Haltungsjournalismus: So isser – der ›Spiegel‹

Matthias Matussek

Wir kennen das schwarzrotgoldene Schlapphütchen auf dem neuen ›Spiegel‹-Titel aus den aufgeregt verwackelten Film-Aufnahmen eines ›ZDF‹-Teams: Da hatte sich ein derart behüteter Mann dagegen gewehrt, von den ›ZDF‹-Kollegen aufs Korn genommen zu werden.

Mit Recht, denn wo die gebühreneintreibenden Anstalten ihre Westreporter in den Osten des Landes schicken, um zu sammeln und zu jagen, sind solche Ossis, die am »Rande von Pegida-Veranstaltungen« oder gar bei Ortsbesuchen der Kanzlerin auftauchen, prädestinierte Opfer.

Der als »Hutbürger« etikettierte Mann wurde dann auch prompt im Netz als »dumpfer Pöbler« bezeichnet. Es stellte sich später heraus, dass er ein Mitarbeiter des Landeskriminalamtes Sachsen ist. Da lief wohl auf beiden Seiten irgendetwas gewaltig schief. Begreiflich, dass er nicht gefilmt werden wollte.

Aktuell wird wieder einmal der ›Spiegel‹-Leser mit dem neuen Titel betrogen mit einer investigativen Anmutung, denn die Reporter recherchieren nicht, sondern besiedeln ihren eigenen Assoziationsraum breitärschig und selbstgerecht.

Der Untertitel behauptet »So isser – der Ossi«. Aha. Der Leser versteht schon jetzt: In dieser Passform präsentieren wir ihn, um ihm in den A… zu treten. Wie das oben erwähnte ›ZDF‹-Team. Der ›Spiegel‹ also will ergründen, so weiter auf dem Titel, »wie der Ossi tickt – und warum er anders wählt«. Anders als wir Weltoffenen und Toleranten.

Dass er ein »Klischee und Wirklichkeit« davorsetzt, macht die Sache nicht besser, denn das Klischee als »dumpfer Pöbler«, als undankbares exotisches Haustier, hier besser: Faultier oder Stinktier, wird im Artikel nicht etwa diskutiert, sondern exekutiert.

›Spiegel‹-Cover 35/19: Westdeutsch-gutmenschliche Arroganz in Reinkultur (Quelle: spiegel.de)

Gleich zu Beginn wird Alarm gegeben: »Bei der Kom­mu­nal­wahl im Mai ver­lor die Hei­de­nau­er CDU 20 Pro­zent­punk­te, die frem­den­feind­li­che AfD wur­de mit 29,5 Pro­zent stärks­te Kraft.«

Nun ist es mit der Fremdenfeindlichkeit so eine Sache, offenbar hat der unerschrockene Reporter hier etwas missverstanden. Mit »Fremden« hatte etwa die viel gescholtene Pegida nichts zu tun, sie nannte sich »Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes«. Du verstehn?

Gegen eine Million anpassungswilliger und fleißiger Japaner oder Inder hätte sich wohl kaum Protest geregt – wohl aber gegen Muslime mit einer Religion, die unverhüllt und zunehmend sichtbarer im Straßenbild, in Moscheen und Islamschulen, in ihren integrationsunwilligen Parallelgesellschaften und natürlich auch in den Kriminalitätsstatistiken, den aggressiven Eroberungsmodus ihrer Religion, eben des Islam, ausagieren.

Es waren nicht schintoistische oder hinduistische Terroranschläge, die teils gelangen, teils vereitelt wurden, sondern islamistische. Viel sensibler als im Westen spürten die Menschen im Osten, dass ihr Vaterland mit der Niederlegung der Grenzen und der Abschaffung der Landesverteidigung, zur Lappalie geschrumpft in der saloppen Bemerkung »Wir schaffen das«, zur Ausplünderung preisgegeben wurde.

Sie sahen viel deutlicher, dass ihr Land in eine Abwehrschlacht geraten war und dass diese Schlacht höchst einseitig in Medien wie dem ›Spiegel‹ dargestellt wurde – der Vorwurf der »Lügenpresse« ist ja nicht erst seit dem »Relotius-Skandal« des ›Spiegels‹ im Raum, sondern bereits seit Jahren.

Eine Gefahr, die Helmut Schmidt schon vor Jahren erkannte und benannte als er  vor schweren Verwerfungen warnte, ja, die selbst unsere Rätselkanzlerin adressierte, als sie im Parlament ausrief: »Multikulti ist restlos gescheitert.« Eine Gefahr, die auch Kirchenleute wie der schwarzafrikanische Kardinal Robert Sarah sehen, der die christliche Kultur des Abendlandes einen Schatz nennt, den es zu behüten gilt.

