Über die anhaltende Empörung, dass EU-Ausländer wie Bulgaren und Rumänen für ihre im Heimatland zurückgelassenen Familien Kindergeld nach Maßgabe der in Deutschland geltenden Sätze kassieren, ist ein anderes Thema fast in Vergessenheit geraten: Die deutsche Krankenversicherung zahlt auch die Behandlungskosten für Millionen von in der Türkei lebenden Türken!

Kennen Sie das deutsch-türkische Sozialabkommen? Nein? Dann sollten Sie einmal genau lesen!

Die Bundesrepublik hat bereits 1964 mit der Türkei ein Sozialabkommen geschlossen. Durch diese Übereinkunft sind in der Türkei lebende Angehörige von in Deutschland krankenversicherten Türken kostenlos mitversichert.

Wie viele der ungefähr 1,5 Millionen in Deutschland lebenden Türken mit türkischer Staatsangehörigkeit Sozialversicherungszahlungen für ihre Familien in der Türkei in Anspruch nehmen, ist angeblich nicht erfasst. Der Bundesregierung liegen also zumindest offiziell keine Zahlen darüber vor, wie viele Familienangehörige in der Türkei bei deutschen Krankenkassen mitversichert sind.

Experten schätzen allerdings, dass es mehrere Millionen sind!

Die öffentlich weitgehend in Vergessenheit geratene Regelung war in einer Zeit entstanden, als Deutschland türkische Gastarbeiter mit dem Lockmittel einer kostenlosen Rundum-Krankenversicherung anwarb. Die mitversicherten Personen haben jedoch niemals in das deutsche Sozialsystem eingezahlt.

Um komplizierte Abrechnungen mit hohem Verwaltungsaufwand zu vermeiden, bezahlt die deutsche gesetzliche Krankenkasse Monatspauschalen für alle in der Türkei gemeldeten Familien. Der Monatspauschalbetrag wird je Familie gezahlt und jedes Jahr neu zwischen der Türkei und Deutschland vereinbart.

Wie viele Angehörige pro Familie angemeldet sind, ist für die Zahlungen unerheblich. Egal ist auch, ob und in welchem Umfang tatsächlich Leistungen in Anspruch genommen wurden. »Es liegt in der Natur von Pauschalbeträgen, dass diese mal vorteilhafter und mal nachteiliger für die beteiligten Träger sind«, so die lapidare Auskunft des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales.

2016 ist das letzte Jahr, für das laut Bundesregierung eine vorläufige Abrechnung über die gezahlten Pauschalbeträge vorliegt. Demnach wurden im Berichtsjahr für das deutsch-türkische Sozialversicherungsabkommen 12,3 Millionen Euro ausgegeben –
4,4 Millionen für die in der Türkei wohnenden Familien von Versicherten und 7,9 Millionen Euro für Rentner und ihre Familien.

Die Regelung für sogenannte Auslandsdeutsche dagegen fällt weniger großzügig aus. So werden zum Beispiel Zusatzrenten aus ehemaligen Bundesangestelltentarifverträgen (BAT) häufig nicht ausgezahlt, wenn der Anspruchsberechtigte im Ausland wohnt. Viele Deutsche, die als Rentner in ein Billigland ausgewandert sind, weil sie dort von ihrer schmalen Rente vergleichsweise gut leben können, haben das Nachsehen.

Auch verlieren deutsche Rentner, die außerhalb der EU leben, ihren Kranken- und Pflegeversicherungsschutz. Dies, obwohl sie ein Leben lang in die Sozialkassen eingezahlt haben!

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