werden dürfen, Freiwild sozusagen, Abweichler vom Mainstream also, der gegen rechts ist und gegen die Klimasünder, gegen Trump und gegen Konservative sowieso.

Man muss sich unter »Haltung« in diesem Mainstream den Krümmungswinkel vorstellen, mit dem Seegras in der Strömung schwankt.

Irgendein Witzbold im Netz hatte das Büchlein der Anja Reschke mit dem Aufkleber versehen: »Vorwort von Claas Relotius«. Möglicherweise ein Hinweis darauf, dass Relotius mit einer Reschke-Mitarbeiterin liiert ist.

Relotius: Für alle, denen dieser Name schon nichts mehr sagt, so heißt der Fälscher, der dem ›Spiegel‹ als dankbarem Abnehmer ein halbes hundert gefälschter Reportagen untergejubelt hat, und in allen ist enthalten, was Reschke & Co. als »Haltung« bezeichnen – eine auf den neuen Tugendterror hin getrimmte Version der »Wirklichkeit«.

In dieser Wirklichkeit warnt eine alte Widerständlerin, Freundin von Hans Scholl, über Fotos, die sie nie gesehen hat, Fotos von Hitlergrüßen in Chemnitz, dass sie Sorgen vor einem neuen deutschen Faschismus habe.

In dieser Wirklichkeit werden ausgebeutete und erfundene Kinderarbeiter in ihren Träumen von einer guten Fee in Gestalt Angela Merkels getröstet.

In dieser Wirklichkeit besteht eine texanische Kleinstadt von Trumpwählern aus schießwütigen, halbdebilen Hinterwäldlern, die noch nie das Meer gesehen haben.

In dieser Wirklichkeit war Relotius der Dealer, der der Besatzung des linken Stimmungsdampfers ›Spiegel‹ sagen konnte: Ich hab genau den Stoff, den ihr braucht, um euch eure ideologische Wunschwelt zu halluzinieren.

Längst hatte ja der ›Spiegel‹, hatten auch die Juroren, die ›Spiegel‹-Reporter Cordt Schnibben für seinen eigen Reporterpreis rekrutierte, (einen von rund 570, der Betrieb prämiert seine Hoflieferanten gerne), längst hatte er die Maxime seines Gründers Rudolf Augstein passgerecht verkürzt. Sicher, »Sagen was ist«, das steht in Silberlettern in der Granitwand der ›Spiegel‹-Lobby.

Doch vollständig hieß der Satz: »Sagen, wie die Welt ist – und nicht, wie sie sein soll.« Und dieser Nachsatz ist eine entschiedene Absage an alle linken, utopistischen Träumerein.

Dass eine deutsche Kanzlerin den »Planeten retten« will, statt sich um die Bildungsmisere und die Durchstechereien in ihrer kaputten Armee und die unpünktlichen Züge im Lande zu kümmern, dass sie die Nation auflösen möchte zugunsten einer One-World- Vision, einer humanitär-sozialistischen Internationale, das alles hätte den überzeugten Nationalisten Augstein sein »Sturmgeschütz der Demokratie« durchladen lassen.

Doch genau diese verlogene, nur in einer Erziehungsdiktatur wie der DDR mögliche Parolenwirklichkeit, mit der die dort sozialisierte Kanzlerin im Verein mit Grünen und Spät-68ern ihr Wahlvolk traktiert, enthält das, was neudeutsch mit »Haltung« beschrieben wird. Selbstverständlich gehört auch die »Antifa«-Folklore dazu, die aus jedem bürgerlichen Oppositionellen einen Nazi macht.

