Matthias Matussek:

Wie Journalisten und Politiker zu Antisemiten werden

Anti-Israelische „Al-Kuds“-Demo in Berlin, Juni 2018: Unter Linken und Muslimen fällt Israel-Hass auf besonders fruchtbaren Boden

Darüber wurde in den öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht berichtet: Allein am letzten Wochenende sind nach Angaben des Bloggers Horowitz rund 650 Geschosse aus dem Gazastreifen auf israelische Gebiete niedergeregnet. Eine, wenn man es zynisch sagen will, feurige Ouvertüre zu den Vorentscheidungen des Eurovisions-Wettbewerbs, die derzeit in Tel Aviv stattfinden.

Matthias Matussek

Vor ein paar Wochen hatten meine Frau und ich in dieser schönsten und jugendlichsten Strandstadt der Welt (von Rio abgesehen) Urlaub gemacht, und schon damals waren Geschosse unterwegs: Es ist ein verdammt merkwürdiges Gefühl, auf dem Weg zum Restaurant Sirenen aufheulen zu hören. Unser Hotel nahe dem Rothschild-Boulevard verfügte, wie wir später erfuhren, »selbstverständlich« über einen Luftschutzkeller – Standard in einer ansonsten gut gelaunten Stadt, die sich mit der ständigen Gefahr, angegriffen zu werden, eingerichtet hat.

Dennoch, unsere Generation kennt es nur aus Schilderungen der Eltern: das Heulen und die plötzliche Pause der Passanten auf der Straße, der besorgte Blick nach oben, bevor das Treiben weitergeht, ein Moment der Lähmung, der Angst, dann fließt der Verkehr wieder.

Zwei Raketen, eine landete im Niemandsland, die andere wurde vom israelischen Abwehrschirm »Iron Dome« abgefangen.
Aber 650 Geschosse?

Das wohl Gespenstischste nach der ersten Welle von Raketen vor zwei Wochen war wohl die hiesige sogenannte Berichterstattung darüber und über die israelischen Vergeltungsschläge: Da klang es so, als hätte der frischgewählte Premier Netanjahu seinen Sieg mit Bomben auf Gaza gefeiert. Die palästinensische Aggression durch die radikalislamische Hamas, dieses von Teheran finanzierten Kampfverbundes, blieb entweder unerwähnt oder wurde heruntergespielt als Budenzauber mit »selbstgemachten Raketen«, den Netanjahu zu innenpolitischen Zwecken missbrauche.

Immer wieder fordert der Terror radikaler Palästinenser israelische Opfer: Israelische Soldaten gedenken am 4. Iyar (nach gregorianischem Kalender in diesem Jahr am 8. Mai) der Gefallenen und durch Terrorangriffe Getöteten

Schon in Schulbüchern wird dort der Hass auf Israel gepredigt, ja, dessen Vernichtung ist Staatsräson und sogennante Märtyrer und ihre Familien können nach erfolgreichen Anschlägen mit lebenslanger Alimentierung rechnen. Allerdings untersagen die Palestinian Authorities (PA) nach einer jüngsten Verordnung eine Behandlung von verwundeten einfachen Kämpfern in israelischen Krankenhäusern – diese bleibt dem Führungskader vorbehalten.

In der letzten Anne-Will-Runde wurde Donald Trumps Boykott gegen den Iran diskutiert, der auf die Weigerung der schiitischen Großmacht erfolgte, von seinem atomaren Aufrüstungsprogramm Abstand zu nehmen. Naturgemäß für Runden wie diese wurde Trump einmal mehr (Röttgen, Lambsdorff, Will) als Gefahr Nummer 1 erkannt und von den Anwesenden tüchtig gerügt.

Bis auf eine hübsche Dame mit dem wunderschönen Namen Melody, nein, keine Teilnehmerin am Eurovision-Contest, sondern Politikberaterin aus Tel Aviv, Sucharewicz mit Nachnamen, die den deutschen Scheinriesen tapfer die angemaßte Weltgeltung auszureden und Realpolitik nahe zu bringen versuchte.

Während Röttgen weiß, dass »ohne Deutschland gar nichts geht, dazu ist es zu wichtig«, mahnt Melody Sucharewicz an, dass die Deutschen, obwohl der Schutz Israels zu ihrer Staatsräson gehöre, dennoch Geschäfte mit den Mullahs machen, dem erklärten Todfeind ihres Landes, der einzigen Demokratie im Nahen Osten. Und sie erinnert noch einmal daran, dass die iranische Führung sich bisher stets als wortbrüchig erwiesen habe und gefährlicher Kriegstreiber nicht nur im Jemen sei.

»Die Mullahs drohen und die Europäer springen – das darf doch nicht wahr sein!« Mit ihrer Unentschiedenheit verrieten sie ihre Werte, setzt sie noch hinzu.

Das allerdings ist offenbar schwer zu vermitteln, besonders den Staatsmedien, die con brio über die israelischen Präzisionsschläge gegen Terroristennester im Gazastreifen berichten und die Opfer, die sie fordern. Tatsächlich grenzt das sogenannte »framing« der Berichterstattung an einen Skandal, der ständig die Täter und die Opfer miteinander vetauscht, und das schon seit Jahren.

