Hochschullehrer fordert Rücktritt von Familienministerin Giffey

»Schwerwiegende Mängel in Doktorarbeit«

Vernichtendes Zeugnis für Bundesfamilienministerin Franziska Giffey: Ein emeritierter Professor stellt fest, sie habe »vom Handwerk wissenschaftlichen Arbeitens nur einen blassen Schimmer«

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hatte 2010 mit der Dissertation »Europas Weg zum Bürger« promoviert. Das Plagiatsjägerportal »VroniPlag Wiki« hat nachgewiesen, dass »schwerwiegende Mängel« in Giffeys Arbeit enthalten sind. Nun wird Giffey aufgefordert, ihre Doktorarbeit aberkennen zu lassen und von allen ihren Ämtern zurückzutreten.

Die SPD-Politikerin hatte 2010 mit der Dissertation »Europas Weg zum Bürger« promoviert. Doch das Plagiatsjägerportal »VroniPlag Wiki« hat nachgewiesen, dass etwa ein Viertel ihrer rund 200 Seiten langen Arbeit Unregelmäßigkeiten enthalten. In einem Gastbeitrag für die ›Süddeutsche Zeitung‹ (SZ) fordert Peter Grottian, Sozialwissenschaftler und emeritierter Professor an der FU Berlin, dass die Bundesfamilienministerin ihre Doktorarbeit aberkennen lässt und von allen Ämtern zurücktritt. Peter Grottian lehrt an jener Universität, an der Giffey promovierte.

Mängel sind so schwerwiegend, dass sie zur Aberkennung des Doktorgrades ausreichen

»Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hat eine höchst anfechtbare Doktorarbeit im Fach Politikwissenschaft an der FU Berlin geschrieben. Die von Vroniplag Wiki aufgedeckten Mängel sind so schwerwiegend, dass sie mutmaßlich zur Aberkennung des Doktorgrades ausreichen«, schreibt Grottian. Weiter stellt der Wissenschaftler fest, dass Giffey »vom Handwerk wissenschaftlichen Arbeitens nur einen blassen Schimmer« habe. Das gelte auch für den Stand der Forschung und die theoretisch-methodische Reflexion in ihrer Dissertation: »Giffey demonstriert ein oft naives, fehlerhaftes und verantwortungsloses Verhältnis zu ihrem Fach«, so die Bewertung.

Im Vergleich zu Guttenberg und Schavan liege der Fall Giffey in der Mitte. Er sei gravierender als der von Schavan und weniger gravierend als bei Guttenberg, so das Urteil Grottians, der weiter ausführt: »Wenn Giffey klug ist, sollte sie selbst den Rücktritt von ihrem Amt vollziehen und die FU bitten, die Aberkennung ihres Doktorgrades einzuleiten. Sie hätte Haltung gezeigt und ihre politische Karriere vor weiterem Schaden bewahrt.« Dann wäre der Fall für die Medien »in drei Tagen erledigt«.

»Mangelnde wissenschaftliche Distanz«

Der Experte kritisiert ebenfalls das Plagiatsjägerportal »VroniPlag Wiki«. Dieses habe das eigentliche Problem übersehe: Als damalige Europabeauftragte von Neukölln habe Giffey, die sich in ihrer Arbeit mit der Beteiligung der Zivilgesellschaft an der EU-Politik am Beispiel von Berlin-Neukölln beschäftigte, direkt und indirekt über sich selbst geschrieben. Das könne mangelnde wissenschaftliche Distanz nach sich ziehen, so Grottian. Giffey sei es in der Arbeit nicht gelungen, diese Vorbehalte auszuräumen: »Eine ausreichende Reflexion über die Fallstudie, die den Kern ihrer empirischen Arbeit bildet, liefert sie nicht.«

Grottian wirft zudem der Betreuerin von Giffeys Doktorarbeit »Unverantwortlichkeit« vor. Eine »ausgewiesene Europaspezialistin und Co-Sprecherin eines FU-Exzellenzclusters« hätte die Probleme erkennen »und Giffey helfen müssen, die Doktorarbeit auf ein Feld zu konzentrieren, wo Wissenschaft und Eigennutz nicht kollidieren«, kritisiert Grottian und betont, dass dies »ein Leichtes« gewesen wäre.

Trotz lobender Worte über Giffeys angebliche politische Erfolge wiederholt Grottian seine Forderung: »Wenn man eine Doktorarbeit geschrieben hat, die schlimmere Fehlentwicklungen zeigt als Frau Schavans – dann ist eigentlich der Zeitpunkt gekommen, wo sie selbst das Handtuch schmeißen muss.«

Die Liste zweifelhafter Dissertationen von »akademisch gebildeten« deutschen Politikern ist lang. Ob Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Silvia Koch-Mehrin (FDP), Ursula von der Leyen (CDU) oder Merkel-Freundin Anette Schavan (CDU). All diese Politikprominenz eint eines: Plagiatsvorwürfe. Zu Beginn dieses Jahres kam noch CDU-Bundestagsabgeordnete Frank Steffel hinzu, der – anders als Ursula von der Leyen – auf seinen Doktortitel verzichten musste.

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