Es war Anja Reschkes öffentlich-rechtlicher Kollege Georg Restle von Monitor, der diese »Haltung« zum Manifest aller staatsangestellten und pensionsberechtigten Klassenkämpfer ausbaute. In einem »Plädoyer« genannten Text läuft der TV-Moderator Sturm gegen den »Neutralitätswahn« des Journalismus mit einer die Konsumenten durchaus verdummenden Begründung. »Und meinen wir wirklich, neutral und ausgewogen zu sein, wenn wir nur alle zu Wort kommen lassen, weil die Wahrheit schließlich immer in der Mitte liegt? Und wenn die Mitte immer weiter nach rechts wandert, liegt die Wahrheit eben bei den Rechten? Und wenn die Mitte verblödet, bei den Blöden?«

Politik und Medien Arm in Arm: ›ARD‹-Talkerin Anne Will, Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Anja Reschke, Leiterin der Abteilung Innenpolitik beim ›NDR‹ (v.l.)

Wobei Restle, der von der blöden Mitte zwangsfinanziert wird, bestimmt, welche Wahrheit er ihr zumuten will. Viel wichtiger als die Wahrheit, so Restle, sei doch der Einsatz für die Elenden und Benachteiligten. Klassenkampf mit Planstelle und Pensionsanspruch!

Dieser Tugendterror, der seit Merkels Grenzöffnung über die Deutschen hereingebrochen, Quatsch: herabverordnet worden ist, hat Zähne. »Wenn wir da kein freundliches Gesicht machen«, verkündete die Kanzlerin, »dann ist das nicht mehr mein Volk«, in einer geradezu aberwitzigen Verkehrung ihres Amtseides, der sie verpflichtet, dem Volke zu dienen und seinen Wohlstand zu mehren.

Statt dessen hat sie für Millionen von aggressiven und kulturfremden Eingeladenen und neuen Kostgängern die Sozialkassen plündern und das Tafelsilber von Generationen verhökern lassen und diejenigen, die dagegen aufbegehrten, mit allen Mitteln verfolgen und verfemen lassen.

Sie versteht das Spiel von Machterhalt und Einschüchterung und kann sich auf ihre Bataillone in Staatsmedien und »legitimierter« Presse verlassen. Beispiel Chemnitz, Beispiel »Menschenjagden«. Es blieb den von Restle und Co geschmähten und in rechte Schmuddelecken verwiesenen Internetmedien vorbehalten, die wahre Geschichte jenes 17-Sekunden-Amateurvideos zu recherchieren, das die »Antifa«-Gruppe »Zeckenbiss« aus einem privaten Chat stahl – es zeigte nicht etwa Menschenjagd, sondern die Abwehr von Angriffen aggressiver »Südländer«.

Da auch Verfassungsschutzpräsident Maaßen Zweifel an der Kanzlerversion von »Menschenjagden« anmeldete, musste er seinen Hut nehmen – nur um durch einen merkelgenehmen Nachfolger ersetzt zu werden, der dann auch prompt genau jene öffentlichkeitswirksame »Prüfung« der Oppositionspartei AfD verantwortete, die Maaßen nicht liefern wollte.

Dass eine »Prüfung« öffentlich gemacht wird, kommt, das sagen Staatsrechtler, einer »Stigmatisierung« und damit einer erheblichen Benachteiligung im demokratischen Wettbewerb gleich. Ein Verfassungsorgan wird kaltblütig für den Wahlkampf missbraucht, prompt rutschte die AfD in den folgenden Umfragen um zwei Punkte nach unten, und das im für das politische Überleben der Merkel-CDU wichtigen Wahljahr 2019.

Man kann auch sagen: Maaßens Nachfolger, die Regierungs-Sprechpuppe Thomas Haldenwang, nahm Haltung an!

Was wohl das Gegenteil wäre von Haltung zeigen.

Haltung zeigte Maaßen. Haltung zeigen störrische Einzelne, die wie Steinbrocken in der Strömung stehen und Wirbel verursachen. Haltung zeigen Reporter, die mit überraschenden Funden und Recherchen zurückkehren, und das Risiko auf sich nehmen, liebgewonnene Gewissheiten zu (ver)stören. Aber doch nicht diejenigen, die die ideologischen Schlager des Ta;trällern!

