Jetzt als Lobbyist in Berlin unterwegs

Der Genosse der Bosse

Harald Christ (47) ist so etwas wie der Genosse der Bosse, eine Art marktwirtschaftliches Feigenblatt der SPD. Zur Bundestagswahl 2009 hatte ihn der damalige Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier sogar als Wirtschaftsminister in seinem »Schattenkabinett« nominiert (tatsächlich geworden war es dann Rainer Brüderle von der FDP).

Harald Christ hat schon eine Menge gemacht in seinem Leben: Er verkaufte Bausparverträge für den Finanzdienstleister BHW, steuerte den Vertrieb beim gescheiterten Direktbankversuch der Deutschen Bank und brachte als Vorstandsvorsitzender den Schiff- und Immobilienfondsanbieter HCI an die Börse. Er war Bereichsvorstand der WestLB und der Postbank, half bei der Sanierung des Versicherungskonzerns ERGO.

Jetzt ist der Genosse der Bosse selber Boss

Anfang des Jahres stieg Christ in das lukrative Geschäft mit der sogenannten Öffentlichkeitsarbeit ein – gemeinhin auch Lobbyismus genannt. Für eine nicht genannte Summe übernahm er die PR-Agentur »Consultum« des früheren ›Bild‹-Vize und Ex-Genscher-Vertrauten Hans-Erich Bilges mit Sitz am noblen Kurfürstendamm in Berlin. Christ hält 100 Prozent der Anteile und agiert als alleiniger Geschäftsführer. Es heißt, er wolle das Geschäft ausbauen und einen Millionenbetrag in dessen Expansion stecken. Denn: Die Konkurrenz ist gewaltig.

In der Hauptstadt tummeln sich rund 6.000 Lobbyisten. Die Bundestagsabgeordneten können sich quasi aussuchen, mit wem sie im Prominentenlokal »Borchardt« in der Französischen Straße oder bei »Lutter und Wegner« am Gendarmenmarkt speisen gehen oder an welchem der vielen Büfetts sie es sich gut schmecken lassen wollen. Die Abgeordneten bekommen jede Woche dutzende Einladungen zu parlamentarischen Abenden, parlamentarischen Frühstücken, Talkrunden und Informationsgesprächen – mal mehr, mal weniger vertraulich.

Eine Art marktwirtschaftliches Feigenblatt der SPD: Der Unternehmer Harald Christ

Dass jetzt auch der Genosse der Bosse in diesem Geschäft mitmischt und dazu noch viel Geld investieren will, gilt gemäß Hauptstadt-Insidern als ein Indiz dafür, dass die SPD es mit dem Ausstieg aus der Chaos-GroKo bei weitem nicht so eilig hat, wie viele mutmaßen oder hoffen. Christ ist immerhin Mittelstandsbeauftragter des SPD-Parteivorstandes. Würde er sich auf das persönliche Wagnis als selbständiger PR-Berater einlassen, wenn er künftig bei einem CDU-Finanzminister oder einem grünen Umweltminister antichambrieren müsste? Auch das Relotius-Magazin ›Spiegel‹ glaubt nicht mehr so recht an einen Bruch der Chaos-GroKo nach der Europawahl oder den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen: Ein vorzeitiges Ende sei »eher unwahrscheinlich«. (oys)

Drucken