Parteienwerbung zur EU-Wahl

Dicht daneben ist auch vorbei!

Alles wissen‘s, aber niemand tut etwas dagegen: Die Wahlbeteiligung bei den kommenden EU-Wahlen wird nochmals massiv tiefer ausfallen. Das ist nicht erst seit heute bekannt. Grund genug also für die Parteien und ihre Werbefachleute, um großes Kino, Emotionen, bewegende Bilder und Botschaften zu liefern, damit die Wählerinnen und Wähler doch noch hinter dem Ofen hervorgelockt werden können. Doch was passiert an den Plakatsäulen? Tristesse und Dilettantismus … Urteilen Sie selbst:


CDU

Ein vermummter Mann und eine ängstliche Frau – die CDU geht mit dem Thema »Sicherheit« auf Wählerfang. Die Gestaltung ist aber etwas konfus und wirr. Zwei verschiedene Bilder und damit zwei verschiedene Botschaften sind eine zu viel. Zudem suggeriert das Plakat auf den ersten Blick, dass die Frau vor dem verhüllten Mann Angst hat, erst bei genauerem Betrachten ist zu erkennen, dass die Frau besorgt auf einen Bildschirm sieht. Doch was sieht sie? Ihren negativen Kontostand aufgrund der hohen Steuern? Ihr schrumpfendes Sparguthaben aufgrund der Negativzinsen? Oder ist es doch das letzte Video von Bundeskanzlerin Merkel, das ihr Sorgen bereitet? Zu verstehen wären alle Gründe! Liebe CDU-Werber: Ihr werft mehr Fragen auf und gebt zu wenig Antworten. Sicherheit vermitteln geht anders!

Setzen, 5!


SPD

Sehr plakativ und gekonnt kommt die Wahlwerbung der SPD daher: Frieden – Gleichstellung – Klimaschutz – Miteinander – Zusammenhalt – so lauten die Schlagworte der SPD. Und, was darf nicht fehlen? Natürlich: Trump! Wie verzweifelt muss eine Partei sein, um mit dem bereits hundert Mal ausgelutschten Trump-Bashing Wählerstimmen für sich zu gewinnen? Genauso wie die SPD eines Trumps überdrüssig ist, so ist der Wähler die ewige Trump-Verhunzung leid. Der Schuss geht nach hinten los. Schade, denn aus werblicher Sicht ist die SPD-Kampagne erfrischend klar und verständlich.

Nachbessern: 3.


FDP

Ja, liebe FDP, gute Frage: »Wie soll Europa vorankommen, wenn Deutschland stehen bleibt?« Wie soll Europa vorankommen, wenn es mit der FDP bergab geht? Denn genau das signalisiert das FDP-Plakat: Eine FDP-Spitzenkandidatin auf dem Weg nach unten! Denn, wohin geht Nicola Beer? Wohin führen die Linien im Hintergrund? Nach unten. Will die FDP so »Europas Chancen nutzen«? So viel Ehrlichkeit ist aber auch wieder entwaffnend. Die FDP glaubt selber nicht an Europa und vor allem nicht an sich selbst! Da bleibt nur eines – der Abgang durch die Kellertür.

Ganz schwach: 6!


Bündnis 90/Die Grünen

Man mag ja von der EU halten, was man will. Tatsache ist: Es geht, sorry, es sollte um die Zukunft von über 500 Millionen Menschen gehen, um Sicherheit, Arbeitsplätze, die sinnvolle Verwendung eines milliardenschweren EU-Haushaltes. Und was machen die Grünen aus dieser verantwortungsvollen Wahl? Eine Bienenfrage! Klar, ich bin auch für den Schutz der Bienen. Und auch für den Schutz der Wiesen! Aber ist das angesichts der Probleme, vor denen die EU steht, nicht etwas kindlich-naiv? Ist der Schutz der Bienen die Antwort der Grünen auf das Demokratie-Defizit der EU, auf Zentralisierung der Politik in Brüssel? Auf die Finanzkrise und Negativzinspolitik? Auf Migration und Digitalisierung? Liebe Grünen-Werber, legt Pampers und Schnuller weg und widmet euch den zentralen Problemen der Menschen! Und: Ein Plakat ist kein Inserat! Ab 3 Worten wird jedes Plakat unleserlich …

Note: 6!


Die Linke

Was würden wir machen, wenn es die Linke nicht gäbe? Man müsste sie erfinden, damit uns endlich einmal jemand sagt, dass die Rechten die Bösen sind. »TU WAS GEGEN RECHTS! – Solidarität statt Hetze« plakatiert die Linke und macht sich damit selber zum Hetzer! Haters gonna hate … Und auch von der Machart kann das Plakat wenig überzeugen: Heißt »Solidarität zeigen« jetzt zu Pinsel und Farbtopf greifen und alles bunt anmalen? Antisemitismus, extremistische Anschläge und Gewalt gegen linke und rechte Politiker lassen sich nicht mit einem Pinselstrich wegwischen.

Note: 4.


AfD

Um Gottes willen! Haben es die Medien sowie alle anderen Parteien geschafft, die AfD kommunikativ zu kastrieren? Harmloser, nichtssagender, technokratischer und emotionsloser geht es ja nun wirklich nicht mehr! Und das soll, will die Oppositionspartei in Deutschland sein – dann mal gute Nacht! Die grafischen Elemente, in kalten Blautönen gehalten, vermitteln Kreissaal-Atmosphäre. Die Aussage »EU-Steuern verhindern!« ist derart technokratisch und weit weg, dass sie niemanden bewegt und berührt. Und das einzig emotionale und verblüffende Element, der gelbe Post-it mit der Botschaft »Denkzettel«, ist so klein gestaltet, dass es übersehen wird.

Note: Nicht bewertbar, sorry!

Alexander Segert

geboren in Hamburg, seit 1985 in der Schweiz lebend, ist einer der profiliertesten Kommunikationsberater, Trainer und Werber für Wahlen und Abstimmungen mit Mandaten in vielen Ländern Europas.

Drucken