Ganz zu schweigen von Philosophen wie dem verstorbenen Robert Spaemann, Co-Autor der »Pariser Erklärung«, ja, selbst der buddhistische Dalai-Lama kennt aus leidvoller tibetanischer Erfahrung die Landnahme und Kulturzerstörung durch die demografische und bevölkerungspolitische Eroberung der Chinesen.

Die (unverdächtige) Otto-Brenner-Stiftung der Gewerkschaft IG Metall hatte eine 80%ige Zustimmung der Presse – früher: der vierten, regierungskritischen Gewalt – zur ominösen grenzfreien »Willkommens«-Politik der Regierung ermittelt.

Die Identität muslimischer Gewalttäter wird entweder verschwiegen oder es werden Gewaltverbrechen wie jener Stuttgarter Macheten-Mord durch einen syrischen »Flüchtling« gar nicht mehr erwähnt, da sie »nur von regionalem Interesse« seien.

Mit großer Umständlichkeit wies nun ›correctiv‹, die Hilfstruppe der Öffentlich-Rechtlichen, nach, dass die Tat sehr wohl in einigen Magazinsendungen nachmittags gemeldet wurde, um gleich hinterherzuschicken, dass die Behauptung, die Tat sei verschwiegen worden, gaaaanz üble Fake News sei.

Man muss nicht im Osten leben, um von derartigen Sophistereien angewidert zu sein.

Aber weiter zum ›Spiegel‹-Titel: Dort wird das ehemalige CDU-Mitglied Lenke erwähnt: »Heute geht Lenke regelmäßig montags zu Pegida. Die CDU hat er 2015 verlassen, am 1. September will er AfD wählen. Was ist schiefgelaufen im Leben des Zahntechnikers?«

Nun, zunächst einmal, dass er den präpotent über sein missglücktes Leben gebeugten ›Spiegel‹-Reportern nicht auf der Stelle den Rücken gekehrt hat, sondern sich tatsächlich auf ein Gespräch eingelassen hat, wohl in der vergeblichen Hoffnung auf Offenheit, die allerdings nur in der Form der »Weltoffenheit« zugelassen ist.

Zumindest so weit offen, hoffte er wohl, den Gedanken zuzulassen, dass ein Mensch, der die »Alternative für Deutschland« wählt, sein Leben NICHT verpfuscht hat, sondern im Gegenteil eine verpfuschte und als alternativlos etikettierte Politik zu ändern versucht in einem demokratischen Wahlgang.

›Spiegel‹-Titel dieser Art lesen sich, als sei man über endlose Seiten hinweg in einen abgedichteten Raum mit irren Predigern eingesperrt, die mit der »Wirklichkeit« nichts zu tun haben wollen.

Die Expedition ins Ossiland mit ihren sorgfältig ausgewählten Belegfiguren wird unternommen wie eine derjenigen, die früher in den Kongo gemacht wurden, wo selbstverständlich nur das gefunden wurde, was man bereits im Kopf mitbrachte.

Anders gesagt: Hier präsentiert man nur stolz die Ostereier, die man vorher selbst versteckt hatte.

Zunächst wird klargemacht, dass man dieses merkwürdige »anders« geartete Ossiwesen so zu stellen gedenkt, dass man ihm nicht auf den Leim geht: »Die­ser Text ver­sucht, aus dem Os­ten her­aus, den Men­schen, vor al­lem im Wes­ten, ihre Lands­leu­te zu er­klä­ren. Das heißt nicht, für Aus­län­der­feind­lich­keit und Ras­sis­mus Ver­ständ­nis zu zei­gen, soll aber er­grün­den, war­um die Furcht vor Ein­wan­de­rern in ei­nem gro­ßen Teil Deutsch­lands die Po­li­tik be­stimmt.«

Man nimmt das Habitat dieses Ossiwesens ernst, aber doch nicht zu ernst, denn er siedelt in einer Art Terra incognita, in der Ausländerkriminalität, Messermorde, Terroranschläge, Vergewaltigungen nicht vorkommen, im ganzen Text kein einziges Mal, ein Wesen also, dessen Missstimmung ein Rätsel bleibt. Ergo kommen auch keine Protest- oder Trauermärsche wie in Chemnitz vor (die man mit denen in Freiburg oder Heidelberg oder Kantel vergleichen könnte!), denn gegen wen sollten sie gerichtet sein, wem sollte Anteilnahme bekundet werden?

