Merz, ick hörʼ dir trapsen

Eine in England beliebte Form der Spezialwetten sind Vorhersagen auf politische Ereignisse. Schade, dass diese Variante des Zockens hierzulande kaum angeboten wird. Der Kolumnist würde sonst 5.000 Euro auf drei Buchstaben setzen: AKK. Wenn nicht alles täuscht, ist im CDU-Machtk(r)ampf das Rennen so gut wie gelaufen. Das jedenfalls sagen alte Parteitagshasen, die das Ohr dicht an der Delegiertenbasis haben.

Der Merz-Hype hat spürbar an Schwung verloren. Dazu tragen zum einen aktuelle Umfragen bei, wonach sich die Wählerstimmung zugunsten des Merkel-Klons Annegret Kramp-Karrenbauer gedreht hat – ein nicht ganz unwichtiger Faktor für die 1.001 Delegierten auf dem Hamburger CDU-Parteitag in knapp drei Wochen. Zum anderen setzt die taktisch gewiefte Saarländerin demonstrativ konservative Akzente, um Merz das Wasser abzugraben. Das hat auch bei der innerparteilich einflussreichen Senioren-Union verfangen, die sich nach DK-Informationen hinter Kramp-Karrenbauer schart (die Frauen-Union sowieso).

Dabei ist das medienwirksame Wortgeklingel des Merkel-Klons um ein dauerhaftes Wiedereinreiseverbot für schwerkriminelle Asylbewerber nicht nur eine bare Selbstverständlichkeit, sondern auch eine wohlfeile Kostet-mich-Nix-Forderung, solange die Grenzen sperrangelweit offen stehen.

Merz hat seine Truppen vor allem auf dem Wirtschaftsflügel und unter der Jungen Union. Aber auch das ist keine sichere Bank. Entgegen dem äußeren Anschein ist das Verhältnis zwischen Merz und Fraktionsvize Carsten Linnemann, dem mächtigen CDU-Mittelstandschef, nicht das beste. Und auf die JU-Opportunisten war noch nie Verlass. Sie haben ihr Fähnchen noch immer nach dem Wind gehängt.

Hinzu kommt der mit Blick auf die Delegiertenstimmung nicht zu unterschätzende in seiner Gesamtwirkung eher negative ›Spiegel‹-Titel vergangene Woche. Artikel und Fotostrecke lassen Merz wie einen Dunkelmann aus der Finanzwelt erscheinen. Unter der Überschrift »In der Businessclass« kommt das Hamburger Magazin dann auch schnell zum Wesentlichen: Merz sei »ein Risikokandidat, nicht nur wegen seiner Millionengeschäfte in der Finanzbranche, sondern auch wegen seines aufbrausenden Temperaments.« Geradezu heimelig liest sich die nachfolgende Story an: »SʼAnnegret«. Der Sauerländer scheint zu ahnen, dass ihm die sicher geglaubten Felle davon schwimmen; dass die wichtige mittlere CDU-Funktionärsebene nach langen Merkel-Jahren im Zweifel linksgrün tickt. Anders ist kaum zu deuten, dass ›Bild am Sonntag‹ (›BamS‹) diese von wem auch immer lancierten Zeilen druckte: ›In dieser Woche klingelte das Telefon von Cem Özdemir (52). In der Leitung: Friedrich Merz. Der Konservative und der Grüne kennen sich schon lange. 1994 zogen beide erstmals in den Bundestag ein. Auch nach Merz’ Rückzug aus der Politik 2009 hielten sie sporadisch Kontakt. Jetzt schlug Merz Özdemir ein Treffen vor, die beiden verabredeten sich zum Abendessen.‹«

In der »Mitte« ist die linksgrüne Merkel-CDU schon lange nicht mehr. In Berlin wird darüber spekuliert, dass Jens Spahn (re.) seine Kandidatur auf dem Hamburger Parteitag zugunsten von Friedrich Merz in letzter Minute zurückziehen könnte

Die Grünen von heute seien »sehr bürgerlich, sehr offen, sehr liberal und sicherlich auch partnerfähig«, zitierte ›BamS‹ den angeblich unbeugsamen Konservativen. Im ›Westdeutschen Rotfunk‹ (WDR) entblödete sich der Kandidat nicht, das linksgrüne Narrativ vom angeblichen Antisemistismus der AfD zu übernehmen und verstieg sich zu der absurden Behauptung, die AfD sei eine »nationalsozialistische Partei«. Frei nach der sprichwörtlichen Berliner Schnauze könnte man auch sagen: »Merz, ick hörʼ dir trapsen.«

Drucken