Pulverfass Nahost – Warum US-Präsident Donald Trump kein Interesse an einer Eskalation hat:

Der Krieg der Worte

Die Drohnenangriffe auf die wichtigste Ölraffinerie Saudi-Arabiens haben einen Krieg der Worte ausgelöst: Die USA seien »locked and loaded«, twitterte Donald Trump, was in etwa bedeutet: »Wir stehen Gewehr bei Fuß.«

US-Präsident Donald Trump (li.), der iranische Präsident Hassan Rohani, Militärparade in Teheran: Eine militärische Auseinandersetzung im Nahen Osten wünscht derzeit keiner der Verantwortlichen

Tatsächlich will der US-Präsident eine militärische Eskalation unbedingt vermeiden. Die Lunte für einen Krieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, in den unweigerlich auch die USA und Russland involviert wären, scheint nach den verheerenden Drohnenangriffen auf die wichtigste Ölraffinerie der Saudis zwar gelegt. Aber noch glimmt sie nicht – auch wenn US-Präsident Trump die Tonlage weiter verschärfte:

»Es sieht danach aus«, dass der Iran hinter den Angriffen stecke, sagte Trump am Montag in Washington. Zugleich betonte er, dass die USA keinen Krieg mit Teheran wollten, und machte einen Vergeltungsschlag von »definitiven Beweisen« abhängig.

Politische Beobachter in Washington glauben deshalb, dass es beim Krieg der Worte bleiben wird. Trump hat nämlich gute Gründe, eine militärische Auseinandersetzung in der Region nach Möglichkeit zu vermeiden.

►Ein Nahost-Krieg würde die sich abzeichnende weltweite Rezession dramatisch verschärfen. Der Ölpreis schoss bereits unmittelbar nach dem Drohnenangriff in die Höhe: Sprit kostete über Nacht 12 Prozent mehr – im Land der unbegrenzten Pick-up-Trucks kein Pappenstiel.

►Hohe Energiepreise gefährden die Industriejobs in den US-Bundesstaaten Ohio, Pennsylvania, Illinois, Michigan, West Virginia oder Indiana. Hier im »rust belt« (Rostgürtel) vor allem rekrutierte Trump vor drei Jahren seine Wähler.

► Der Iran ist militärisch eine hochgerüstete Mittelmacht: Mit 873.000 Soldaten (bei gleich hoher Bevölkerungszahl wie Deutschland) ist sein Militär vier Mal stärker als die Bundeswehr. Die Zahl der Schiffe übersteigt die der Deutschen Marine sogar um knapp das Fünffache. Und: Mit dem Bündnispartner Russland weiß der Iran eine Atommacht hinter sich. Ein Krieg mit dem Iran wäre also alles andere als ein »Spaziergang«.

► Vor allem aber: Trump kann weitere militärische Abenteuer auch innenpolitisch nicht gebrauchen. In einem Jahr will er neu gewählt werden. Er hat seinen Wählern versprochen, Amerika werde nicht mehr den »Weltpolizisten« spielen und sich aus seinen Auslandsverpflichtungen zurückziehen. Seit den Erfahrungen zuletzt in Afghanistan und dem Irak reagieren auch konservative Wähler höchst allergisch auf kostspielige militärische Interventionen Washingtons.

► Last, but not least: Trump tickt viel rationaler, als es seine ›Twitter‹-Botschaften vermuten lassen. »Military solutions are now fully in place and locked and loaded«, twitterte er bereits 2017. Adressat des Tweets war seinerzeit »der kleine Raketenmann« Kim Jong-un, dem Trump »fire and fury« (Feuer und Zorn) androhte. Zwei Jahre später betrat er als erster US-Präsident nordkoreanischen Boden.

► Nicht zu vergessen: Gerade erst feuerte Trump seinen Sicherheitsberater John Bolton, weil der den US-Präsidenten permanent drängte, seinen Worten auch Taten folgen zu lassen. Im Juni wollte Bolton den Präsidenten dazu überreden, auf die Krise in der Straße von Hormus mit einem Militärschlag gegen den Iran zu antworten. Trump lehnte in letzter Minute ab. Er feuerte keine Raketen – er feuerte seinen Scharfmacher Bolton. (oys)

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