Hat er denn nicht alles, der Ossi? Neue Brücken, neue Straßen, neue Baumärkte, neue Einkaufscenter?

Mit den im Artikel zitierten Wissenschaftlern wird, vornehm ausgedrückt, homöopathisch vorgegangen, in feinsten Dosierungen.

Da wird zwar der Bestseller des Psychiaters Hans-Joachim Maaz »Gefühlsstau« zitiert, mit dem er die seelischen Folgeschäden des DDR-Systems analysierte, seine aktuelle Studie jedoch über die »normopathische Gesellschaft« des Westens und ihren politischen Anpassungsdruck und ihre politische Ausgrenzungswut wird nicht einmal gestreift – die diesem Mechanismus zugrunde liegende narzisstische Persönlichkeitsstruktur, die durchaus auch ›Spiegel‹-Redakteuren attestiert werden dürfte, wird unterschlagen.

Der bereits erwähnt Herr Lenke, so erfährt man, ist der »berühmt-berüchtigte besorgte Bürger«. Berüchtigt ist er allerdings nur für denjenigen, der dessen Besorgtheit für eine Perfidie hält, die es ihm ermöglicht, ohne Scham AfD zu wählen. Das heißt, per definitionem, dass er seinem ihm offenbar innewohnenden bösen Rassismus unerzogen und unerziehbar freien Lauf lassen möchte.

Über Lenke wird notiert: »Er sagt, er sei nicht aus­län­der­feind­lich, er habe eine Bul­ga­rin in sei­nem La­bor be­schäf­tigt … Er habe kein Pro­blem mit an­de­ren Kul­tu­ren. Die Men­schen könn­ten auch gern nach Deutsch­land kom­men, aber nur, wenn sie für sich selbst sorg­ten. Und die Flücht­lin­ge? Man müs­se Geld in de­ren Hei­mat­re­gio­nen in­ves­tie­ren, da­mit die Men­schen dort blei­ben woll­ten.«

Das ist nun ein Kunststück, das wohl nur ›Spiegel‹-Leute beherrschen: Die vernünftigsten Äußerungen so wirken zu lassen, als seien sie einem kranken Hirn entsprungen. Was soll verkehrt sein an einem Einwanderungssystem wie in den USA oder Kanada, das die Migranten verpflichtet, für sich selbst aufzukommen?

Was soll verkehrt sein an einer Politik, die auch von den regierenden Parteien oft beschworen wird, nämlich eine, die versucht, die Fluchtursachen in den Heimatländern zu bekämpfen? Nur die Tatsache, dass der ›Spiegel‹ unsern Herrn Lenke einer »berühmt-berüchtigten« Personengruppe zurechnet?

Lenke ist nicht der Einzige, den der ›Spiegel‹ nass frisiert. Es finden sich selbstverständlich auch Belege für »welt­of­fe­ne, to­le­ran­te, groß­städ­ti­sche Mi­lieus … Und es gibt die, die mit den Um­brü­chen ih­ren Frie­den ge­macht ha­ben. Die se­hen, was bes­ser ge­wor­den ist und was nicht, und für sich das Bes­te dar­aus zie­hen.«

Man erträgt diesen pädagogischen Käse der weltoffenen Nervensägen nur bis zu einem gewissen Grad und denkt sich: Was ist aus diesem Blatt geworden?!

Tatsächlich gab es doch einst Reporter, die ergebnisoffen recherchierten und (auch sich selbst) zu überraschen wussten. Jetzt ist das Blatt komplett in die Hände von »Haltungsjournalisten« gefallen, die doch zumindest die Regel beherzigen sollten, die Henri Nannen einst verkündete: Nichts gegen Predigten, aber man sollte dafür sorgen, dass die Kirche voll ist.

Nun, in den linken Kirchenbänken des »Spiegels« gähnt zunehmende Leere. Die Auflage hat sich in den letzten Jahren halbiert.

Da kann man nur rufen: Weiter so!

Matthias Matussek

ist preisgekrönter Reporter und Bestsellerautor, war 26 Jahre lang für den ›Spiegel‹ tätig, bis er sich 2014 entschloss, das Neue zu wagen – er wechselte zu Springers ›Welt‹. Doch dort spürte er schnell, wie sehr ideologische Haltungen und die freiwillige Selbstzensur einer neuen Generation von Journalisten die Presselandschaft verändert haben: Die Zusammenarbeit wurde nach siebzehn Monaten beendet. Seither arbeitet er als freier Autor u. a. für die ›Weltwoche‹, den ›Focus‹ sowie ›Tichys Einblick‹ und den Deutschland Kurier.

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