Papa emeritus Benedikt XVI., eine Jahrhundert-Figur:


Peter Seewalds profunde und gewaltige Lebenserzählung des deutschen Papstes

von Matthias Matussek

Wenn einer berufen war, diese Benedikt-Biografie vorzulegen, dann wohl nur der Journalist, der offen genug war, sich entzünden lassen: Peter Seewald, Jahrgang 1954, hatte 1992 den damaligen Kardinal Joseph Ratzinger, Chef der Glaubenskongregation, die früher »Inquisition« genannt wurde, im Auftrag der ›Süddeutschen Zeitung‹ besucht, um das Bild nachzuprüfen, das die Zeitungen über ihn als Fürsten der Finsternis gepinselt hatten – und er war eingefangen von einem großen Geist, der ihm lächelnd auf den Weg zurück in den Glauben half und den in die Kirche, aus der er, der links-intellektuelle Bescheid-Wisser der 68er-Generation, längst ausgetreten war.

So sehr hatte sich der katholisch aufgewachsene Peter Seewald erneut von der Schönheit und der Vernünftigkeit von Joseph Ratzingers Katholizität überzeugen lassen, dass er mehrere Interviewbücher mit ihm, dem Theologen und späteren Papst Benedikt, führte. Bücher, die sicher der journalistischen Recherche dienten, die aber zugleich so wundervolle Lehrgespräche waren, dass sie in über 30 Sprachen übersetzt zu Weltbestsellern wurden.

Seewald gewann das Vertrauen dieses eher schüchternen und mit Grund misstrauischen Theologen, der so oft verzeichnet wurde. Und er gewann Einblick in den einzigartigen Lebens- und Glaubensroman dieses Sohnes eines einfachen Gendarmen aus dem Nest Marktl am Inn, dass er nun dieses monumentale 1.300-Seiten-Werk präsentieren konnte. Eine Biografie als breites und unglaublich spannend erzähltes Epochenbrausen.

Autor und Biograph Peter Seewald

Kurios eine erste hingeschluderte Rezension in der ›FAZ‹, die bestätigt, was die routinierten antirömischen Plappereien der Redaktion bei jeder Gelegenheit wiederholen wie eine Platte mit Sprung: Dass sich der einst fröhlich-progressive Theologe und inspirierte Dogmenstürmer des Zweiten Vatikanischen Konzils unter dem Eindruck der 68er-Revolte, die auch ins theologische Seminar in Tübingen schwappte, verhärtet und zum Reaktionär verfinstert habe. Biograf Seewald habe diesen Wandel unzulänglich erklärt. Nun, es gibt einen einfachen Grund: Er hat nicht stattgefunden! Ratzinger blieb sich und seinen Überzeugungen treu.

Sicher hatte das Benedetto-Fieber, das nach seiner Wahl durch das Konklave 2005 ausgebrochen war (»Wir sind Papst«) und mit dem Weltjugendtag in Köln einen glänzenden Gipfel erreicht hatte, einen lächelnden (wenn auch wie stets scheuen und bescheidenen) Theologen Ratzinger an der Spitze der Una Sancta erlebt, doch seine Theologie hatte sich seit seinen Studientagen keinen Deut verändert.

Papa emeritus Benedikt XVI.

Und es ist der Verdienst Seewalds, genau das auf den ersten 500 Seiten seines penibel recherchierten und unglaublich tiefschichtigen Glaubenskrimis darzustellen, klug, plastisch, ausführlich. Wie merkwürdig, dass der Rezensent »Jansen«, also keiner der drei eingeschworenen Kirchen-Abrissunternehmer der ›FAZ‹ (Deckers, Geyer, Bahners), genau das nicht bemerkt haben sollte. Eines wird klar: Joseph Ratzingers durch die »Confessiones« des Hl. Augustinus geprägte Theologie des persönlich erlebten Glaubens, die er mit altgriechischer Vernunftsphilosophie in schönster Harmonie zu verbinden verstand, gleichzeitig die Hinzunahme des »Catholicisme« von Henri de Lubac, die Anstöße durch den Protestanten Karl Barth, die Einflüsse von Urs von Balthasar und anderen Konzilsbegeisterten, all das kommt in jener irreführenden Rezension nicht vor, ja, der Schlüsselname Augustinus wird gar nicht erwähnt.

Dabei gehören zu den spannendsten Kapiteln gerade jene, in denen Seewald den Lektüren des jugendlichen Seminaristen nachspürt, der seine Umgebung als absoluter Superstar der schnellen Auffassungsgabe, der Schönheit im Ausdruck, des trockenen Witzes und der umfassenden Bildung beeindruckt. Seewald arbeitet ganze Buchlisten durch, um sich in den Kopf Ratzingers einzudenken.

