Klartext des Chefredakteurs:

Mohrings Blockflötenstunde

David Bendels

»Was heißt heute konservativ?« sinnierte Mike Mohring 2010 als Buchherausgeber. Ein knappes Jahrzehnt später heißt das für den Thüringer CDU-Frontmann offenbar auch, Koalitionsverhandlungen mit der umgetauften SED zu führen. Oder jedenfalls »Gespräche«. Die Bundespartei gab ihm erst grünes Licht für Verhandlungen mit Linken-Ministerpräsident Bodo Ramelow, machte dann aber einen Rückzieher.

Eine Koalition komme doch nicht infrage, ruderte dann auch Mohring wieder zurück, nachdem er gleich am Morgen nach der Wahl noch beziehungsreich von »stabilen Verhältnissen« geplaudert hatte, für die er irgendwie Verantwortung trage. Wenn keine Koalition, dann vielleicht doch Duldung einer Minderheitsregierung? Mohring schließt explizit nur die Unterstützung einer rot-rot-grünen Fortsetzungsregierung aus.

Umfallen in Rekordzeit, dann eine halbe Rolle rückwärts und sich im Gewirr der eilends geöffneten Hintertüren verrennen: Mike Mohrings Blockflötenstunde hat nicht nur einen ehedem als »konservativen Hoffnungsträger« gehandelten CDU-Politiker entzaubert, sondern das ganze Elend der Merkel-Karrenbauer-Union auf den Punkt gebracht.

Kaum winkt ein Zipfel der Macht, werden alle zuvor verkündeten hehren Vorsätze über Bord geworfen, vergisst man auch einfach einmal die eindeutige Beschlusslage der Partei, die »Koalitionen und ähnliche Formen der Zusammenarbeit mit Linkspartei wie mit AfD« kategorisch ausschließt und bei Zuwiderhandlungen Ordnungsmaßnahmen bis zum Parteiausschluss androht – und wenn dann doch einer kurz auf die Bremse tritt, dann nicht aus wiederentdeckter Prinzipientreue, sondern weil es plötzlich Gegenwind gibt und der Laden auseinanderzufliegen droht.

Wie soll man es auch der CDU-Basis gerade in Mitteldeutschland erklären, dass man für »stabile Verhältnisse« mal eben bereit ist, das Erbe von 1989 zu verraten und sich ohne Not wieder als Blockflöte an die SED-Kommunisten zu verkaufen? Wieso soll die »Linke«, die nichts anderes ist als die mehrfach umlackierte SED, auf einmal eine Partei der »Mitte« sein und ihr Thüringer Anführer Bodo Ramelow ein achtbarer »Landesvater«, während man die erst vor wenigen Jahren gegründete AfD und ihren Vorsitzenden als »Nazi« verteufelt?
Und wieso soll die Thüringer Union auch nur in Erwägung ziehen, mit einer Partei zu koalieren, die den Sozialismus wieder einführen will, während jede Zusammenarbeit mit der Partei, mit der sie immer noch die größten programmatischen Schnittmengen hat, von der sie im Landtagswahlkampf eifrig abgeschrieben hat und die ein Viertel der Wähler vertritt, für alle Zeiten tabu sein soll?

Diese Fragen werden längst auch in der CDU gestellt, und das immer lauter. Die Politik der »asymmetrischen Demobilisierung«, mit der Angela Merkel die Unionsparteien entkernt und auf rot-grün getrimmt hat, ist am Ende. Merkeljünger, wie der Kieler Ministerpräsident Daniel Günther, der schon vor Monaten für schwarz-kommunistische Koalitionen geworben hat, legen die Lunte ans Pulverfass. Tritt die CDU auch offiziell und förmlich in die kommunistische Einheitsfront ein, bleibt tatsächlich als relevante bürgerliche Kraft nur noch die AfD übrig.

Mike Mohring ist in die Falle gelaufen und hat seinen einst guten Ruf lädiert. Und Annegret Kramp-Karrenbauer, die statt Posten nur noch Wahlniederlagen in Serie zu verteilen hat, könnte zum Totengräber der CDU werden. Sich jedem Trend anzubiedern und jeder Sau hinterherzujagen, die der Medien-Mainstream gerade durchs Dorf jagt, ist auch eine Methode, sich selbst abzuschaffen. Oder, wie Franz Josef Strauß gesagt hätte: Everybody’s darling is everybody’s Depp.

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