Klartext des Chefredakteurs – 43/2018

Liebe Leser,

wenn Angela Merkel am 7.Dezember auf dem Parteitag der Christlich Demokratischen Union Deutschlands in ihrer Geburtsstadt Hamburg den Partei­vorsitz abgeben wird, war sie genau 6.815 Tage lang Vorsitzende der CDU. In dieser Zeit hat Merkel die CDU brutal nach links gerückt, weitgehend sozialdemokratisiert und inhaltlich entkernt. Dass die Union jemals wieder zu alter Stärke als Volkspartei zurückfinden wird, ist eher unwahrscheinlich. Derweil ist der Machtkampf um die Merkel-Nachfolge voll entbrannt. Wer das Rennen macht, bleibt abzuwarten.

Jens Spahn? Er war schon als Reser­vekanzler gehandelt worden und hat sich als Halboppositioneller ein gewisses Renommee verschafft. Aber endlich an den Kabinettstisch gelangt, lief der Prozess der Entzauberung in atemberaubendem Tempo ab.

CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-­Karrenbauer gilt – wie Sie auf dieser Seite nachlesen können – als Merkel-Klon. Doch wenn es der Saarländerin in den nächsten Wochen gelingen sollte, das Stigma als reine Merkelianerin abzuschütteln, hat sie von allen Bewerbern die besten Chancen. Ihre Verankerung in der Partei, insbesondere bei den merkeltreuen Parteitagsdelegierten auf der mittleren Funktionärsebene, könnte ihr größter Trumpf im Nachfolgekampf sein.

Im Zentrum des medialen Interesses steht jedoch einstweilen Friedrich Merz. Der schlaksige und knorrige Sauerländer besitzt zweifellos Intelligenz, Führungsstärke und Konfliktfähigkeit sowie einen Sinn für Programmatik und Pragmatismus. Aber ob sein Politikstil in der heutigen Union noch mehrheitsfähig wäre,
bezweifle ich stark.

Die Kommentatoren, die schon frohlocken, ein Parteivorsitzender und womöglich auch Kanzler Friedrich Merz würde die CDU zu neuer Stärke führen und die AfD von der Bildfläche verschwinden lassen, vergessen, dass der Ex-Fraktionschef in den letzten zehn Jahren mit der Politik bereits so gut wie abgeschlossen hatte. Auch wenn Merz von den verbliebenen Rest-Konservativen in der Union schon als der neue Messias gefeiert wird, so wissen wir doch spätestens seit dem Medienhype um den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz um die rasche Vergänglichkeit solcher Erscheinungen.

Unabhängig von der derzeit laufenden Nachfolgedebatte darf ein trauriges Faktum nicht verdrängt werden: Drei Jahre sind seit der merkelschen »Grenzöffnung« 2015 vergangen. Genauso viel Zeit verbleibt Merkel im schlimmsten Falle noch, um dem deutschen Volk weiteren massiven Schaden zuzufügen. Insofern hängt der Freude über die einsetzende Merkeldämmerung ein schaler Beigeschmack an.

Herzlichst
Ihr David Bendels

TEILEN