Kanzler von Stasi Gnaden

Der »verbotene Keller« liegt 7,60 Meter unter der Erde. Es riecht nach altem Papier. Die langen schmalen Gänge führen entlang grüner Rollregale links und rechts. 70 Kilometer Akten lagern in diesem bunkerähnlichen Tiefgeschoss des Bundesarchivs in der Potsdamer Straße 1 in Koblenz.

Es ist ein Pharaonengrab für jeden Enthüllungsjournalisten. Hier ruhen bei einer konstanten Raumtemperatur von 18 Grad die letzten Geheimnisse der Bonner Republik – zum Beispiel die Akten zu Hans-Adolf Kanter, einer Schlüsselfigur der Flick-Affäre.
Unter dem Decknamen »Fichtel« war Kanter jahrzehntelang Top-Spion der Stasi. Markus »Mischa« Wolf, legendärer DDR-Spionagechef, verglich dessen Bedeutung in seinen Memoiren mit der von Kanzleramtsspion Günter Guillaume.

Die Akten zu Kanter könnten viel erzählen.

Auch, dass der penetrant als »Kanzler der Einheit« gefeierte Helmut Kohl in Wirklichkeit ein Kanzler von Stasi Gnaden war!

Dazu muss man wissen: Der 2010 verstorbene Kanter duzte sich mit Kohl. 1974 wurde Kanter Prokurist bei Flick und war fortan zuständig für die »Pflege der politischen Landschaft« – sprich: die umfangreichen illegalen Parteispendenzahlungen, die der ›SPIEGEL‹ 1981 enthüllte und von denen vor allem die Kohl-CDU profitierte.

Durch Kanter wusste die Stasi also lange vor der Bonner Staatsanwaltschaft (und dem ›SPIEGEL‹), dass Kohl und die CDU mit ihren schwarzen Kassen am Tropf des Flick-Konzerns hingen – wie übrigens auch die FDP. Kohl, der das Geheimnis seiner angeblich anonymen Spender vor einem Jahr mit ins Grab nahm, hatte sich schlichtweg durch Ostberlin erpressbar gemacht.
1995 wurde Kanter »aufgrund fehlender Unterlagen« zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Anders als Guillaume musste er nicht ins Gefängnis. Auch alle Versuche, den 2006 verstorbenen DDR-Spionagechef Markus Wolf für seine jahrzehntelange Zersetzungsarbeit und seine Verantwortung für Freiheitsberaubung und Tod unzähliger Menschen zu belangen, scheiterten.

Wussten beide zu viel über die Geheimnisse der (gekauften) Bonner Republik?

Kamen sie deshalb so glimpflich davon?

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