Kleiner Fratz auf großer Fahrt

Ein Kommentar von Boris T. Kaiser

Sie haben es vermutlich durch zumindest eine der Dutzenden Jubel-Arien in den deutschen Medien schon mitbekommen: Greta Thunberg, die Schutzheilige der Schulschwänzer, ist zu ihrer Segelfahrt zum UN-Klimagipfel aufgebrochen. Die dürfte beschwerlich werden für die schwedische Teenagerin. Schon vor Beginn des Trips hat sie, und gefühlt Hunderte Journalisten, uns wissen lassen, dass sie sich vermutlich zwei Wochen lang übergeben wird. Andererseits kommt sie durch die Segeltour aber auch endlich mal weg von all dem Gezicke und den Streitereien unter ihren Klima-Aktivisten-Schwestern an der »Fridays For Future«-Front auf dem Festland.

Unter riesigem Medienrummel stechen die »Klimaheiligen« in See: Papa Svante Thunberg, Greta Thunberg sowie die Skipper Pierre Casiraghi und Boris Herrmann (v. li.) auf der »Malizia II«

Die Medien halten uns über jede Bewegung der Pipi Langstrumpf der Öko-Bewegung auf dem Laufenden. Einige Journalisten laufen bei ihren Berichten über die »Ereignisse« an Bord zu regelrechter Hochform auf und scheinen den Abenteuerroman-Schreiber in sich zu entdecken. »Die Nacht war rau«, heißt es in einer Überschrift auf ›welt.de‹ und ›Deutschlandfunk Kultur‹ gerät über die »Bilder des Aufbruchs in eine neue Welt« ins Schwärmen. Viele der Schilderungen in der deutschen Presse sind so farbenfroh, so emotional, so nah an der Heldin der Geschichte dran, dass man den Eindruck gewinnen könnte, die Reporter wären tatsächlich selbst dabei gewesen, oder hätten zumindest ein Seminar für kreatives Schreiben an der Claas-Hendrik-Relotius-Schule besucht.

In Wahrheit war auch der ›Tagesspiegel‹ nicht mit an Bord der Hochsee-Rennjacht »Malizia II«, als Greta Thunberg »mit Delfinen in den Sonnenuntergang« segelte. Auch keiner der anderen Schreiberlinge, die vor allem im Internet rund um die Uhr im Stil eines Live-Tickers von der großen Fahrt des kleinen Öko-Fratzes berichten, sitzt wirklich mit der gut vermarkteten Aktivistin im selben Boot. Zumindest nicht physisch. Was sie aber natürlich nicht davon abhält, regelrechte Fanfiction-Geschichten über ihr persönliches Teenie-Idol zu verfassen.

Immerhin einige wenige Journalisten behalten aber, trotz Erderwärmung und Greta-Fieber, einen kühlen Kopf. Sie hinterfragen die Vermarktungsstrategien um die »Fridays For Future«-Bewegung und fragen nach den Köpfen hinter dem Mädchen mit den Zöpfen. Einige ganz besonders fiese Gesellen in den Redaktionen sind sogar so gemein, Greta Thunberg, und im Grunde auch ihren eigenen Zeitungskollegen, vorzurechnen, dass ein Flug nach New York in Wahrheit doch viel klimafreundlicher gewesen wäre, als die große Segel-Show. Ausgerechnet die linksgrüne ›taz‹ deckt auf, dass, im Rahmen der medienwirksamen Aktion, gleich fünf Mitarbeiter in New York gebraucht werden, um die Jacht zurück nach Europa zu segeln. Der Sprecher von Thunbergs Skipper, Boris Herrmann, sagte der Zeitung dazu: »Natürlich fliegen die da rüber, geht ja gar nicht anders.« Auch der Skipper werde für seine Rückreise das Flugzeug nehmen, zitiert die ›taz‹ Sprecher Andreas Kling. Um es auf den Punkt zu bringen: Greta Thunbergs lustige, »klimaneutrale« Segelschifffahrt zum UN-Klimagipfel löst mindestens sechs klimaschädliche Flugreisen über den Atlantik aus. Wäre sie mit ihrem geschäftstüchtigen Vater allein geflogen, hätten zwei Flugtickets genügt. Aber Greta hat das kleine Einmaleins des Gutmenschentums eben von der Pike auf gelernt, das da heißt: Es geht nicht darum, Gutes zu tun, sondern allein darum, sich gut zu fühlen und vor dem Rest der Welt gut dazustehen.

Boris T. Kaiser

Boris T. Kaiser

startete seine Karriere als Gagschreiber für zahlreiche Comedy- und Satire-Formate. In den letzten Jahren arbeitet er vermehrt journalistisch und als politischer und gesellschaftlicher Kommentator. Er schreibt unter anderem für ›Die Achse des Guten‹, ›Tichys Einblick‹ und die Wochenzeitung ›Junge Freiheit‹. Kaiser betreibt außerdem den Blog brainfuckerde.wordpress.com.

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