Pauls Breitband-News:

Videospiele – ein völlig unterschätzter Markt

Von »einsamen Dicken«, »Ballerspielen« und einem Milliardenmarkt – warum »Games« die Aufmerksamkeit der Politik verdienen

Der Wirklichkeit entwöhnte »Nerds« oder »Dicke«, die einsam »Ballerspiele« spielen oder sich in »rechten« Chats rumtreiben und deshalb in den »Blick genommen« werden müssen (CSU-Seehofer) – diese Pauschalurteile sind weit verbreitet. Leider auch oder gerade unter Konservativen. Dabei spielt auch längst ein signifikanter Teil der über 50-Jährigen regelmäßig digital. Auch die Spiele haben sich entwickelt, manche sind längst spiel- und erfahrbare Literatur, die anspruchsvolle Aufgaben und Herausforderungen bieten. In »Call of Cthulhu« z. B. ermittelt man als Detektiv in den fantastischen Welten des Großmeisters der Horror-Literatur, H. P. Lovecraft, in »Mittelerde: Mordors Schatten« kämpft man auf Tolkiens Mittelerde. Nahezu originalgetreu eröffnet sich in »Kingdome Come: Deliverance« dem Spieler Gesellschaft und Landschaft des spätmittelalterlichen Böhmens. Die Detailversessenheit kennt hier kaum Grenzen: Der Spieler erlebt Kirchen, Burgen und Dörfer im zeitgenössischen Zustand.

Computer- und Videospiele sind durchaus Kultur- und Wirtschaftsgüter. Zumindest Letzteres muss man – ganz gleich, was man von Spielen hält – anerkennen. Die deutsche »Games«-Branche setzte im Jahr 2018 über 4,4 Milliarden Euro um, das heißt: dreimal so viel wie die deutsche Musikindustrie und fünfmal so viel, wie die deutsche Kinobranche im gleichen Jahr. »Games« sind unangefochtene Platzhirsche auf dem Unterhaltungsmarkt. Die Produktion von »Red Dead Redemption 2«, einem erlebbaren Western, soll laut Branchenkennern zwischen 80 und 100 Millionen US-Dollar gekostet haben. Deutschland ist für »Games« der größte Markt Europas und der fünftgrößte weltweit. Die größte Spielemesse (»Gamescom«) der Welt, auf der auch die Bundeswehr um Nachwuchs wirbt, findet in Köln statt. Dennoch sinkt der Marktanteil heimischer Spiele kontinuierlich: 2017 wurden lediglich fünf Prozent des Umsatzes mit heimischen »Games« erwirtschaftet, 2018 waren es nur noch 4,3 Prozent.

Die Altparteien-Politik hat das bisher wenig interessiert. Sie wärmt gerne »Killerspiel«-Debatten der Neunziger auf. Politische Initiativen zu »Games« drehten sich deshalb meistens um Zensur und Kontrolle. Renate Künast forderte gar eine Anwendung des NetzDG auf Spiele. Eine Bundesförderung für Spieleentwickler gibt es aber jetzt immerhin: Die Mittel in Höhe von 50 Millionen Euro wurden erst zugesichert, dann gestrichen, ehe sie letztendlich doch wieder in den Haushalt aufgenommen wurden.

Die Branche kann mit dem Förderprozess jedoch wenig anfangen. Sie sagen: zu bürokratisch, zu wenig auf die Branche abgestimmt. Zwischen Juni und August 2019 bewarben sich ca. 380 Projekte. Seit September wurden aber nur 21 Bescheide erteilt. Die Entwickler dürfen nämlich erst nach Erhalt des Förderbescheides mit der Produktion ihres Spiels anfangen. Außerdem müssen die Antragsteller teils eine stundengenaue Planung pro Mitarbeiter abgeben und bei jeder extern zugekauften Leistung dokumentieren, dass die günstigste Variante gewählt wurde. Auf diese Weise lassen sich Spiele weder finanzieren noch produzieren.

Die Landesförderungen fallen indes sehr unterschiedlich aus. Vier von 16 Bundesländern, nämlich Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen und Rheinland-Pfalz förderten überhaupt nicht. Die Fördersummen in den anderen Ländern reichten von 100.000 Euro im Saarland bis hin zu 2,7 Millionen Euro in NRW. In Hamburg stehen im Jahr 2020 wieder Haushaltsmittel in Höhe von 500.000 Euro bereit.

Die AfD-Fraktion in Rheinland-Pfalz fordert die Etablierung einer regionalen »Games«-Förderung. Produkte, die über einen anspruchsvollen Kulturtest einen ausgeprägten Landesbezug und ihre Förderwürdigkeit nachweisen können, sollen vom Land in der Entwicklungsphase unterstützt werden. Bisher erschöpft sich das Engagement der Landesregierung auf die Veröffentlichung von Pressefotos von Malu Dreyer auf der »Gamescom« und bei Expertenrunden. Nahezu jedes Land hat ein gewisses Potenzial. Auch Rheinland-Pfalz liegt in der Hochschullandschaft. An insgesamt fünf Hochschulstandorten werden Studiengänge mit Bezug zur »Games«-Branche angeboten. Viele der hier ausgebildeten Programmierer und ITler werden das Land aber nach ihrer Ausbildung verlassen, weil es nicht genug attraktive Arbeitgeber gibt. Länderförderungen könnten aber dafür sorgen, dass sich Studios ansiedeln. Beispiel oder Vorbild (?) Polen: In keinem europäischen Land sind so viele »Games«-Unternehmen börsennotiert, ihr kumulierter Wert liegt bei sage und schreibe 7,5 Milliarden Euro. Eine politische Kraft, die auf die Digitalwirtschaft setzt, muss die Games-Wirtschaft mit in den Blick nehmen. Aber anders als Seehofer – eine politische Figur, die in vielfacher Hinsicht mit den politischen Vorstellungen der Achtziger die Gegenwart betrachtet.

Sie haben Fragen oder Anregungen? Schreiben Sie mir: joachim.paul@alternative-rlp.de

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