»Merkel wird kein bestelltes Haus hinterlassen«

Autor Ferdinand Knauß bei der Vorstellung seines Buches im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin
Der Journalist Ferdinand Knauß rechnet mit der Masseneinwanderungskanzlerin ab

Der Name Merkel wird auch nach ihrem vielleicht nicht mehr allzu fernen Abschied aus dem Bundeskanzleramt noch lange nachhallen in Deutschland. Mit Merkel endet vermutlich mehr als eine Kanzlerschaft. Vielleicht werden spätere Historiker mit »Merkelismus« einmal eine Ära in der deutschen Geschichte bezeichnen, in der besonders selbstvergessene Deutsche sich von besonders selbstbesessenen Politikern regieren ließen. Eine verhängnisvolle Zeit.

Der Journalist Ferdinand Knauß hat mit »Merkel am Ende« ein sehr lesenswertes Buch geschrieben. Kein Merkel-Hasser-Buch, sondern eines, das erklärt, warum ihre Partei und schließlich die ganze deutsche Gesellschaft sich so lange von dieser Frau führen ließen und – wie es im Untertitel heißt – »warum die Methode Angela Merkels nicht mehr in unsere Zeit passt«. Knauß hackt nicht auf der Person Merkel herum, sondern analysiert glasklar die Gegebenheiten in diesem Land und der CDU seit 1990, die Merkel ausbeutete, um an die Macht zu kommen und sie zu halten. Als Leser lernt man also nicht so sehr diese eine Frau kennen, sondern das gegenwärtige Deutschland.

Das Buch besteht aus vier Kapiteln. Im ersten beleuchtet Knauß vor allem die Situation der CDU in der Spätphase Merkels seit 2015: Die ersten zaghaften Aufstandsversuche, die bizarren Klatschorgien nach Merkels Parteitagsreden, schließlich ihr taktisch extrem schlauer »Abwehrsieg« im Koalitionsstreit des Sommers 2018. Die Funktionsärselite der CDU, so wird klar, ist politisch orientierungslos und ließ sich von Merkels Macht fesseln. Natürlich ist das Buch an dieser Stelle nicht mehr ganz aktuell. Aber gerade das plötzliche Aufblühen der Diskussionen und der Konkurrenz um den Parteivorsitz nach Merkels Ankündigung, nicht mehr anzutreten, zeigen, dass Knauß‘ Analyse einer von Merkel ausgezehrten Partei zutrifft. Knauß‘ Erwartung, dass die CDU »wieder die alte wird, nämlich die Deutschland-Partei, die Partei der marktwirtschaftlichen Ordnung und die Partei der inneren Sicherheit«, kann man allerdings bezweifeln.

Nach dem Rückblick auf Merkels ernüchternde Bilanz im zweiten Kapitel erklärt Knauß im dritten Kapitel, was eigentlich die tieferen Gründe für den Erfolg von Merkel sind. Das ist der interessanteste Teil. Seine These: Merkel ist eine »unpolitische Politikerin«. Knauß glaubt nicht, dass Merkel eine echte Agenda hat. Sie ist keine verkappte Ideologin und will vielleicht auch nicht unbedingt bewusst den Untergang Deutschlands. Knauß‘ Erklärung für Merkels Motive ist aber weder entschuldigend noch erleichternd: Was langfristig aus diesem Land wird, ist ihr eigentlich egal, wichtig war und ist ihr, so Knauß‘ These, nur die Macht. Und für die hat sie sich optimal angepasst an die Stimmungslage der Deutschen. Dafür »verhökert« sie das »CDU-Tafelsilber«, gibt also Positionen auf, um sich Koalitionspartner gefügig zu machen und politische Diskurse einzuschläfern. Ob Eurokrise, Energiepolitik oder Einwanderung: Merkelismus bedeutet, so Knauß, »politische Substanz« zu »verzehren«. Und darum sei das Land nicht stärker, sondern schwächer geworden. KnaußFazit: »Merkel wird kein bestelltes Haus hinterlassen.«

Wie konnte es so weit kommen? Knauß erklärt den Aufstieg Merkels so: »In den 1990er-Jahren, als Angela Merkel und jene, die heute mit ihr regieren, ihren Aufstieg im Politikbetrieb schafften,… herrschte die heimelige Windstille nach der postpolitischen Revolution. Diese Flaute der Geschichte bot perfekte Bedingungen für eine Kapitänin, die aus dem Nichts kam und das Schiff nirgendwohin segeln wollte. Kapitänin zu sein, war und ist ihr genug.«

Knauß setzt diese »Windstille«, in der sich die westlichen Länder und vor allem Deutschland seit 1990 und bis vor einigen Jahren befanden, mit dem weitverbreiteten Gefühl gleich, nach dem Untergang des Kommunismus am vermeintlichen Ende der Geschichte angekommen zu sein: »Solange der Traum von einer als alternativlos und endgültig empfundenen Ordnung den Deutschen als Wirklichkeit erscheint; solange also die Frage nach ihrem Wohl ihnen eine verwaltungstechnische Frage des Managements und des Vermittelns guter Gefühle zu sein scheint; solange der Traum von einer Welt ohne Gegnerschaft und fundamentale Bedrohungen realisierbar wirkt und daher nicht mehr wir und sie, sondern gut und böse als entscheidende Kategorien der Politik erscheinen, so lange hält man das Politische für verzichtbar und den Merkelismus für den passenden Politikersatz.«

Aber mit dieser Illusion, so Knauß schließlich im abschließenden vierten Kapitel, sei es für immer mehr Deutsche vorbei. Spätestens mit der Flüchtlingskrise hat sich die Geschichte zurückgemeldet. Auch in Deutschland steigt wie in anderen Ländern das Bedürfnis nach Schutz. »Die Aussicht, etwas zu verlieren, verleitet eine wachsende Zahl von Europäern und Amerikanern dazu, neue politische Bewegungen zu wählen, die ihnen Schutz vor Verlusten versprechen. Die etablierten Parteien und gesellschaftlichen Eliten erscheinen ihnen dagegen als Schönredner oder gar Beschleuniger bedrohlicher Veränderungen.«

Knaußʼ Buch entlarvt den Merkelismus als einen Politikersatz, der widrige Wirklichkeit hinter verwirrenden Reden verschleiert, der die Grundlagen dieser Gesellschaft zu Machtzwecken schonungslos ausbeutet und kulturelles Kapital vernichtet. Wer Durchblick und geistige Orientierung sucht angesichts der krisenhaften Verhältnisse, die in Merkels Regierungszeit aufkamen, wird dieses Buch mit Gewinn lesen.

 

QUELLEBild: imago
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