»Merkel ist ein machtloser Regierungschef auf Abruf«

Deutsche und ausländische Pressestimmen zum Führungschaos in Berlin

Das Hessen-Beben und seine Erschütterungen in Berlin beschäftigen die Kommentatoren im In- und Ausland. Im Mittelpunkt steht der angekündigte Verzicht von Angela Merkel auf den CDU-Parteivorsitz.

›Die Presse‹ aus Wien bringt es auf den Punkt: »Merkel selbst wird fortan als ›Lame Duck‹ (lahme Ente) regieren, also ein machtloser Regierungschef auf Abruf. Wenn überhaupt.«

So sieht es auch die ›Stuttgarter Zeitung‹– aus der »mächtigsten Frau Europas« sei eine »sprichwörtliche lahme Ente« geworden.

›Bild‹ (Berlin) knöpft sich den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier vor und nennt dessen peinliche Versuche, die zweistelligen Verluste der Hessen-CDU zu relativieren, einfach nur »erschütternd«: »Die Reaktionen in der CDU, besonders die Glückwünsche der Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer zeigen, was in der CDU-Zentrale und im Kanzleramt herrscht: komplette Realitätsverweigerung.«

»Die CDU lebt geradezu auf«, spottet die ›Frankfurter Allgemeine Zeitung‹ mit Blick auf die Personaldebatte in der Union und konstatiert: »Es outeten sich die üblichen Verdächtigen: Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn – und Friedrich Merz. Wer aber soll nun die CDU in eine hellere Zukunft führen?«

Die ›Süddeutsche Zeitung‹ (München) ätzt: »Wenn Merkel geht, werden auch andere gehen müssen. Das heißt: So viel Anfang war schon lange nicht mehr.«

Die ›Neue Zürcher Zeitung‹ analysiert: »Die Kanzlerin hat mit ihrem Entscheid, weiterhin am Kanzleramt festzuhalten, die Chance eines glanzvollen Abgangs endgültig verpasst. Stattdessen muten ihre Ankündigungen eher als ein Manöver an, das die verbliebene Macht noch so lange wie möglich in die Zukunft hinüberretten soll. Der Verzicht auf das Parteiamt ist ein Blitzableiter.«

Ähnlich sieht es der in Oberndorf am Neckar erscheinende ›Schwarzwälder Bote‹: Merkels Verzicht auf den Parteivorsitz sei »der verzweifelte Versuch, das Heft des Handelns nicht völlig aus der Hand zu geben.«

Für die ›New York Times‹ ist Merkels Rückzug »keine Überraschung«. Das linksliberale Ostküstenblatt erinnert an das Schicksal anderer christ­demokratischer und sozialdemokratischer Parteien in Europa: »Deutschland ist seinen kleineren Nachbarn ähnlicher geworden, die eine ähnliche politische Zersplitterung erlebt haben – darunter Spanien, Italien und die Niederlande.«

Die ›Welt‹ (Berlin) zieht eine ernüchternde Bilanz von 18 Jahren linksgrüner Merkel-CDU: »Ohne wirkliche Konservative und mit ein paar letzten Wirtschaftsfreunden ausgestattet, hat die Union ihren Sammlungscharakter eingebüßt. Merkel hat die Partei in der Mitte, einige sagen, links der Mitte zentriert. Damit verlor die Partei Balance und Statik.« (oys)

TEILEN