Klartext des Chefredakteurs:

Corona, die Kanzlerin und das Gruseln

David Bendels

eine gespenstische Vorstellung war das, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn (beide CDU) sich da vor der Bundespressekonferenz geleistet haben. Acht Wochen lang war die Kanzlerin einfach abgetaucht, während die Corona-Krise sich immer höher auftürmte.

Acht Wochen lang hat sie es dem überforderten Gesundheitsminister überlassen, die Lage schönzureden und dem Volk verbale Beruhigungspillen zu verabreichen. Seit acht Wochen schieben sich Behörden und Institutionen gegenseitig den Schwarzen Peter zu und erklären sich für nicht zuständig. Und jetzt, nachdem die Kanzlerin endlich mal wieder aufgetaucht ist: keine Führung, kein Plan, keine Entschlossenheit, nur leeres Gerede.

»Wir werden das Notwendige tun«, versprach die Kanzlerin. Das klingt nicht nur verdächtig nach »Wir schaffen das«, das kommt aus dem gleichen Geist. Wieder zeigt sich die Bundesregierung einer nationalen Krise nicht gewachsen, wieder schiebt sie die Verantwortung auf die Gutmütigkeit, das Pflichtbewusstsein und die Opferbereitschaft der Bürger ab.

Wieder die hohlen Predigerphrasen vom »Zusammenstehen«, von der »Solidarität«, davon, dass jeder einzelne sich jetzt um die anderen und um besonders gefährdete Mitbürger kümmern müsse. Alles richtig; aber von einer handlungsfähigen Regierung können die Bürger mehr erwarten als Kalendersprüche. Während das Virus auf Europa zurollte, hat man den Bürgern vorgegaukelt, man sei »gut vorbereitet«, und ansonsten die Hände in den Schoß gelegt.

Jetzt, da es die ersten Corona-Toten auch in Deutschland gibt, bequemt man sich allmählich, Notfallpläne zu erstellen und sich umzusehen, wo man noch Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel herbekommen könnte. Niedergelassene Ärzte greifen derweil zu öffentlichen Aufrufen, damit sie sich wenigstens über Spenden mit dem Notwendigsten versorgen können. Und noch immer spricht kein Verantwortlicher mit den Ärzten, vor allem den Intensiv- und Notfallmedizinern, die an der Front stehen. Nach wie vor klopfen sich »Experten« und Politiker, Kanzlerin und Gesundheitsminister gegenseitig auf die Schultern und versichern sich, dass sie schon einen »tollen Job« machen. Die größte Sorge der Kanzlerin ist, dass es nur ja keine »Abschottung« geben dürfe.

Dabei ist »Abschottung« nun mal ein wirksames Mittel, wenn man tatsächlich die Ausbreitung des Virus verlangsamen will. Deshalb erklärt die italienische Regierung das ganze Land zur Sperrzone und lässt Geschäfte und Restaurants schließen, riegelt Österreich den Zugverkehr nach Italien ab, schicken die Dänen und andere Nachbarn die Schulen in Zwangsferien.

Brauchen wir alles nicht, sagt die Bundesregierung. Offene Grenzen sind anscheinend wichtiger als alles andere, selbst als die Gesundheit und das Leben der Bürger. Wenn eine Bundeskanzlerin mit derart beschränktem Horizont den Kampf gegen eine globale Pandemie zur »Chefsache« erklärt, haben wir tatsächlich allen Grund, uns Sorgen zu machen.

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