Nicht erst jene ominöse, vom ›WDR‹ zunächst unter Verschluss gehaltene, dann auf öffentlichen Druck ausgestrahlte Dokumentation über die Verfilzungen und Verflechtungen europäischer, besonders deutscher Hilfsorganisationen mit antiisraelischen Boykotten und Kampagnen öffnete die Augen über die Doppelzüngigkeit deutscher Beistandsbeteuerungen. Wenn Bundespräsident Steinmeier Kränze auf Grabstätten von PLO-Führern niederlegt (wie es auch der britische Sozialistenchef Jeremy Corbyn tut), wirken deutsche Yad-Vashem-Besuche und »Nie wieder«-Beteuerungen nur noch schal.

Tatsächlich: Wenn es einen Antisemitismus in Deutschland gibt, der bis in die Mitte reicht, dann ist es der von links, der sich als antiisraelische Solidarität mit dem »geknechteten« palästinensischen Volk tarnt. Das hat Tradition, seit Joschka Fischer, der spätere Außenminister, 1966 an der PLO-Konferenz in Algier teilnahm, und die mit den massiven finanziellen Transfers durch Hilfsorganisationen wie »Brot für die Welt« noch lange nicht auserzählt ist.

Oder ist das Gedicht von Nobelpreisträger Günter Grass »Was gesagt werden muss« bereits in Vergessenheit geraten, das er anlässlich eines Verkaufs von deutschen U-Booten an Israel zusammenleimte? Mit Zeilen wie diesen, dass Israel den »brüchigen Weltfrieden« gefährde und einen »atomaren Erstschlag« gegen den Iran plane. Kritik an dem von antisemitischen Stereotypen durchzogenen Strophen beknurrte Grass, die SPD-Wahlkampfmaschine, als »Gleichschaltung«.

Nicht die dumpfen Schreihälse vom rechten Rand sind das Problem in unserm Lande, sondern z.B. die Gleichgültigkeit, mit der deutsche Politik Hunderttausende antisemitischer Moslems einlädt, die sich dann bisweilen mit linken Verbündeten vor dem Brandenburger Tor zu Demonstrationen treffen, um »Juden ins Gas« zu grölen. Unter Beteiligung sogenannter Antifaschisten, die ihren Hass militant und nahezu ungehindert ausleben, wobei sie sich sicher sein können, einer eher inoffiziellen Staatsdoktrin zu entsprechen.

Nicht die Höckes sind das Problem, sondern die unterschwelligen Verharmlosungsversuche der gefährlichsten Gegner Israels, und dazu gehören nun mal der Iran und sein militanter Ableger, die Hamas im Gazastreifen. Die im Übrigen, wenn schon von Knechtungen der Palästinenser die Rede ist, in erster Reihe genannt werden muss – längst schon nimmt sie die eigene Bevölkerung zur Geisel, sie durchsetzt sie mit Spitzeln, sie wirft Gegner ins Gefängnis und ist korrupter Hauptnutznießer der Hunderte von Millionen Euro an Hilfsgeldern, mit denen sie Waffenlager anlegen, die dann mit zynischem Kalkül – vor Angriffen sicher – in Krankenhäusern oder Schulen deponiert werden.

Jubel in Tel Aviv nach dem Sieg beim Eurovision Song Contest 2018: Israel ist dieses Jahr Gastgeber des Wettbewerbs – für die Hamas eine Gelegenheit, ein Blutbad unter den Ungläubigen anzurichten

Nein, Problem sind eher beschwichtigende Artikel wie jener der ›FAZ‹, der unter dem Titel »Keine Stornierungswelle« von den Vorbereitungen auf das Euro-Sängerfest berichten. Untertitel: »Zum Eurovisions Song Contest werden viel weniger Besucher erwartet als in den vergangenen Jahren.« Das liegt selbstverständlich nicht an der durch die Hamas-Raketen prekär gewordenen Sicherheitslage in Tel Aviv, sondern – an den hohen Ticketpreisen!

Für den Reporter scheint es völlig ausgeschlossen, dass sich die Hamas auf eine Gelegenheit wie diese rüstet, um ein Blutbad unter den Ungläubigen anzurichten. Viele eher ist Premier Netanjahu der Bösewicht, der versucht, seinen Einfluss auf das israelische Staatsfernsehen zu vergrößern.

Ich für meinen Teil habe mich in den letzten Jahren, trotz mannhafter Versuche mich für das aufgetakelte Kostüm-Event mit den traurigen Balladen aus Bulgarien oder den Schmachtfetzen aus Malta zu erwärmen, stets zu Tode gelangweilt.

Aber diesmal werde ich wohl hinschauen und hoffen, dass es langweilig bleibt. Und dass die Menschen in Tel Aviv keinen Grund haben, sorgenvoll in den Himmel zu schauen.

Matthias Matussek

ist preisgekrönter Reporter und Bestsellerautor, war 26 Jahre lang für den ›Spiegel‹ tätig, bis er sich 2014 entschloss, das Neue zu wagen – er wechselte zu Springers ›Welt‹. Doch dort spürte er schnell, wie sehr ideologische Haltungen und die freiwillige Selbstzensur einer neuen Generation von Journalisten die Presselandschaft verändert haben: Die Zusammenarbeit wurde nach siebzehn Monaten beendet. Seither arbeitet er als freier Autor u. a. für die ›Weltwoche‹, den ›Focus‹ sowie ›Tichys Einblick‹ und den Deutschland Kurier.

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