Hinter den CDU-Kulissen wird ein »dritter Weg« diskutiert

Comeback für Schäuble als Kanzlerkandidat?

CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer ist offenbar nicht bereit, ihre Kanzlerambitionen vorzeitig aufzugeben. Es könnte zu einer neuen die Union dann noch tiefer spaltenden Machtprobe mit Friedrich Merz kommen. Hinter den CDU-Kulissen wird indes ein »dritter Weg« favorisiert.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (76/CDU) musste nach der Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer zur CDU-Chefin – so schien es zunächst – seinen zweiten Lebenstraum begraben, nämlich den von der Kanzlerschaft wenigstens noch für ein paar Jahre. Seinen ersten Lebenstraum, Bundespräsident zu werden, hatte Angela Merkel 2005 durchkreuzt.

Als Schäuble im Vorfeld des Hamburger CDU-Parteitages Anfang Dezember 2018 für Ex-Fraktionschef Friedrich Merz als neuen CDU-Parteivorsitzenden warb, verfolgte der gewiefte Stratege im Rollstuhl wie immer seine eigene Agenda. Schäuble und Merz hatten sich darauf verständigt, dass der Badenser für etwa zwei Jahre auf den Kanzlerstuhl rücken sollte, wenn der Sauerländer CDU-Chef geworden wäre. Beide hatten dabei folgendes Szenario unterstellt:

Merkel wäre im Falle der Wahl von Merz zum CDU-Chef als Kanzlerin zurückgetreten; die SPD hätte die Chaos-GroKo aufgekündigt; es wäre zu neuen Jamaika-Sondierungen mit Grünen und FDP gekommen.

Die Grünen aber hätten die »Kröte Merz« als Kanzler nicht geschluckt, wohl aber wäre ihnen Schäuble genehm gewesen. Der hatte zuletzt mit wohlgefälligen Sätzen zum Bleiberecht sogenannter Flüchtlinge bei den Öko-Sozialisten gepunktet und nannte kürzlich die freitäglichen Schulschwänzereien ein – hört, hört! – »Mut machendes Zeichen«.

Gut möglich, dass Schäuble trotz seines fortgeschrittenen Alters noch immer auf die Kanzlerschaft spekuliert!

Die normative Kraft des Faktischen

Zwar hat Kramp-Karrenbauer ihren Verzicht auf die Kanzlerkandidatur noch nicht erklärt. Aber die normative Kraft des Faktischen in Gestalt der desaströsen Umfragewerte für die Union und erst recht für die CDU-Vorsitzende selbst hat in ranghohen Parteikreisen längst zu einer anderen Überlegung geführt. Diese lässt sich in wenigen Sätzen wie folgt zusammenfassen:

► Von Kramp-Karrenbauer erwarten CDU-Mandatsträger und Unions-Wähler nichts mehr.

► Merz hat als ewiger Zauderer seine Chancen verspielt. Sein Image bei den Wählern überzeugt nicht. Der Sauerländer wird als arroganter Besserwisser und blasierter Blender wahrgenommen.

► Armin Laschet, der CDU-»Büttenredner« aus Nordrhein-Westfalen, kann es schlichtweg nicht.

Schäuble könnte auf Adenauer verweisen

Bleibt nur einer, der aus Sicht hochrangiger CDU-Kreise das Kanzleramt übergangsweise führen könnte – hohes Alter hin oder her: Wolfgang Schäuble!

Der Badenser gilt über alle Parteiflügel hinweg als konsensfähig und kompetent. Er hat sich (s.o.) bei den Grünen eingeschleimt und könnte mit Blick auf eine schwarz-grüne Koalition auf das Wohlwollen der Öko-Sozialisten hoffen.

Den Einwand, er sei zu alt, könnte Schäuble mit einem spitzbübischen Badenser Lächeln vom Tisch wischen und auf Konrad Adenauer verweisen. Der Gründungskanzler der Bundesrepublik Deutschland war 73 Jahre alt, als er 1949 zum ersten Mal gewählt wurde. Schäuble würde, ähnlich wie damals Adenauer, argumentieren können: »Es ist ja nur für eine Übergangszeit … «

Die »Übergangszeit« dauerte bei Adenauer übrigens 14 Jahre! (oys)

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