»Er habe«, sagte der unter militanten Linken heftig umstrittene Psychologe Jordan Peterson jüngst in einem ›Zeit‹-Interview, »den Entschluss gefasst: Ich berechne nicht die Konsequenzen dessen, was ich sage. Ich sage, was ich denke.«

Eine brauchbare Maxime für jeden Journalisten. Und wiederum das Gegenteil dessen, was Restle und die meisten Medien heute unter »Haltung« verstehen.

Die Pervertierung des Begriffes Haltung bringt die Sprecherin des von den öffentlich-rechtlichen Anstalten mitfinanzierten »Recherchenetzwerkes« auf den Punkt. Sie stellte im Falle des genehmen Fälschers Relotius unverblümt fest: »Wir sehen in Relotius keinen Feind, sondern einen von uns, der mental in Not geraten ist …«

Ist ihr nicht der Gedanke gekommen, dass die »Not«, in die dieser Relotius geraten ist, gerade jenes System produziert hat, das ihn verlockte, zu fälschen, zu lügen, die Wahrheit (und die mahnende innere Stimme) mit grellen Erfindungen zu überdröhnen?

Nicht zuletzt dieses noch: Dass sich Giovanni di Lorenzo, Chef der ›Zeit‹ und durchaus selbstkritisch, was die eigene Rolle während der »Willkommenskultur« angeht (»wir haben uns blenden lassen«, »wir haben die Distanz zur Regierung aufgegeben«), dass sich Giovanni also nun damit brüstet, den Texten von Relotius in der Jury des Nannen-Preises stets mit Misstrauen begegnet zu sein, ist leider zu wenig, zu spät.

Laut hat er seinen Verdacht nie geäußert. Im Übrigen druckt er dankbar relotiusartige Texte im eigenen Blatt: Auf einer Doppelseite wurde ich von einem seiner Redakteure, der sich mit schiefem Lächeln in mein Vertrauen und meine Familie eingeschlichen hatte, er war ein ehemaliger Praktikant, wegen meiner »rechten« Gesinnung abgeschossen, was in den entsprechenden Foren gefeiert und – tatsächlich – für Journalistenpreise empfohlen wurde.

Er tat seinen Abschuss hinter einer Hecke geheuchelter Vertrautheit und gab hinterher immerhin zu, dass er sich dabei mies gefühlt habe. Er tat dies mit geradezu grotesken Erfindungen über meine ›Spiegel‹-Zeiten, die von der (noch) stellvertretenden Chefredakteurin des ›Spiegels‹ gedeckt wurden. Er selber ist heute mit einer ›Spiegel‹-Ressortleiterin verheiratet. Haltung, wohin man nur schaut!

Bewahren wir eine nachwachsende Journalistengeneration davor, Haltung anzunehmen, statt wahre störrische Haltung zu zeigen. Ich zumindest habe mit Jordan Petersons Maxime zu eigen gemacht und bin froh darüber, dass es den ›Deutschlandkurier‹ und ›Tichy‹ und die › Achse des Guten‹, dass es ›Tumult‹ und ›Cato‹, die Zürcher ›Weltwoche‹ und die mittlerweile als »rechtspopulistisch« etikettierte ›NZZ‹ und viele andere Medien gibt, in denen es möglich ist, Haltung zu zeigen.

Matthias Matussek

ist preisgekrönter Reporter und Bestsellerautor, war 26 Jahre lang für den ›Spiegel‹ tätig, bis er sich 2014 entschloss, das Neue zu wagen – er wechselte zu Springers ›Welt‹. Doch dort spürte er schnell, wie sehr ideologische Haltungen und die freiwillige Selbstzensur einer neuen Generation von Journalisten die Presselandschaft verändert haben: Die Zusammenarbeit wurde nach siebzehn Monaten beendet. Seither arbeitet er als freier Autor u. a. für die ›Weltwoche‹, den ›Focus‹ sowie ›Tichys Einblick‹ und den Deutschland Kurier.

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