Sein Doktorvater, der Rheinländer Söhngen will wissen: Wer sind die Christen nun? »Volk Gottes«, wie sie Augustinus nennt, oder »mystischer Leib Jesu«, wie Paulus sie definiert? Joseph Ratzinger liest die Kirchenväter penibel, doch auch, für seine Habilitation über die Eschatologie die mittelalterlichen Endzeitvisionen von Joachim de Fiori und Bonaventura. Als die Arbeit aufgrund einer Kabale vom Co-Gutachter abgelehnt wird, färbt sich Joseph Ratzingers Haar über Nacht weiß, denn er hat schon die alten Eltern zu sich in den Hochschul-Ort geholt. Er wird seine Habilitation dank eines Geistesblitzes im Verfahren doch noch erhalten, aber im Alter begrüßte er diese Brüskierung als wichtige Lebenslehre. Es ist nicht gut, wenn alles zu glatt geht.

Er wird also habilitiert, ist nicht nur der jüngste Doktor, sondern auch der jüngste Professor der Theologie. Seine Vorlesungen sind derartig überfüllt, dass sie in weitere Räume übertragen werden. Er erhält einen Ruf nach Bonn, bis die Universität in Münster ihn abwirbt, dann der Ruf nach München zur Bischofsweihe. Auch hier ist der so stille, aber mittlerweile weltbekannte Theologe der jüngste.

Wie Seewald diesen Kometenaufstieg schildert, aber auch innere Tumulte und Stationen wie die wunderschön erzählte Primiz, die Priesterschaft, das Handauflegen des greisen Kardinals, die Freude im Nest Hufschlag, die Girlanden, die Freunde, denen der mittlerweile 93-Jährige treu bleibt bis heute.

Bedeutsam für Seewald (und den Leser) ist, dass Joseph Ratzinger am 16. April 1927 zur Welt kam, einem Karsamstag, dem Tag vor Ostern, an dem bereits, nach einer Verfügung von Papst Pius XII. die Osterliturgie gefeiert wird. »… abgestiegen in das Reich des Todes. Am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel …«. Karsamstag, dieser Zwischentag. Gott ist tot. Doch schon in ein Vorglänzen des Osterwunders getaucht.

Seewalds Biografie ist eingebettet in diese Beobachtungen und Reflexionen über den Glauben, der zunächst geprägt ist von der Volksfrömmigkeit eines einfachen Gendarmen ohne höhere Schulbildung.

Seewalds Entwicklungsroman bringt eindrücklich die Armut, aber auch den stolzen Widerstand der Ratzingers gegen die braune Brut, er schildert die giftigen Verfügungen der Bonzen, auch die obszönen Hakenkreuz-Anbiedereien der protestantischen Kirche, und vergisst nicht die Boshaftigkeit einer Bischöfin Käßmann zu erwähnen, die der Katholischen Kirche in ihrem »Antijudaismus auch Antisemitismus« vorwerfen wird – das sagt ausgerechnet die sehr fragwürdige Vertreterin der Lutherkirche, deren Stifter im Kampf gegen die Juden das Drehbuch der Nazis vorgegeben hat: Totschlag und Vertreibung, Synagogen- und Bücherverbrennungen.

Die evangelischen Deutschchristen feiern Hitler als Messias, nur die Märtyrer der bekennenden Kirche um Bonhoeffer leisten Widerstand.

Bereits gegen Kriegsende steht der Entschluss der Brüder, die in die HJ gezwungen werden, sich jedoch dem Befehl zur SS (im Gegensatz zu manchen anderen) widersetzen, Priester zu werden, fest.

Es ist unmöglich, die Überraschungen in dieser Biografie annähernd auszuschöpfen. Mir jedenfalls war es neu, dass sowohl Johannes XXIII. wie Paul VI. bereits Wege erkunden ließen, vom Papst-Amt zurückzutreten. Und selbstverständlich laden die gesammelten Angebereien und Gemeinheiten des Sportwagenfahrers Hans Küng im Nachhinein zum Schmunzeln ein und Trouvaillen wie diese des Kardinal Ottaviani, Chef der Glaubenskongregation, der seufzte: »Ich bete zu Gott, dass ich vor dem Ende des Konzils sterben kann – so kann ich wenigstens als Katholik sterben.«

Hierzu ein wichtiger Nachsatz: Sehr plausibel untermauert Seewald das wahrscheinlich wichtigste theologische Bekenntnis von Benedikt XVI. – nämlich seine Treue zum rechtverstandenen Geist des 2. Vaticanums, dem es darum ging, den Christusglauben in eine neue Zeit hinein zu retten, ja diesen neu zu beflügeln – statt ihn zu entleeren.

 

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ISBN: 978-3-426-27692-1

Peter Seewald:
Benedikt XVI.
Ein Leben

Preis: € 38,00
Umfang: 1184 Seiten
Verlag: Droemer HC
Sprache: Deutsch

 

Matthias Matussek

ist preisgekrönter Reporter und Bestsellerautor, war 26 Jahre lang für den ›Spiegel‹ tätig, bis er sich 2014 entschloss, das Neue zu wagen – er wechselte zu Springers ›Welt‹. Doch dort spürte er schnell, wie sehr ideologische Haltungen und die freiwillige Selbstzensur einer neuen Generation von Journalisten die Presselandschaft verändert haben: Die Zusammenarbeit wurde nach siebzehn Monaten beendet. Seither arbeitet er als freier Autor u. a. für die ›Weltwoche‹, den ›Focus‹ sowie ›Tichys Einblick‹ und den Deutschland Kurier

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