Jeder gegen jeden – drei Wochen vor der Thüringen-Wahl herrscht in der Union eine trügerische Ruhe:

Putschgerüchte in der CDU!

Drei Wochen vor der Landtagswahl in Thüringen (27. Oktober) heuchelt die CDU Geschlossenheit. Tatsächlich tobt hinter den Kulissen der Union ein brutaler Machtkampf. Die Bundesvorsitzende wird nur noch als Belastung empfunden.

Es gärt in der CDU, die Unzufriedenheit mit Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer (Mitte) wächst, die Mächtigen in der Partei gehen zu ihr auf Distanz: Armin Laschet, Carsten Linnemann, Paul Ziemiak (li. v. o.), Kanzlerin Angela Merkel, Friedrich Merz, Jens Spahn (re. v. o.)

Neulich verbreitete CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer (»AKK«) ein Foto auf ›Twitter‹. Es zeigte sie umringt von drei ihrer fünf Stellvertreter und dem Generalsekretär-Darsteller Paul Ziemiak. Alle grinsten sie wie Honigkuchenpferde um die Wette: »Cheese!«

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Das geheuchelte Foto sollte eine heile Welt vermitteln, die es in der CDU nicht gibt. Was es in der Union gibt, ist ein Hauen und Stechen um die Macht – vor allem mit Blick auf die nächste Kanzlerkandidatur.

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Manche Gesprächsrunden sind vor allem deshalb interessant, weil jemand fehlt. So wie am vergangenen Sonntagabend, als sich der engste CDU-Führungskreis in der Berliner Parteizentrale einfand – ohne Angela Merkel. Offiziell wurde das Geheimtreffen hinterher heruntergespielt – es sei um die Vorbereitung des Leipziger Parteitages Mitte November gegangen. Tatsächlich dürfte es um die Zeit nach Merkel gegangen sein und somit vor allem auch um die Frage: Wie lange noch?

Schon seit Wochen wabern Putschgerüchte und Spekulationen über ein Zerwürfnis zwischen der Kanzlerin und Kramp-Karrenbauer durch die Hauptstadt. Zuletzt konnte selbst Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) nicht überzeugend darlegen, warum die Verteidigungsministerin nicht in Merkels Airbus nach New York und weiter nach Washington mitfliegen durfte. Im Haushaltsausschuss des Bundestags druckste Merkels Hausmeier herum und sprach von »gewissen Gepflogenheiten«, ohne diese näher zu erläutern. Der Vorgang zeigt, wie gereizt die Grundstimmung in der CDU derzeit ist.

Für viele Beobachter in der Hauptstadt war die Ausladung ein offenkundiges Indiz dafür, dass sich das Verhältnis zwischen Merkel und ihrer anfangs noch Wunschnachfolgerin an der CDU-Spitze merklich abgekühlt hat. Manche sprechen inzwischen sogar von einer »Zerrüttung«.

Kramp-Karrenbauer sah sich am vergangenen Wochenende deshalb zu einer Klarstellung genötigt: »Für alle zum Mitschreiben: Es gibt kein Zerwürfnis zwischen Angela Merkel und mir.« Damit lenkte sie das öffentliche Interesse erst recht auf das fragile Verhältnis zwischen den beiden CDU-Alphafrauen. In Parteikreisen wurde das als weiterer schwerer, handwerklicher Kommunikationsfehler gewertet – nach dem Desaster zuletzt um das Video des YouTubers »Rezo«.

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An der CDU-Basis brodelt es, vor allem in Thüringen, wo in gut drei Wochen gewählt wird. Die Parteivorsitzende, deren Umfragewerte auch nach dem Wechsel in das Kabinett im Tiefkeller verharren, wird zunehmend als Belastung empfunden. Über ihren Generalsekretär Paul Ziemiak schütteln sie in den Regional- und Ortsgliederungen nur noch den Kopf. Die Parteiführung insgesamt wirke »wie von der Rolle«, heißt es an der Basis in Thüringen.

Das Wandern ist des Müllers Lust

Doch Ziemiak scheint nicht ganz so dumm zu sein, wie er bisweilen aus der Wäsche guckt. Bauernschlau hat der Sohn polnischer Einwanderer und Studienabbrecher erkannt, dass Kramp-Karrenbauers Autorität und Macht erodieren. Nicht nur, dass die Chancen der Saarländerin auf die Kanzlerkandidatur dahinschwinden; in der Union könnte es über kurz oder lang auch zum Putsch gegen »AKK« als Parteivorsitzende kommen.

Ende August traf sich im Sauerland eine illustre Wandertruppe: Ziemiak, Carsten Linnemann, der einflussreiche Vorsitzende der CDU-Mittelstandsvereinigung, und der machtgeile Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Letzterer rechnet sich nach wie vor Chancen auf die Kanzlerkandidatur aus. Tatsächlich kann Spahn auf Unterstützung nicht nur aus seinem (mitgliederstärksten) Heimatverband Nordrhein-Westfalen rechnen, sondern auch aus der Südwest-CDU. Um die Wandertour im Sauerland jedenfalls ranken sich allerlei Putschgerüchte. Süffisant wurde nebenbei aus dem Linnemann-Lager eine amüsante Geschichte lanciert: Für die Routenplanung sei Ziemiak zuständig gewesen. Prompt habe sich das Trio verlaufen. Man kann die Anekdote, die Linnemann selbst notgedrungen dementiert, durchaus sinnbildlich nehmen: Die CDU hat sich mit dem Bilderbuch-Opportunisten Ziemiak verlaufen. Doch die innerparteiliche Kritik an Kramp-Karrenbauers Generalsekretär, der mehr Sekretär als General ist und der auf Distanz zu seiner Herrin zu gehen scheint, zielt auch auf die Parteivorsitzende selbst.

»AKK« rennt die Zeit davon

Die CDU-Vorsitzende steckt zwischen Baum und Borke. Ihr offensichtliches Zerwürfnis mit Merkel wird an der Basis genauso als Schwäche wahrgenommen, wie umgekehrt eine bedingungslose Kanzlerinnentreue. Zudem gibt es mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, Spahn und CDU-Wirtschaftsratsvize Friedrich Merz drei Herren, die sich allesamt für kanzlertauglicher halten als Kramp-Karrenbauer. Dass die Parteivorsitzende ihre miesen Umfragewerte noch einmal drehen könnte, gilt in der CDU als ebenso unwahrscheinlich wie das Zusammenfallen von Weihnachten und Ostern auf einen Tag.

Noch tobt der Machtkampf hinter den Kulissen. Nach der Wahl in Thüringen dürfte er auf offener Bühne ausgetragen werden. (oys)

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