Merkels Büroleiterin Beate Baumann zieht die Strippen der Macht

Die Schattenkanzlerin

Neulich fuhr der Berliner ›Spiegel‹-Reporter und Buchautor Markus Feldenkirchen (»Die Schulz-Story«) am Bundeskanzleramt vorbei – »zu später Stunde«, wie er in seiner Kolumne in dieser Woche auf Seite 8 des Hamburger Gerüchte-Magazins anmerkt. Er blickte hinauf in das siebte Stockwerk, zu dem großen Glasfenster, hinter dem sich das Büro von Angela Merkel (CDU) befindet. Es brannte noch Licht – in der Regel ein Zeichen dafür, dass noch jemand da ist.

Feldenkirchen ist sich dessen allerdings nicht mehr so sicher. Das Kanzlerbüro wirke zunehmend so, als habe Merkel einfach das Licht angelassen, »um Tätigkeit zu simulieren«. Ein durchaus zutreffender, wenn auch nicht ganz neuer Befund.

Die Büroarbeit, wozu vor allem das intensive Aktenstudium gehört, hat Merkel, der selbst nahestehende CDU-Leute eine »gewisse Faulheit« nachsagen, schon all die Jahre jemand anderes machen lassen. So gesehen könnte man sogar zu dem Schluss kommen, dass Deutschland seit 2005 in Wirklichkeit von Beate Baumann »regiert« wird.

Die 53-Jährige ist nicht nur Merkels Büroleiterin, sondern auch ihre einflussreichste Beraterin seit den frühen 90er-Jahren, damals noch in Bonn. Manche sagen, Baumann sei »die Architektin« von Merkels Kanzlerschaft.

Man könnte sogar noch ein Stück weiter gehen: Baumann ist Deutschlands Schattenkanzlerin!

Meist unsichtbar, doch stets präsent: Angela Merkels (CDU) Büroleiterin Beate Baumann

Wer ist die Frau, die seit zwei Jahrzehnten als »Graue Eminenz« im Hintergrund die Strippen zieht? Eine Person, die es eigentlich gar nicht gibt. Denn: Beate Baumann gewährt keine Interviews, sie hält keine Reden, sie tritt so gut wie nie öffentlich auf. Die wenigen Fotos, die von Baumann existieren, zeigen sie an der Seite Merkels oder dahinter.

Beate Baumann, das Phantom der Macht, ist Merkels Schatten – im doppelten Sinne des Wortes. Sie ist nicht nur Aktenträgerin, sondern die engste Vertraute und zugleich Merkels wichtigste politische Strategin – als Beraterin und Spindoktorin. Sie ist Planerin und Coach, Kritikerin, Filter und Warnsystem.

Baumann berät nicht nur, sie gestaltet aktiv. Nicht zögerlich, sondern resolut, heißt es. Sie sei für die »Tonalität« der Kanzlerschaft zuständig, sagte sie selbst einmal. Was für eine verräterische Wortwahl! Weil »Tonalität« einfach alles umfasst – von der Partitur bis zum Orchester und Dirigenten. Den ganzen Merkel-Kosmos also.

Baumann ist, wenn sie es für nötig hält, auch Merkels Gouvernante. »Wie konnten Sie nur so etwas sagen!«, zischte sie ihre »Chefin« einmal vor Zeugen an. Merkel, die damals noch Umweltministerin unter Helmut Kohl (CDU) war, hatte bei schwierigen Klimaverhandlungen in New York mitten in der Nacht die Kontrolle über sich verloren und war in Tränen ausgebrochen. Da schnauzte Baumann sie an: »Nun reißen Sie sich mal zusammen!« (oys)

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