Krebs, Burn-out:

Wie Altparteien-Politiker ihre Krankheiten ausschlachten

Spitzenpolitiker legen im Allgemeinen großen Wert auf Privatsphäre. Umso befremdlicher wirkt, wie einige ihre Krankheiten öffentlichkeitswirksam und parteitaktisch ganz offensichtlich instrumentalisieren.

Es sei »eine besondere Geste der Sozialdemokraten«, meldet das Springerblatt ›Welt‹: Um der an Brustkrebs erkrankten Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), »Kraft und Stärke« zu schicken, sendeten die Teilnehmer der sogenannten Regionalkonferenz im rheinland-pfälzischen Nieder-Olm eine Botschaft an die 45-Jährige.

Schwesig hatte am Dienstag publik gemacht, dass sie an Brustkrebs erkrankt sei und sich deshalb vom kommissarischen SPD-Vorsitz zurückziehe. Sie wolle jetzt den Kampf gegen die Krankheit aufnehmen, die behandelnden Ärzte seien zuversichtlich, die Prognose sei gut.

SPD-Genossen senden Herzen

Die mehreren Hundert Teilnehmer sandten ein Foto von der Regionalkonferenz in Rheinland-Pfalz. Auf Initiative der geschäftsführenden SPD-Interimsvorsitzenden, der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Manu Dreyer, formten die Genossen mit ihren Händen ein Herz. Die triefende Botschaft sollte wohl lauten: Die SPD – eine Partei mit Herz und Seele!

Die Vermarktung eines »Burn-out«

Die scheidende Fraktionsvorsitzende der Linken im Deutschen Bundestag, Sahra Wagenknecht, schlachtet ihre Krankheit (verkaufsfördernd?) für eine neue Biografie aus. Wagenknecht gibt in dem am Donnerstag erschienenen Buch laut Vorankündigung »tiefe Einblicke« in die Beweggründe für ihren Rückzug aus der ersten Reihe der Spitzenpolitik. Die vierte Ehefrau des Ex-SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine hatte wegen eines sogenannten Burn-out Anfang des Jahres eine Auszeit genommen und dann angekündigt, nicht erneut als Fraktionsvorsitzende zu kandidieren.

Die Auszeit sei ihr vom Arzt verordnet worden, Wagenknecht habe in dieser Zeit sogar darauf verzichtet, ihre Emails zu lesen, schreibt der tief beeindruckte Autor Christian Schneider in dem Buch »Sahra Wagenknecht – Die Biografie«.

Schneider konnte »mit Menschen aus dem engsten Kreis Wagenknechts sprechen, unter anderem mit ihrer Mutter«, kündigte der Verlag werbewirksam an. Während der Krankheit und Zwangspause von der Politik seien Wagenknecht »auch die Grenzen ihrer politischen Fähigkeiten bewusst geworden«, heiße es im Buch.

Weiter: Die Linken-Politikerin könne Menschen gewinnen, aber letztlich sei ihr das politische Handwerk fremd, zitiert der Biograf sülzend die 50-Jährige. Ihr in Wahrheit politisches Scheitern infolge parteiinterner Intrigen und Machtkämpfe erklärt Wagenknecht so: »Also, den Apparat zu beherrschen, das liegt mir nicht. Die Fraktion zu führen, das macht eigentlich Dietmar Bartsch. Und das gehört ja eigentlich zur Politik: Leute zusammenholen, zu strukturieren, mit Leuten umzugehen.«

Bouffiers Hautkrebs

Hochdramatisch machte Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) Anfang des Jahres seine Hautkrebserkrankung publik: Er informierte zuerst die Landtagsfraktionen, wenig später gab ein Regierungssprecher eine offizielle Mitteilung heraus, aus der die ›Hessenschau‹ umfänglich zitierte.

Demnach hatte sich Bouffier »aufgrund eines unklaren Nasenbefundes« einem Eingriff unterzogen. Bei der histologischen Untersuchung sei »begrenzter Hautkrebs« festgestellt worden, teilte der Sprecher mit. Der Krebs solle durch eine bereits begonnene Strahlentherapie entfernt werden, hieß es weiter. »Die Behandlung erfolgt ambulant und Herr Ministerpräsident Bouffier wird seine Amtsgeschäfte fortführen«, wurde in der Mitteilung betont. Der Eindruck, der wohl vor allem bleiben sollte: was für ein tapferer Mann!

Nicht näher mitgeteilt wurde übrigens, um welche Art von Hautkrebs es sich bei Bouffiers Erkrankung handelt. Das wäre insofern relevant gewesen, als zum Beispiel das vergleichsweise harmlose Basaliom (zwar bösartiger, aber in der Regel nicht streuender »weißer Hautkrebs«) eine praktisch einhundertprozentige Heilungschance hat.

Nur mit Mütze

Einen Monat zuvor hatte bereits der thüringische CDU-Chef und Spitzenkandidat für die Landtagswahl am 27. Oktober, Mike Mohring, seine nicht näher erläuterte Krebserkrankung öffentlich gemacht. Wegen einer Chemotherapie trat der CDU-Politiker zeitweise nur mit Mütze in der Öffentlichkeit auf, was ihm die Aufmerksamkeit der TV-Reporter sicherte.

Unterdessen führt Mohring in Thüringen Wahlkampf. Auf die Frage, ob die Politik in dieser Situation eher Belastung oder willkommene Ablenkung sei, antwortete Mohring, dass der Kampf gegen den Krebs aktuell absoluten Vorrang habe. Mit seinem Arzt sei aber vereinbart, dass er auch das verfolge, was ihm »Spaß« mache. Die Botschaft lautet auch hier: Ein Politiker, der sich mit ganzer Kraft und Leidenschaft in den Dienst des Volkes stellt!

Mike Mohring, Chef der CDU-Thüringen trat vor einigen Monaten wegen einer Chemotherapie zeitweise nur mit Mütze auf

Das lange Sterben des Wolfgang Bosbach

Der frühere CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach müsste nach eigener Prognose eigentlich längst tot sein. Putzmunter und braun gebrannt taucht er noch immer in diversen Talkrunden auf. Hochdramatisch hatte auch er seinen Krebs (Prostata) inszeniert. Im August 2012 schockte er im ›Spiegel‹ mit der Ankündigung: »Viel Zeit bleibt nicht mehr.« Natürlich kandidierte er »trotzdem« noch einmal für den Bundestag. Auch er vermarktete seinen Krebs in einer Biografie: »Jetzt erst recht!« (oys)

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