Opferfamilie und Anwalt entsetzt:

Staatsanwaltschaft stuft Gleismord von Frankfurt nur als Totschlag ein

Die Horrortat Ende Juli am Frankfurter Hauptbahnhof erschütterte ganz Deutschland: Soll der Täter – er stieß mit voller Absicht einen achtjährigen Jungen und dessen Mutter vor einen einfahrenden Zug – wenn überhaupt nur wegen Totschlags belangt werden?

Die Staatsanwaltschaft stuft den gewaltsamen Tod eines achtjährigen Jungen am Frankfurter Hauptbahnhof im Juli 2019 als Totschlag ein – nicht als Mord. Das geht aus der Antragsschrift für das Landgericht hervor, wo demnächst der Prozess beginnt. Der Rechtsanwalt, der die Eltern des getöteten Kindes vertritt, ist entsetzt: »Es war ein heimtückischer Mord!«

Der als psychisch gestört eingestufte Täter, ein 40-jähriger Mann, der 2006 aus Eritrea in die Schweiz migrierte und dort 2008 ein Asylgesuch bewilligt bekommen hatte, stieß am Frankfurter Hauptbahnhof einen acht Jahre alten Jungen und dessen Mutter vor einen einfahrenden ICE. Der kleine Leo starb im Gleisbett, seine Mutter konnte sich in letzter Sekunde retten.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main stuft die grausame Tat nur als Totschlag ein, nicht als Mord, berichtet ›Focus Online‹ exklusiv. Das gehe aus der Antragsschrift der Behörde vom 28. November 2019 hervor, die ans Landgericht Frankfurt geschickt wurde. Dort soll demnächst der Prozess um den gewaltsamen Tod des Jungen beginnen. In dem Papier heißt es, dass der mutmaßliche Täter Habte A. einen Menschen getötet habe, »ohne Mörder zu sein«, berichtet das Magazin weiter.

Anwalt: »Klassischer heimtückischer Mord. Klassischer geht es gar nicht!«

»Ich habe die Einstufung der Staatsanwaltschaft mit großer Verwunderung zur Kenntnis genommen und kann sie nicht nachvollziehen«, so der Rechtsanwalt der Familie des Jungen, Ulrich Warncke, gegenüber ›Focus Online‹. Sowohl er als auch die Eltern des getöteten Kindes seien immer von Mord ausgegangen. »Wenn jemand sein Opfer von hinten mit Anlauf vor einen einfahrenden Zug stößt, dann ist das ein klassischer heimtückischer Mord. Klassischer geht es gar nicht!«, stellt der Anwalt fest.

Am Tatmorgen soll der Angeklagte am Bahnhofsgleis gezielt eine schwache Person ausgesucht haben. Videoaufnahmen hielten den Vorfall fest. Er versteckte sich erst hinter einer Säule am Hauptbahnhof Frankfurt und griff dann an. Er stieß den Jungen, seine Mutter sowie eine ältere Frau auf die Gleise. Die Staatsanwaltschaft hat gegen den 40-jährigen Eritreer keine Anklage erhoben, sondern eine Antragsschrift zur dauerhaften Unterbringung in der Psychiatrie eingereicht. Laut einem psychiatrischen Gutachten soll der Mann an einer paranoiden Schizophrenie leiden. Der Gutachter geht davon aus, dass der mutmaßliche Täter zur Tatzeit schuldunfähig war.

Der Anwalt der Familie des getöteten Jungen will das psychiatrische Gutachten nun genau prüfen. Er will herausfinden, »ob die Tat tatsächlich im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung zu sehen ist«. Gibt es Zweifel, wird er ein eigenes Gutachten beantragen.

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